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Podcast

Wasserstoff-Importe: Schneller Projektfortschritt, langsame Regulierung

Auch wenn sich grüner Wasserstoff zu einem wesentlichen Teil in Europa erzeugen lässt, wird für den Einsatz im großen Stil ein Import nötig werden. Im Podcast „The Hydrogen Elevator“, aufgenommen auf der Messe The Smarter E Europe in München mit Host Jürgen Pfeiffer, waren sich die Gäste uneins, was dafür als Nächstes zu tun ist. Cornelius Matthes, CEO von DII Desert Energy und Vorsitzender der MENA Hydrogen Alliance, fordert schnelle, klare und einfache Vorschriften. Laurent Antony, Executive Director der International Partnership for Hydrogen and Fuel Cells in the Economy (IPHE), berichtet von der Herausforderung, sich im globalen Kontext auf gemeinsame Spielregeln zu einigen.

Wasserstoff-Großprojekt Neom zu 95 Prozent fertig

Matthes nennt Zahlen zum Großprojekt Neom Green Hydrogen in Saudi-Arabien, das aus einer DII-Initiative von 2017 hervorgegangen ist. Die Anlage sei zu 95 Prozent fertiggestellt. Sie soll nach seinen Angaben „in den nächsten Quartalen“ in Betrieb gehen. Dabei spielen Komponenten deutscher Firmen eine zentrale Rolle: Die 2.200-MW-Elektrolyse stammt vollständig von Thyssenkrupp Nucera. Auch die Ammoniaktanks würden von einem deutschen Anbieter geliefert. Das Projekt verfügt über eine Wind- und Solarleistung von 1,7 Gigawatt.

Die häufig zitierten Produktionskosten von rund sechs US-Dollar pro Kilogramm grünem Wasserstoff hält Matthes für deutlich zu hoch. Nach seiner Einschätzung seien heute bereits Werte von „unter drei Euro pro Kilogramm“ erreichbar – Neom liefere dafür den Referenzfall.

Die Straße von Hormus sei für grünen Wasserstoff und seine Derivate weitgehend irrelevant. Neom liegt am Roten Meer, und auch die meisten anderen Wasserstoffprojekte in der MENA-Region befinden sich laut Matthes am Roten Meer oder in Nordafrika.

MENA-Entwickler verlieren Geduld mit Europa als Kunden

Matthes übt deutliche Kritik an der europäischen Regulierung. Die potenziellen Produzenten in der MENA-Region seien „sehr genervt, sehr frustriert von der fehlenden Geschwindigkeit, der fehlenden Klarheit und der fehlenden Kontinuität“. Ohne verbindliche Abnahmeverpflichtungen würden Investoren in den Golfstaaten zunehmend nach Asien ausweichen, wo Verträge schneller geschlossen würden. Matthes forderte zudem wettbewerbsfähige Exportkreditgarantien, um europäische Technologielieferungen in die Region abzusichern.

Auch Antony sieht das größte Hindernis für einen globalen Wasserstoffmarkt nicht in den Kosten, sondern in einer Regulierungsfrage. Für ihn liegt das Problem allerdings in der fehlenden regulatorischen Vergleichbarkeit. Die International Partnership for Hydrogen and Fuel Cells in the Economy (IPHE) hat es sich auf die Fahnen geschrieben, gemeinsame Grundlagen für die Wasserstoffwirtschaft zu erarbeiten, auf die sich Staaten und Normungsorganisationen stützen können.

Doch so weit ist es noch nicht. Die IPHE zählt weltweit 21 Zertifizierungssysteme und sieben Fördermechanismen. Ein einheitliches Zertifizierungssystem hält Antony für unrealistisch: „Das ist nur ein Traum“, sagt er. Zertifikate seien immer an lokale Regulierungen gebunden. Stattdessen verfolgt die IPHE einen modularen Ansatz, der einen Austausch zwischen den Systemen ermöglichen soll.

