Das Norddeutsche Reallabor (NRL) hat erste Ergebnisse aus seiner sozialwissenschaftlichen Analyse zum Markthochlauf von grünem Wasserstoff veröffentlicht. Die Studie mit dem Titel „Wasserstoff in der Industrie: Zwischen Aufbruch und Blockade“ basiert auf den sogenannten Transformation Labs, die 2024 in Hamburg stattfanden. Dort diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Industrie, Energiewirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft über Hemmnisse und Treiber der Wasserstoffnutzung in industriellen Prozessen.
Zentrale Erkenntnis der Studie: Der Hochlauf grünen Wasserstoffs wird durch einen komplexen Hemmniskreislauf behindert. Fehlende Wirtschaftlichkeit, unklare regulatorische Vorgaben und mangelnde Infrastruktur bedingen sich gegenseitig und erschweren Investitionen. Die Analyse wurde vom Competence Center für Energiewende (CC4E) an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg durchgeführt.
„Die Energiewende ist mehr als eine technologische Transformation“, sagt Simon Güntner, Professor für Sozialwissenschaften und wissenschaftlicher Leiter des Autorenteams. „Nur wenn die Perspektiven, Interessen und Erwartungen ganz unterschiedlicher Akteure frühzeitig einfließen, kann der Markthochlauf wesentlicher Technologien gelingen.“
Ein zentrales Problem aus Sicht der Teilnehmenden ist die Unsicherheit bei der Umsetzung der EU-Richtlinien RED II und RED III. Diese führe zu Investitionshemmnissen, da Geschäftsmodelle und Wirtschaftlichkeit nicht planbar seien. Weitere Hürden seien langwierige Genehmigungsverfahren, hohe Strompreise und fehlende Import- und Speicherinfrastruktur. Als förderlich für den Hochlauf wurden unter anderem einheitliche Genehmigungsprozesse, niedrigere Stromkosten und eine stärkere gesellschaftliche Akzeptanz genannt.
Szenarioanalyse zeigt nur einen gangbaren Weg
Die Studie enthält eine Szenarioanalyse, die auf den Diskussionen der Transformation Labs basiert. Dabei wurde nur ein einziges Szenario identifiziert, das zu einem erfolgreichen Markthochlauf führen könnte. Dieses erfordert ein koordiniertes Zusammenspiel von Regulatorik, Förderung, Infrastruktur und Kommunikation. Die Analyse zeigt, dass viele Stellschrauben voneinander abhängig sind. So verhindere etwa fehlende Infrastruktur Investitionen, während Investitionen wiederum Voraussetzung für den Infrastrukturausbau seien. Auch Förderprogramme könnten nur dann wirken, wenn Genehmigungsverfahren effizienter und der Fachkräftemangel adressiert würden.
Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung
Die Studienautorinnen und -autoren formulieren mehrere Empfehlungen, um den Markthochlauf zu beschleunigen:
- Genehmigungsverfahren sollten durch einheitliche Vorgaben und besseren Austausch zwischen Behörden beschleunigt werden. Die Wirtschaftlichkeit könne durch niedrigere Betriebskosten, etwa über eine Strompreisbrücke, verbessert werden.
- Der Ausbau von Importterminals, Speichern und Transportnetzen müsse frühzeitig erfolgen und mit industriellen Transformationsprozessen abgestimmt werden.
- Eine transparente Kommunikation und stärkere Beteiligung von Bürgern und Kommunen könne die gesellschaftliche Akzeptanz erhöhen.
- Die Studie macht deutlich: Einzelmaßnahmen reichen nicht aus. Der Markthochlauf von grünem Wasserstoff erfordert ein abgestimmtes Vorgehen über alle relevanten Handlungsfelder hinweg.