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Wasserstoff aus Oman

Grünes Eisen, klare Kante

Text: Natascha Plankermann

Für die Produktion von grünem Wasserstoff wird entsalztes Meerwasser benötigt – wie es zahlreiche Anlagen entlang der omanischen Küste liefern, darunter die Entsalzungsanlage in Barka, rund eine Stunde westlich von Muscat.

© Natascha Plankermann

Für die Produktion von grünem Wasserstoff wird entsalztes Meerwasser benötigt – wie es zahlreiche Anlagen entlang der omanischen Küste liefern, darunter die Entsalzungsanlage in Barka, rund eine Stunde westlich von Muscat.

„Wir erleben, was jede Energiewende mit sich bringt: Verzögerungen“, sagt Omans Energieminister Salim Al Aufi. Er vergleicht die momentane Situation mit derjenigen der britischen Marine, die den Wechsel von Kohle zu Öl beim Antrieb ihrer Schiffe erst nach einem längeren Übergang bewältigte. Damit will der Minister keinen Heldenmythos heraufbeschwören, sondern an das erinnern, was Transformationen ausmacht: der richtige Takt, ein langsamer Aufbau von Infrastruktur – und Durchhaltevermögen. Das bedeutet für die Omaner derzeit unter anderem, anzuerkennen, dass die Zertifizierungen und Regulierungen für die Herstellung und den Transport von grünem Wasserstoff komplex sind. Außerdem müssen sie Illusionen bezüglich der Nachfrage korrigieren. Europa kommt den Versprechen aus den gemeinsamen Absichtserklärungen in Hinblick auf die Abnahme von grünem Wasserstoff nicht nach. Daraus folgt der Kurswechsel, der beim „Green Hydrogen Summit“ spürbar wurde. Dazu trafen sich EU-Vertreter und omanische Entscheidungsträger in der Hauptstadt Muscat. Die Tendenz des Treffens: weg vom bloßen Molekülversprechen, hin zu Anwendungen, die im Land Wertschöpfung erzeugen und gleichzeitig europäische Lieferketten stabilisieren.

Exportprodukte an CBAM ausgerichtet

Die Zielmarke bleibt klar: Bis 2030 sollen in Oman 1 Million Tonnen grüner Wasserstoff pro Jahr produziert werden, 8 Millionen Tonnen bis 2050. Dadurch sollen die Produzenten im Land größtenteils auf grünen Wasserstoff umstellen können – ein Plan, der zu den Nachhaltigkeitsvorhaben der „Vision 2040“ des Landes passt. Die grünen Moleküle sollen nicht isoliert gedacht, sondern in industrielle Prozesse integriert werden. Sie sollen Arbeitsplätze schaffen und Exportprodukte liefern, die mit dem CBAM-Mechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism) kompatibel sind. Dabei handelt es sich um EU-Importzölle auf Basis des CO2-Fußabdrucks. Hier liegt die Verbindung zwischen omanischer Industriepolitik und europäischen Klimaregimen: CBAM definiert Spielregeln, an denen sich Produktion und Investitionen ausrichten lassen.

„Oman sieht in den EU-Plänen für diesen CO2-Grenzausgleichsmechanismus keine Bedrohung, sondern die Chance, eine wettbewerbsfähige grüne Industrie und damit Arbeitsplätze aufzubauen“, sagt Dawud ­Ansari, Präsident der Denkfabrik Majan Council im Land und Autor des „Oman Clean Energy Strategic Outlook“.

In diesem Zusammenhang wächst die Bedeutung möglicher Transportwege nach Europa und vor allem nach Deutschland. „Der India-Middle East-Europe Economic Corridor (IMEC) kann eine Lebensader für Europas Industrie werden“, sagt Jorgo Chatzimarkakis, CEO von Hydrogen Europe. Gemeint ist keine romantische Vorstellung neuer Seidenstraßen, sondern eine Logik der Anschlussfähigkeit. Diese kann für Stahlrohprodukte ebenso wie für Ammoniaklieferungen gelten. Für Ammoniak nennt Chatzimarkakis die ACME Group als Beispiel: Das indische Energieunternehmen baut dort eine Anlage, die Ende 2026 starten soll; erste Ammoniak-Lieferungen per Schiff nach Europa sind für Anfang 2027 vorgesehen. In der ersten Phase sind etwa 100.000 Tonnen grünes Ammoniak pro Jahr geplant, perspektivisch fast 1 Million. Zunächst will ACME Elektrolyseure asiatischer Hersteller einsetzen, mittelfristig aber auch mit europäischen Technologiepartnern wie Thyssenkrupp Nucera kooperieren.

Wer in Oman grüne Moleküle erzeugt und sie in Produkte überführt, die in Europa unmittelbar einsetzbar sind, reduziert Transformationsrisiken auf beiden Seiten. Das erklärt, warum Projekte in Omans Hafenstadt Duqm nicht nur auf Ammoniak abzielen, sondern direkt auf Düngemittel und die Schnittstelle zur Stahlindustrie.

