Viele der 115 Teilnehmer der Hamburg Offshore Wind Conference (HOW 2026) – Entscheider aus den Bereichen Produktion, Netzinfrastruktur, Industrie und Regulierung – sind sich einig: Hohe Kosten, Lieferkettenprobleme und weiter steigende Zinsen bürden den Unternehmen zu viele Risiken auf.
Die HOW 2026, die traditionell im Frühjahr in der Hamburger Kaffeebörse stattfindet, wird gemeinsam vom Branchennetzwerk Erneuerbare Energien Hamburg (EEHH) und dem internationalen Beratungs- und Zertifizierungsunternehmen DNV veranstaltet.
Der Erfolg der europäischen Wasserstoffwirtschaft hängt maßgeblich vom Ausbau der Offshore-Windenergie ab. Umso alarmierender wirkt aus Sicht der Branche die gescheiterte Offshore-Ausschreibung in Deutschland im August 2025 sowie die Verschiebung der Auktion in diesem Jahr.
Diese Entwicklung ist auch für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft ein Warnsignal: Fehlt es an verlässlichem und skalierbarem Grünstrom, geraten die Geschäftsmodelle der H2-Ökonomie ins Wanken.
Ein geringerer Offshore-Ausbau könnte auch die wirtschaftlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen für Projekte wie AquaVentus (siehe HZwei Nr. 5–2025) oder ProHyGen (siehe HZwei Nr. 2–2026) verschlechtern. Diese wollen grünen Wasserstoff mithilfe von Windstrom direkt auf dem Meer erzeugen.
Das aktuelle Auktionsregime funktioniert offensichtlich nicht mehr. Auf diese Erkenntnis hatte die Offshore-Windbranche schon im vergangenen Jahr hingewiesen.
„Jetzt ist die Politik gefragt“, so Peter Frohböse, Segmentleiter Wind beim DNV. Die Bedeutung verlässlicher Rahmenbedingungen betont auch Jan Rispens, Geschäftsführer von EEHH: „Damit Offshore-Wind in Europa […] ein Wachstumsmotor bleiben kann, müssen Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette planbar sein.“ Genau diese Planbarkeit fehlt – mit direkten Auswirkungen auf den Wasserstoffhochlauf.
Fehlende Leitmärkte = systemisches Risiko
Die enge Verbindung von Wasserstoff, Offshore-Wind und Stahl zeigt sich auf der HOW 2026 besonders deutlich während der Podiumsdiskussion über „Grüne Leitmärkte“. „Sowohl die heutige Primärstahlproduktion, aber auch die Sekundärstahlproduktion müssen dekarbonisiert werden“, erklärt Yannik Sparrer von der Wirtschaftsvereinigung Stahl, wo er als Head of Industry Policy & Circular Economy für Leitmärkte zuständig ist. „Dafür braucht es neue Anlagen, bezahlbare erneuerbare Stromquellen und perspektivisch entsprechend Wasserstoff.“
Allein die Umstellung der Primärstahlproduktion werde den Strombedarf der Stahlindustrie massiv erhöhen – und damit die Notwendigkeit eines schnellen Ausbaus von Offshore-Windanlagen. „Der Strombedarf der Stahlbranche aus dem Netz liegt bereits heute bei etwa 12 TWh pro Jahr und wird durch den Betrieb von Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen noch deutlich steigen.“
Als eine der wichtigsten Quellen für diesen zusätzlichen Bedarf gelten aber die Anlagen der Offshore-Windenergie selbst. Denn die bestehen zu einem großen Teil aus Stahl. „Ein 1-GW-Offshore-Projekt benötigt rund 100.000 Tonnen Stahl“, erklärt Korbinian Ott, kaufmännischer Geschäftsführer bei Steelwind Nordenham. Wie andere auch weist er auf den unfairen Wettbewerb durch Billigimporte aus Asien hin und unterstreicht zugleich die Rolle seiner Branche als potenzieller Leitmarkt für klimaneutrale Grundstoffe.
Öffentliche Investitionen wichtig
Mit der Dekarbonisierung von Türmen für Windenergieanlagen könne der Sektor gezielt eine Nachfrage für grünen Stahl schaffen. Voraussetzung seien jedoch verlässliche politische Rahmenbedingungen und stabile Ausbaupfade. Korbinian Ott warnt davor, das Emissionshandelssystem der Europäischen Union (EU-ETS) als wichtiges marktbasiertes Instrument zu verwässern.
Und auch er bestätigt die Bedeutung von öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur für die Nachfrage nach grünem Stahl. Für den Wasserstoffhochlauf sei das entscheidend: Ohne diesen Markt fehlt ein wesentlicher Nachfrageanker.
Die wechselseitige Abhängigkeit ist offensichtlich: Offshore-Wind benötigt grünen Stahl; die Stahlindustrie benötigt grünen Strom und Wasserstoff zu bezahlbaren Preisen. Die Automobilindustrie braucht ebenfalls grünen Stahl – so wie die Erneuerung der Infrastruktur. Doch ohne funktionierende Märkte für CO2-armen Stahl fehlt die Zahlungsbereitschaft.
