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The Hydrogen Elevator

Jetzt nicht hektisch werden: Warum "flight to scale" eine riskante Option wäre

Europa müsse den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft beschleunigen, um geopolitisch handlungsfähig zu bleiben – aber pragmatischer und in kleineren Schritten als bisher geplant. Das ist die zentrale Botschaft, die Timo Bollerhey, CEO des H2Global-Abwicklers Hintco, und Michael Gauglitz, Vice President bei ST Engineering Energy Solutions, im Podcast „Hydrogen Elevator“ vermitteln, der am Rande des World Hydrogen Summit in Rotterdam aufgezeichnet wurde.

Bollerhey stellt die Gründung der European Resilience Alliance (ERA) im April 2026 in den Fokus. Dahinter stehen elf Industrieunternehmen und der Branchenverband Hydrogen Europe. In einem Whitepaper führt die Allianz aus, warum Wasserstoff aus ihrer Sicht so wichtig ist und woran es bisher scheitere. Wasserstoff rücke damit aus der „grünen Ecke“ in den Bereich strategischer Resilienz, sagt Bollerhey. Energieautarkie und Verteidigungsfähigkeit hätten erhebliche Schnittmengen – etwa bei Ammoniak für Munition oder grünem Stahl für die Rüstungsindustrie.

Wachsen mit dem Markt statt Flucht in den Gigawatt-Maßstab

China und Indien vereinen laut Gauglitz mittlerweile rund 60 Prozent der weltweiten Elektrolyse-Kapazität auf sich – nachdem Europa noch vor wenigen Jahren Technologie und Marktbereitung angeführt habe, so Bollerhey. „Die Welt wartet nicht auf Europa“, sagt er. Korea und Japan schlössen Energiepartnerschaften pragmatischer ab als europäische Akteure.

Zugleich warnt Bollerhey vor einem Reflex, den er „Flight to Scale“ nennt: Viele Projektentwickler planten aufgrund des Preisdrucks sofort Anlagen im Gigawatt-Maßstab statt mit 100 oder 500 MW zu beginnen. Das mache First-Mover-Projekte unnötig riskant und erschwere die Finanzierung. „Wenn wir immer nur warten, dass ich jetzt direkt mit 5 Gigawatt anfange, dann wird es schwierig“, so Bollerhey. Sinnvoller sei ein schrittweiser Aufbau mit Erweiterungsoption, der mit dem Markt mitwachsen könne.

Grünes Ammoniak nahe an Wirtschaftlichkeit

Bei den Preisen sieht Bollerhey insbesondere grünes Ammoniak nahe an der Wirtschaftlichkeit. Im Podcast verweist er auf einen Preis von 811 Euro. Nach Angaben des H2Global-Abwicklers Hintco war das der Nettoproduktpreis des ersten Zuschlags für erneuerbares Ammoniak aus Ägypten. Inklusive Lieferung nach Europa lag der Vertragspreis bei 1.000 Euro je Tonne. In Indien lägen die Preise teilweise bereits bei 500 bis 600 US-Dollar – allerdings nicht nach europäischer RFNBO-Zertifizierung. Nennenswerte Mengen grünen Wasserstoffs aus internationalen Projekten erwartet Bollerhey aber erst ab 2035, da Vertragsabschluss, Planung und Bau drei bis vier Jahre Vorlauf bräuchten.

Zum Vergleich: Ammoniak wird vor allem regional gehandelt, die Preise variieren daher deutlich. Im Mittleren Osten lagen öffentlich sichtbare Referenzpreise im Frühjahr 2024 bei 310 bis 360 US-Dollar je Tonne FOB. In Nordwesteuropa lagen sie Ende April 2026 bei 905 US-Dollar je Tonne CFR, in Indien im Mai 2026 bei 800 bis 850 US-Dollar je Tonne CFR.

Forderung: Klare Regulatorik und planbare Förderung

Beide Podcast-Gäste fordern einen Wechsel vom Diskussions- in den Umsetzungsmodus. Gauglitz nennt als Beispiel den geplanten Industriestrompreis: Unternehmen scheuten Investitionen in Elektrolyse, weil die Förderung nur drei bis vier Jahre garantiert sei, eine Elektrolyseanlage aber eine Perspektive über 10 bis 15 Jahre brauche. Bollerhey plädiert für eine Kombination aus klarer, planbarer Regulatorik und intelligenten Subventionsmechanismen nach dem Prinzip „whatever it takes“. Bei intelligentem Design müsse davon am Ende nur ein Bruchteil tatsächlich abgerufen werden.

Auch beim Import setzen beide auf Diversifizierung statt Abhängigkeit von einzelnen Regionen. Pipelines und Häfen müssten dabei nach Gauglitz’ Einschätzung gegen Cyber- und Drohnenangriffe abgesichert werden – Sicherheit sei „kein gegebenes Gut“ mehr.

Die neue Folge von The Hydrogen Elevator gibt es ab Dienstag, 26. Mai, unter  www.hzwei.info/podcast und überall, wo es Podcasts gibt.