An der neuen Wasserstofftankstelle in Muscat wartet Sharik mit dem Tankstutzen auf­ ­Kundschaft.

© Natascha Plankermann

An der neuen Wasserstofftankstelle in Muscat wartet Sharik mit dem Tankstutzen auf­ ­Kundschaft.

Vorprodukte für die Stahlindustrie aus Duqm

Deshalb entstehen in Duqm weitere Industrieanlagen, die Wasserstoff nicht als Ziel, sondern als Mittel begreifen. Der indische Stahlkonzern Jindal bereitet ein Werk vor, das 2027 den Betrieb aufnehmen soll. „Es startet seine Produktion mit Erdgas und stellt schrittweise auf Wasserstoff um“, sagt Dr. Firas Al Abduwani. Dieser Pfad der schrittweisen Substitution mag unspektakulär wirken, ist aber realistisch. Er ermöglicht es, Betriebsmodelle zu testen und den Wasserstoffanteil immer weiter zu erhöhen, sobald Mengen steigen und Preise fallen. Geplant ist, den europäischen Markt, insbesondere Deutschland, mit CO2‑ärmeren Vorprodukten zu versorgen. Interessant dabei: Jindal Steel International hat ein Kaufangebot für die Stahlsparte von Thyssenkrupp (Thyssenkrupp Steel, TKSE) gemacht. Bei Redaktionsschluss (Mitte Januar 2026) wurde über eine mögliche schrittweise Übernahme verhandelt.

Das Unternehmen Meranti Green Steel mit Sitz in Singapur verfolgt ebenfalls den Gedanken, Stahl-Vorprodukte aus Oman zu liefern – in einer Form, die direkt auf europäische Engpässe zielt. „Europa braucht solche grünen Vorprodukte, um wettbewerbsfähig zu bleiben – und politisch stabile Partner wie Oman, die liefern können“, sagt Sebastian Langendorf, CEO von Meranti Green Steel und gebürtiger Freiburger. In Duqm baut sein Unternehmen dafür eine Direktreduktionsanlage mit wachsendem Anteil grünen Wasserstoffs. Produziert wird HBI, heiß brikettiertes Eisen, das in Europa weiterverarbeitet werden kann. Die Vorarbeit ist gemacht: Gas wird durch die Oman Integrated Gas Company zugeteilt, die vorläufige Investitionsgenehmigung durch Oman Invest liegt ebenso vor wie ein Bankenmandat mit der KfW IPEX-Bank. Als Wasserstoffpartner fungiert Amnah Energy,mit Mehrheitsbeteiligung von Copenhagen Infrastructure Partners. Der Baubeginn ist Ende 2026 geplant, Mitte 2029 soll der Betrieb starten. Zu den Abnehmern des Roheisens zählt unter anderem Thyssenkrupp Materials Trading. Die Transportkette ist skizziert: – via Rotterdam oder Antwerpen. Duqm reduziert, Duisburg veredelt – CBAM‑kompatibel.

Worauf es in dieser Phase ankommt, ist weniger das große Versprechen, alles auf Wasserstoff umzustellen – vielmehr müssen Nutzen und Skalierbarkeit sauber verzahnt werden. Genau darüber sprachen Experten auch während einer Masterclass des Fraunhofer‑Instituts für Schicht‑ und Oberflächentechnik IST während des Summits in Muscat. „Der sogenannte Eisenschwamm ist der Schlüssel für die CO2-arme Stahlproduktion. Zwar sind in Deutschland drei Anlagen für die Direktreduktion in Duisburg, im Saarland und in Salzgitter beauftragt. Doch solange die Kosten für grünen Wasserstoff nicht deutlich sinken und günstige Importe ausbleiben, bleibt die vollständige Umstellung auf Wasserstoff schwierig. Oman kann in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle für die Energiewende in Deutschland und für den Markthochlauf von grünem Stahl in Europa spielen“, sagte Florian Scheffler. Das ist keine Absage an heimische Produktion, sondern ein Plädoyer für Übergänge, die funktionieren.

Oman

• Bevölkerung: ca. 4,6 Millionen Einwohner

• Arbeitsmarkt & Vision 2040: Der Thinktank Majan Council schätzt, dass mehr als 20.000 neue Jobs durch Wasserstoff und grüne Stahlprojekte geschaffen werden können.

• Aktuelle Wirtschaftsstruktur: Öl/Gas tragen rund 37 Prozent zum BIP bei, 65 Prozent der Exporte und 72 Prozent der Staatseinnahmen stammen aus diesem Sektor (2023, GTAI).

• Flächenpotenzial: 50.000 km2 für Wasserstoff-Zonen.

• Produktionsziele: 1 Million Tonnen grüner Wasserstoff pro Jahr bis 2030, 8 Millionen Tonnen bis 2050.

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