„Das gesamte produzierende Gewerbe ist aktuell in einer schweren wirtschaftlichen Situation“, sagt Yannik Sparrer. „Deshalb besteht derzeit in den Abnehmerbranchen kaum Bereitschaft, mehr für emissionsarmen Stahl zu bezahlen“. Die Politik könnte durch die Schaffung von Leitmärkten unterstützend wirken und die Nachfrage nach emissionsarmem Stahl anregen – sowohl in der öffentlichen Beschaffung als auch im Privatsektor. Die EU plant immerhin, emissionsarmen Stahl auf die Flottengrenzwerte im Automobilbereich anzurechnen.
Vor dem Hintergrund notwendiger Investitionen in die öffentliche Infrastruktur wie Brücken, Eisenbahnschienen und H2-Pipelines appelliert Sparrer in Richtung Gesetzgeber: „Lasst uns sektorübergreifende Win-Win-Situationen schaffen.“
Der Umstieg auf emissionsarmen Stahl könne den CO2-Fußabdruck bei der Herstellung von Offshore-Windturbinen um bis zu 80 Prozent senken. „Stahl ist hier nicht nur ein notwendiger Grundstoff; er trägt auch zur Reduzierung von Scope-3-Emissionen bei.“
Industrie für grüne Leitmärkte
Offshore-Windenergie könne zu einem führenden Markt für emissionsarmen Stahl made in EU werden, so Sparrer, wenn die Politik die richtigen Anreize schafft. Etwa mithilfe von Instrumenten, die für beide Sektoren Vorteile bringen sowie dem gezielten Einsatz des „Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaschutz“.
Wie auch der europäische Wasserstoff-Verband „Hydrogen Europe“ plädiert Sparrer dafür, nicht von Anfang an auf 100 Prozent grünen Wasserstoff zu setzen, weil das „unrealistisch“ sei.
Mit dem schrittweisen Einsatz von sogenanntem blauen oder türkisen Wasserstoff könne man die CO2-Emissionen schon deutlich reduzieren und zugleich den Wasserstoff-Hochlauf anreizen. Umweltverbände und Teile der EU-Kommission sehen das bekanntlich kritisch bzw. lehnen blauen Wasserstoff als Brückenlösung grundsätzlich ab.
Fossile Abhängigkeit ist teuer
Angesichts geopolitischer Krisen verweist Ditlev Engel, CEO Energy Systems bei DNV sowie Mitglied des DNV-Präsidiums, auf stark gestiegene Kosten für fossile Energieimporte: „Vor 44 Tagen begann der Konflikt in der Straße von Hormus. Und seitdem haben wir in der EU 22 Milliarden Euro verloren – an Mehrkosten für fossile Brennstoffe wie Erdöl und Gas.“
Treffender lässt sich die Bedeutung von Energieunabhängigkeit wohl kaum darstellen. Und dabei handelt es sich lediglich um die monetäre Seite der Rechnung. Deutschland deckt derzeit rund 30 Prozent seines Energiebedarfs aus eigener Produktion, fährt Engel fort. Der größte Teil muss also importiert werden, was entsprechend krisenanfällig ist. „Ich verstehe nicht, warum dieser Aspekt in der Politik nicht Top-Priorität hat.“
Energiesicherheit von größter Bedeutung
Eine DNV-Umfrage unter mehr als tausend führenden Vertretern der Energiebranche Anfang des Jahres 2026 zeige, dass 72 Prozent der Befragten Energiesicherheit als wichtigstes Ziel ansehen. Das war wohlgemerkt vor dem Iran-Krieg. Engel plädiert für einen beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien, das sei „die billigste und schnellste Methode, um Energie zu herzustellen.“
Zugleich mahnt er einfachere und stärker harmonisierte Rahmenbedingungen in Europa an, denn unterschiedliche nationale Standards bremsen den Ausbau. Außerdem erinnert Engel daran, dass Deutschland ein entscheidender Akteur ist, um das angestrebte Ausbauziel von europaweit jährlich rund 15 Gigawatt Offshore-Windleistung zu erreichen.
Bei industrieller Skalierung, verbunden mit langfristigen, verbindlichen politischen Zusagen – wie zuletzt auf dem Nordseegipfel in Hamburg – sei das durchaus realistisch.
Recycling im Fokus
Die Podiumsdiskussion zeigt auch Potenziale für geschlossene Materialkreisläufe auf. Der Stahl aus zurückgebauten Offshore-Anlagen kann definitiv wiederverwertet und erneut eingesetzt werden. Zwar ist auch das zunächst einmal mit höheren Kosten verbunden. Dennoch sollte man hier über konkrete Ansätze und Pilotprojekte nachdenken, argumentiert Yannik Sparrer.
„Die Frage lautet doch: Wie viel mehr Geld sind wir als Gesellschaft, Industrie und europäische Staaten bereit, für Resilienz, Nachhaltigkeit und Stabilität zu zahlen?“, resümiert er zum Abschluß der Veranstaltung. Niemand könne erwarten, das alles umsonst zu bekommen. Und die Politik begreife langsam, dass man da ein Preisschild dranheften muss.