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Weißer Wasserstoff

Mantle8 und Hydrogen Europe fordern eine Milliarde für Suche nach natürlichem Wasserstoff

Eine Koalition europäischer Energie-, Industrie-, Technologie- und Investmentorganisationen hat am 28. Oktober 2026 einen offenen Brief an die EU-Kommission veröffentlicht. Darin fordern die Unterzeichner einen regulatorischen Rahmen für die Erkundung von natürlichem Wasserstoff in Europa. Initiiert wurde der Brief vom französischen Explorationsunternehmen Mantle8, die Federführung liegt beim Branchenverband Hydrogen Europe. Übergeben wurde das Schreiben während der European Hydrogen Week in Brüssel. Adressaten sind unter anderem Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die Exekutiv-Vizepräsidenten Teresa Ribera und Stéphane Séjourné sowie die Kommissare Dan Jørgensen, Wopke Hoekstra, Ekaterina Zaharieva und Jessika Roswall.

Eine Milliarde Euro für 50 Bohrungen nach natürlichem Wasserstoff

Konkret schlägt die Koalition eine Förderkulisse von einer Milliarde Euro vor. Damit sollen rund 50 Erkundungs- und Bewertungsbohrungen in mindestens zehn Mitgliedstaaten finanziert werden, darunter auch die baltischen Staaten und osteuropäische Länder. Nach Angaben der Unterzeichner entspricht diese Summe weniger als 0,3 Prozent der EU-Ausgaben für fossile Energieimporte im Jahr 2025 – oder etwa einem Tag an Importausgaben. Das Geld soll geologische Bewertung, Bohrungen, Durchflusstests und Pilotproduktion abdecken, ebenso die Technologien zur Abtrennung, Reinigung und Aufbereitung des Gases.

Der Brief benennt vier politische Prioritäten:

– eine technologieneutrale Ausgestaltung des EU-Wasserstoffrahmens, in dem natürlicher Wasserstoff bei Erfüllung der 70-Prozent-Schwelle für Treibhausgaseinsparungen zertifizierungsfähig wird

– die Bereitstellung des Milliardenbudgets und transparente und beschleunigte Genehmigungsverfahren mit festen Fristen in den Mitgliedstaaten

– den Zugang zu öffentlich finanzierten Untergrunddaten

– den Aufbau eines europaweiten Atlasses für natürlichen Wasserstoff.

Allianz sieht Europa regulatorisch im Rückstand

Die Koalition warnt, Europa drohe institutionell und regulatorisch den Anschluss zu verlieren. Als Beispiele nennt der Brief mehrere Länder, die bereits Strukturen für die Erkundung natürlichen Wasserstoffs geschaffen haben. In den USA habe das Energieministerium 20 Millionen US-Dollar für 16 Forschungsprojekte bereitgestellt, der US Geological Survey habe nationale Bewertungswerkzeuge veröffentlicht. Australien kombiniere bundesstaatliche Lizenzierung mit geologischer Bewertung auf föderaler Ebene. Brasiliens Wasserstoffgesetz von 2024 erkenne geologischen Wasserstoff als erneuerbar an. Die kanadische Provinz Saskatchewan habe 15 sechsjährige Genehmigungen für über 267.000 Hektar vergeben, die ausdrücklich auch natürlichen Wasserstoff umfassen. „Europa riskiert, die Wissenschaft zu betreiben, während andere die Technologie, das Kapital und die Arbeitsplätze einsammeln“, heißt es im Brief.

Auf EU-Ebene gibt es nach Darstellung der Koalition erste Schritte: Das mit zwei Millionen Euro ausgestattete Forschungsprojekt H2-Quest sowie eine zwölfmonatige Pilotstudie der Generaldirektion Grow sollen das europäische Potenzial bewerten. Zudem hat die Kommission am 26. Oktober 2026 eine Konsultation zur überarbeiteten EU-Wasserstoffstrategie gestartet, in der natürlicher Wasserstoff erstmals explizit als aufkommende Quelle für Forschung und Innovation genannt wird. Forschung und Kartierung allein schafften jedoch keinen investierbaren Markt, argumentieren die Unterzeichner.

Potenzial für natürlichen Wasserstoff ist noch unklar

Natürlicher Wasserstoff entsteht durch geologische Prozesse im Untergrund und kann sich in unterirdischen Reservoirs ansammeln. Anders als per Elektrolyse oder aus fossilen Energieträgern gewonnener Wasserstoff wäre er eine primäre Energiequelle. Zur Marktreife müssten Trennung, Reinigung und Konditionierung hinzukommen. Die Allianz verweist auf Modellierungen des US Geological Survey, die auf große Ressourcen hindeuten – allerdings sei der Großteil wahrscheinlich nicht wirtschaftlich förderbar. In Europa hätten Forschungen in Lothringen Hinweise auf nennenswerte Vorkommen geliefert.

Zur Einordnung des Potenzials nennt der Brief eine illustrative Rechnung: 100 Millionen Tonnen förderbarer natürlicher Wasserstoff entsprächen einem Bruttoressourcenwert von rund 100 bis 200 Milliarden Euro. Würde diese Menge fossil erzeugten Wasserstoff ersetzen und die EU-Schwelle für Treibhausgaseinsparungen erfüllen, ließen sich rechnerisch etwa 790 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent vermeiden.

Mantle8 arbeitet an Vorhersagemethoden für Reservoirs

„Wir haben diesen Brief initiiert, weil Europa dem natürlichen Wasserstoff eine faire Chance geben muss, erkundet zu werden“, sagt Emmanuel Masini, Gründer und CEO von Mantle8. Die Branche verfüge über wissenschaftliche Expertise und technologische Fähigkeiten, der Fortschritt hänge aber von passenden regulatorischen Bedingungen ab. Jorgo Chatzimarkakis, CEO von Hydrogen Europe, ergänzt: „Die EU hat die Möglichkeit, die Entwicklung des natürlichen Wasserstoffs von Anfang an zu gestalten und sicherzustellen, dass sein Potenzial in einem kohärenten europäischen Rahmen bewertet wird.“

Mantle8 wurde 2019 gegründet und hat seinen Sitz im französischen Grenoble. Das Unternehmen entwickelt Methoden, um aktive unterirdische Wasserstoffbildung zu identifizieren und geologische Strukturen zu finden, in denen sich das Gas vor einer Bohrung in wirtschaftlich relevanten Mengen ansammeln könnte. Zu den Investoren zählen nach Firmenangaben Sandwater, Breakthrough Energy Ventures, BPI, IP Group, Wind Capital und Calderion. Zu den über 30 Unterzeichnern des offenen Briefs gehören neben Hydrogen Europe und Mantle8 unter anderem Cleantech for Europe, France Hydrogène, Technip Energies, Vallourec, Thyssengas, Storengy, Teréga, H2Site, Axens und die European Federation of Geologists.