Als Fortschritt wertete Antony die Veröffentlichung eines neuen ISO-Standards Ende April zur Quantifizierung der Treibhausgasemissionen von Wasserstoff. Die Methodik basiert auf einer IPHE-Vorarbeit, an der über 15 Länder in mehr als 70 Sitzungen mitgewirkt hatten. Der Standard ermögliche es erstmals, „Äpfel mit Äpfeln“ zu vergleichen. Er unterstreicht aber auch: Normen wie ISO-Normen sind freiwillige Werkzeuge. Sie können für Vergleichbarkeit sorgen, aber nicht gesetzliche Regulierungen ersetzen.

Virtuelle Zertifikate für grüne Moleküle sind ein Streitpunkt

Beim Thema Zertifikatehandel sind sich die beiden Fachleute hingegen uneins. Matthes plädiert für einen virtuellen Handel ähnlich wie bei Power Purchase Agreements im Strommarkt. (Red. Anmerkung: Im Strommarkt ist der Handel mit Kilowattstunden und Herkunftsnachweisen auch getrennt möglich. Man kann also zum Beispiel Strom auf dem deutschen Spotmarkt einkaufen und separat Herkunftsnachweise aus Norwegen erwerben. Hierfür muss jedoch grundsätzlich eine Leitungsverbindung zwischen den Vertragsparteien bestehen. Zudem sind die Herkunftsnachweise nicht auf die nationalen Klimabilanzen der Staaten anrechenbar – dort gilt der physische Ort der Erzeugung.) Durch diesen virtuellen Handel lasse sich der Markthochlauf beschleunigen und unnötige Transporte vermeiden, so Matthes.

Antony wendet sich gegen ein reines „Book-and-Claim“-Modell. Er fordert für einen Zertifikatehandel zunächst eine physische Rückverfolgbarkeit über eine Massenbilanz. Nur so könne das nötige Vertrauen aufgebaut werden.

Als Vorbild für eine langfristige Wasserstoffpolitik nannte Antony Japans Hydrogen Society Promotion Act. Dieser sieht Differenzverträge (CfD) über 15 Jahre sowie weitere zehn Jahre Planungssicherheit vor und bindet die gesamte Lieferkette von Produzenten bis zu Logistikdienstleistern in ein Projekt ein.

Wasserstoffpartnerschaften: Was braucht es wirklich?

Beide Gesprächspartner werben für internationale Wasserstoff-Partnerschaften, aber mit unterschiedlichem Fokus. Ein Knackpunkt sind für beide langfristige Verträge. „Zehn Jahre sind nicht so gut, 20 Jahre sind super, 30 Jahre noch viel besser“, sagt Matthes. „Eine verlässliche langfristige Abnahme ist einfach eine Voraussetzung, um irgendeines dieser Projekte finanzierungsfähig zu machen.“ Antony teilt die Forderung nach langfristigen, stabilen Regeln. „Wir müssen das Vertrauen durch langfristige Verbindlichkeit aufbauen“, sagt er. Vorbild ist für Antony Japans Modell mit CfD-Verträgen über 15 Jahre plus weiteren zehn Jahren ohne CfD.

Matthes kritisiert die europäische Regulierung als zu langsam und fordert einen pragmatischen, stabilen und kontinuierlichen rechtlichen Rahmen. Unterm Strich brauche der Markt nun „Einfachheit und ein starkes Commitment“.

Antony betont, Europa müsse Exportländer als Miteigentümer betrachten, nicht nur als Lieferanten. Standards, Technologien und Kompetenzen müsse man gemeinsam entwickeln und so ein gemeinsames Verständnis sowie interoperable Zertifizierungssysteme als Grundlage für einen globalen Wasserstoffmarkt schaffen. „Lass uns einander verstehen und zusammenarbeiten“, ist sein Fazit.

Der Podcast The Hydrogen Elevator wurde dieses Mal auf Englisch aufgezeichnet. Die Folge 4 ist ab dem 30. Juni unter hzwei.info/podcast abrufbar.