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Podcast

Aldag und Chatzimarkakis: Europa darf Elektrolyseur-Technologie nicht an China verlieren

Sunfire-CEO Nils Aldag und Jorgo Chatzimarkakis, CEO des europäischen Branchenverbands Hydrogen Europe, formulieren klare industriepolitische Forderungen. Das Gespräch wurde am Rande des H2 Forum in Berlin aufgezeichnet. Moderator Jürgen Pfeiffer konfrontierte beide mit der Frage, ob man sich das deutsche Qualitätsversprechen bei der Elektrolyse noch leisten könne.

Preisvergleich mit China: Europäische Hersteller auf Systemebene gleichauf

Aldag erklärte, europäische Elektrolyseure seien keinesfalls um ein Vielfaches teurer als chinesische. Die oft zitierten Zahlen von 600 Dollar pro Kilowatt für chinesische gegenüber 2.500 Dollar für europäische Anlagen seien überholt. „Wir Hersteller von Elektrolyseuren haben Riesenschritte gemacht, insbesondere in Europa. Auf der europäischen Seite liegen wir heute eher bei 1.000 bis 1.500 Dollar für eine voll installierte Anlage", sagte Aldag. Auf Systemebene – also inklusive Fundament, Gebäude und Stromzuleitungen – hätten chinesische Anlagen laut Studien von Bloomberg New Energy Finance keinen Kostenvorteil mehr. Aldag betont zudem die Qualität: „Anders als die Chinesen bauen wir übrigens Elektrolyseure, die funktionieren." Sunfire-Anlagen seien in Stahlwerken und an Kraftwerksstandorten von RWE, Total oder Salzgitter im Einsatz – Umgebungen, in denen fehlerhafte Gasseparation lebensgefährlich wäre. Das Dresdner Unternehmen ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer bei der Hochtemperatur-Elektrolyse (Solid Oxide Electrolysis Cell, SOEC) und verfügt über einen Auftragsbestand von rund 800 Megawatt.

Chatzimarkakis: Elektrolyseure sind systemisch notwendig

Chatzimarkakis, der seit 2021 CEO von Hydrogen Europe ist und den Verband auf über 600 Mitglieder ausgebaut hat, setzte bei einem strukturellen Problem an: Europa regle derzeit fast 28 Prozent der Windenergie aus der Nordsee ab – bezahlter, aber nicht genutzter Strom. Der Elektrolyseur als Verbindung zwischen überschüssigem Strom und dem Gasnetz sei keine Option, sondern eine Notwendigkeit. „Wir können diesen Übertrag von überschüssigem Strom in die Rohre nicht ohne Elektrolyseure machen. Das heißt, allein schon deswegen brauchen wir sie systemisch — das ist kein Luxus, das ist ein absolutes Muss", sagte Chatzimarkakis. Ein regulatorischer Konstruktionsfehler verstärke das Problem: In der EU-Systematik würden Elektrolyseure bisher als bloße Stromverbraucher gelten und entsprechend behandelt. Chatzimarkakis zeigte sich vorsichtig optimistisch, dass Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche das als Problem erkannt habe. Zudem sehe Reiches Netzpaket-Entwurf vor, Einspeisevergütungen für erneuerbare Energien an Engpasspunkten zu streichen – das sei ein Signal für den Vorrang systemdienlicher Flexibilitätsoptionen.

Forderung nach Herkunftsbindung für grüne Moleküle

Beide Gesprächspartner sprachen sich gegen Zölle, aber für gezielte Marktschutzmaßnahmen in der Frühphase aus. Aldag beschrieb das Paradox: „Wenn ich durch staatlich subventioniertes chinesisches Equipment die Hälfte oder sogar alle Projekte verliere, die ich hier mit europäischen Steuergeldern in Europa realisiere, dann realisieren die mit unseren Steuergeldern ihre Kostendegression — und machen ihre Anlagen billig, während wir teuer bleiben, weil wir nicht dazu kommen, Anlagen zu bauen." Chatzimarkakis forderte eine Herkunftsbindung: Europa solle Wasserstoffimporte aus Drittländern nur dann abnehmen, wenn für deren Produktion europäische Elektrolyseure eingesetzt wurden. Andere Weltregionen praktizierten dies längst. Aldag bestätigte das aus eigenen Gesprächen mit Energieministern potenzieller Exportländer.

Wasserstoff als Dual-Use-Technologie auch fürs Militär

Unter veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen rückte auch die Rolle von Wasserstoff als Dual-Use-Technologie in den Fokus. Sunfire ist Teil eines Konsortiums mit Rheinmetall, das synthetische Kraftstoffe für Verteidigung und kritische Infrastruktur produzieren will. Aldag zog einen Vergleich: Deutschland diskutiere über 30 Milliarden Euro für Schutzräume. Dasselbe Geld in Elektrolyseurkapazitäten investiert, würde eine Energieresilienzbasis schaffen. „Denn wenn wir die Energie nicht mehr haben, um uns zu verteidigen, dann helfen uns auch die ganzen Schutzräume nicht." Chatzimarkakis warb für das Konzept einer „souveränen Marktwirtschaft", die Energiesouveränität und industrielle Resilienz in den Mittelpunkt stelle. Wer Schlüsseltechnologien sehenden Auges an die chinesische Konkurrenz abtrete, wiederhole den Fehler der Solarindustrie.

Appell an die Bundeswirtschaftsministerin

Zum Abschluss richteten beide einen Appell an Bundeswirtschaftsministerin Reiche. Aldag sagte: „Liebe Frau Bundesministerin Reiche, wir haben mit der RED III im Transportsektor einen sehr guten ersten Schritt gemeinsam gemacht. Deutsche Elektrolyseur-Hersteller sind Weltspitze. Wir brauchen nach diesem ersten Kraftakt, den wir gemeinsam gestemmt haben, einen zweiten Kraftakt, der die Industrie adressiert. Lass uns das gemeinsam machen." Chatzimarkakis forderte: „Ludwig Erhard hat die soziale Marktwirtschaft eingeführt. Jetzt ist es an dir, ein neues Paradigma zu setzen. Wir brauchen die souveräne Marktwirtschaft. Eine souveräne Marktwirtschaft verteidigt unsere Regeln, verteidigt unsere Demokratie. Das geht nur mit einer industriellen Resilienz und einer Souveränität bei Energie. Das können wir nur schaffen mit Wasserstoff — und nicht gegen Wasserstoff."

Der Podcast „The Hydrogen Elevator" erscheint jeweils am letzten Dienstag im Monat in Kooperation mit dem Fachmagazin HZwei. Die erste Episode gibt es ab dem 31. März um 8 Uhr hier