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Project Bodø Hydrogen, Norwegen

Mit grünem Wasserstoff zu den Lofoten

Text: Holger Matthiesen

Foto: © Einar Aslaksen

Der Blick vom Fähranleger in Bodø schweift weit über den Vestfjord, der sich vor dem Hafen öffnet. An windstillen Tagen wirkt die Überfahrt zu den Lofoten beinahe friedlich, an anderen zeigt sie eindrucksvoll, wie rau die See nördlich des Polarkreises sein kann. Die Verbindung zwischen dem norwegischen Festland und den Lofoten ist die längste reguläre Fährroute des Landes. In der kleinen Stadt Bodø entsteht derzeit eines der größten Wasserstoffprojekte Norwegens. Künftig soll Wasserstoff hier zum festen Bestandteil des Alltags werden – für die Menschen, die in der Region leben, ebenso wie für ihre Besucher.

Mit gesicherter Nachfrage gelingt der Start

Das Rückgrat der ersten Ausbaustufe mit einer Leistung von 20 Megawatt bildet ein langfristiger Abnahmevertrag mit dem Fährbetreiber Torghatten Nord. Er war entscheidend, um das bekannte Henne-Ei-Problem zwischen Wasserstoffproduktion und -nutzung zu lösen. Die garantierte Abnahme schafft verlässliche Erlöse und reduziert die Risiken bei der Projektfinanzierung erheblich. Öffentlich regulierte oder konzessionierte Verkehrsangebote eignen sich deshalb besonders gut als Ankerkunden für den Aufbau einer regionalen Wasserstoffinfrastruktur.

Nach Abschluss von Inbetriebnahme und Testbetrieb soll der Regelbetrieb im Jahr 2027 beginnen. Dann werden zwei jeweils 117 Meter lange Fähren – die bislang größten wasserstoffbetriebenen Fähren der Welt – bis zu 120 Fahrzeuge und knapp 600 Passagiere pro Überfahrt nach Moskenes auf den Lofoten befördern. Durch den Einsatz von täglich fünf bis sechs Tonnen grünem Wasserstoff lassen sich Schätzungen zufolge rund 26.500 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr einsparen. Damit wird die Route zu einem wichtigen Beispiel dafür, wie sich klimafreundliche Technologien auch unter anspruchsvollen maritimen Bedingungen etablieren können.

Das Wasserstoffprojekt ist bewusst modular angelegt und kann perspektivisch erweitert werden. In einer möglichen Phase 2 können weitere 10 Megawatt hinzukommen. Planung und Engineering der aktuellen Phase sind bereits abgeschlossen, die zentralen Komponenten befinden sich in der Auslieferung. Der Bau und die Installation am Hafenstandort sind bereits im Gange.

Gerade im maritimen Bereich zeigt sich besonders deutlich, unter welchen Voraussetzungen Wasserstoff-Mobilität rein batterieelektrische Antriebe schlägt. Das gilt auch für Schiffe, die in Küstennähe operieren, beispielsweise für Fähren mit längeren Querungen sowie für Offshore-, Öl- und Gas-Versorgungsschiffe.

Das substanzielle Gewicht und hohe Volumen der Batterien an Bord, die für längere Reichweiten benötigt werden, erweisen sich in mehrerer Hinsicht als limitierende Faktoren: in der Gestaltung der Schiffe, beim zulässigen Ladegewicht und auch bei der Flexibilität im Betrieb.

Dafür gibt es bereits heute wasserstoffbasierte Lösungen als praktikable, emissionsfreie Option. Die Bodø-Moskenes-Route steht exemplarisch für einen regulierten, verlässlichen Verkehrsbedarf – und damit für genau jene Planungssicherheit, die Investitionen in neue Infrastruktur ermöglicht.

Kurze Wege im Hafen

Ein zentrales Merkmal des Projekts ist die räumliche Integration. Die Wasserstoffanlage entsteht direkt am Hafen, Speicher und Verdichtungslösungen sind von Beginn an Teil des Gesamtkonzepts. Außerdem umfasst das Projekt ein direkt angebundenes Bunkersystem, über das der in der Anlage erzeugte Wasserstoff nach dem Kaskadenprinzip an Schiffe abgegeben werden kann.

Die kurzen Wege erhöhen nicht nur die Effizienz, sondern vereinfachen auch Sicherheits-, Genehmigungs- und Betriebskonzepte. Der Hafen wird damit zum Systemraum, in dem Erzeugung, Logistik und Nutzung zusammengeführt werden.

Für Hafenbetreiber und Kommunen ist dieser Ansatz besonders relevant. Er redu­ziert Komplexität, weil Schnittstellen minimiert und Verantwortlichkeiten klar zugeordnet werden können. Statt vieler isolierter Einzelmaßnahmen entsteht ein konsistentes System, das sich schrittweise erweitern lässt – etwa durch zusätzliche Abnehmer, höhere Produktionsmengen oder neue Schiffstypen.

Diese Konfiguration macht den Ansatz auch über den Einzelfall hinaus relevant. Viele europäische Hafen- und Küstenregionen verfügen über ähnliche Voraussetzungen. Dazu zählt etwa der Zugang zu einer verlässlichen Stromversorgung auf Basis erneuerbarer Energien, wie er für viele Standorte in Nordnorwegen typisch ist.

Die Kombination aus planbarer Verfügbarkeit an Grünstrom und räumlicher Nähe zwischen Erzeugung und Abnahme schafft günstige Voraussetzungen für einen kontinuierlichen Betrieb – ein nicht zu unterschätzender Faktor für die Wirtschaftlichkeit in der frühen Marktphase.
Perspektivisch eröffnet das integrierte Anlagenkonzept zudem die Möglichkeit, Nebenprodukte wie Abwärme oder Sauerstoff aus dem Elektrolyseprozess vor Ort zu nutzen. Solche Effizienzgewinne erhöhen die Standortattraktivität, ohne zusätzliche Infrastrukturen vorauszusetzen.

Verlässlichkeit als Investitionsfaktor

Der Hochlauf maritimer Wasserstoffanwendungen ist auf ein verlässliches regulatorisches Umfeld angewiesen. In Norwegen treffen klare klimapolitische Ziele im Verkehrssektor auf eine umfassende Förderlandschaft.

Die gezielte Unterstützung des Markthochlaufs wasserstoffbasierter Schifffahrt – unter anderem durch Förderprogramme des staatlichen Unternehmens ENOVA – umfasst sowohl den Bau von Schiffen als auch den Aufbau der erforderlichen Wasserstoffinfrastruktur. Dabei können Fördermittel bis zu 80 Prozent der Mehrkosten abdecken, die beim Ersatz eines dieselbetriebenen Schiffs durch ein wasserstoffbasiertes Antriebssystem entstehen.

© Torghatten/Einar Aslaksen

Keine detailverliebte Regulatorik

Für den Markthochlauf ist nicht die Abwesenheit von Regulierung entscheidend, sondern deren konkrete Ausgestaltung und Anwendung. Förderprogramme wie die von ENOVA sind zwar mit Berichts- und Compliance-Anforderungen verbunden, die in der Umsetzungsphase zusätzliche Herausforderungen mit sich bringen können.

Gleichzeitig zeigt das norwegische Beispiel, dass ein technologieoffener Förderrahmen in Verbindung mit einem klaren Fokus auf frühe Anwendungen und sektorale Prioritäten die Realisierung von Projekten ermöglicht, ohne dass alle regulatorischen Detailfragen im Vorfeld abschließend geklärt sein müssen.

Norwegen ist zwar Teil des europäischen Binnenmarkts, aber nicht Mitglied der EU. Dennoch nimmt das Land keine Sonderrolle ein, sondern treibt gezielt die Einführung von grünem Wasserstoff voran – insbesondere durch die Förderung der Nachfrage, etwa im maritimen Verkehr, und durch verlässliche politische Rahmenbedingungen.

Vorbild für die EU?

Die Kombination aus ambitionierten Zielen, gezielter Nachfrageförderung und pragmatischer Umsetzung bietet eine gute Orientierung für andere europäische Küstenregionen sowie für die EU-Debatte, wie der Hochlauf von grünem H2 durch weniger restriktive Vorgaben beschleunigt werden kann.

Ein struktureller Vorteil Norwegens liegt in seinem Stromsystem: Der nahezu vollständig erneuerbare Strommix sorgt dafür, dass EU-Anforderungen an grünen Wasserstoff – insbesondere hinsichtlich zeitlicher Korrelation und geografischer Nähe – deutlich weniger ins Gewicht fallen als in vielen EU-Mitgliedstaaten.

Für künftige Exporte in die EU bietet dies günstige Voraussetzungen, um die entsprechenden Vorgaben zu erfüllen. Das Projekt in Bodø ist jedoch in seiner aktuellen Ausbaustufe primär auf die Versorgung des norwegischen Marktes ausgerichtet.

Wasserstoff als Mentalitätsfrage

Der Ansatz aus Bodø lässt sich zwar nicht eins zu eins übertragen. Übertragbar ist jedoch die zugrunde liegende Denkweise: klare Anwendungsfälle, integrierte Standortkonzepte und eine frühzeitige vertragliche Absicherung. Wo diese Elemente zusammenkommen, kann Wasserstoff einen pragmatischen Beitrag zur Dekarbonisierung der maritimen Wirtschaft leisten.

Luxcara

Luxcara ist ein unabhängiger europäischer Infrastrukturinvestor mit Sitz in Hamburg. Der Fokus des Asset Managers liegt auf langfristigen Investitionen in Energieinfrastruktur. Das Portfolio von Luxcara umfasst neben Windkraft- und Photovoltaikanlagen auch Ladestationen für Elektrofahrzeuge, Batteriespeicher und Elektrolyseure für die Herstellung von grünem Wasserstoff.

GreenH

GreenH ist ein norwegischer Projektentwickler für grüne Wasserstofflösungen mit Sitz
in Oslo. Das Unternehmen entwickelt integrierte Konzepte für die Erzeugung und Nutzung von Wasserstoff, insbesondere im maritimen Umfeld und an mehreren Standorten in Norwegen.

Holger Matthiesen
Director Offshore & Green Hydrogen, Luxcara, Hamburg

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