Seit der Veröffentlichung der Nationalen Wasserstoffstrategie im Jahr 2020 hat sich die installierte Elektrolysekapazität in Deutschland fast verfünffacht – von 33 Megawatt (MW) im Jahr 2020 auf 114 MW Ende 2024. Immerhin. Der Markt befindet sich jedoch in einer Übergangsphase: Während bislang vor allem kleinere Anlagen realisiert wurden, sollen künftig vermehrt Projekte mit zwei- bis dreistelliger MW-Leistung umgesetzt werden. Das ergibt eine aktuelle Auswertung der Deutschen Energie-Agentur (Dena). Demnach sind in Deutschland derzeit 185 Megawatt Elektrolysekapazität in Betrieb. Weitere 1,1 Gigawatt befinden sich im Bau – etwa die Hälfte davon soll laut Projektangaben zeitnah ans Netz gehen.
Am Standort der BASF in Ludwigshafen arbeitet seit März 2025 Deutschlands größter PEM‑Elektrolyseur – nach rund zweijähriger Bauzeit. Die Anlage erzeugt stündlich bis zu einer Tonne grünen Wasserstoff (H2). Der gemeinsam mit Siemens Energy errichtete Elektrolyseur verfügt über 72 Stacks und hat das Potenzial, die Treibhausgasemissionen am BASF‑Stammwerk um bis zu 72.000 Tonnen pro Jahr zu senken.
Der Wasserstoff wird in das H2‑Verbundnetz des Standorts eingespeist und von dort aus den Produktionsanlagen als Rohstoff zur Verfügung gestellt. Neben dem Einsatz als Ausgangsstoff für chemische Produkte plant der Chemiekonzern, den Wasserstoff unter anderem für H2‑Busse in der Metropolregion Rhein‑Neckar bereitzustellen, um die Entwicklung einer regionalen Wasserstoffwirtschaft zu unterstützen.
Rheinland-Pfalz fördert Hy4CHem
Gefördert wurde der Bau der Anlage durch das Bundeswirtschaftsministerium sowie das Land Rheinland‑Pfalz mit 124,3 Millionen Euro. Die Investitionssumme seitens BASF beläuft sich auf rund 25 Millionen Euro. Das Projekt mit dem Titel „Hy4CHem“ wurde im Rahmen des IPCEI Wasserstoff als wichtiges europäisches Projekt ausgewählt und später als Einzelprojekt gefördert. „Als Landesregierung unterstützen wir diesen Prozess mit bis zu 37,3 Millionen Euro, weil wir überzeugt sind, dass Wasserstoff eine Schlüsselrolle für die Dekarbonisierung und die Sicherung unserer Industriearbeitsplätze spielt“, betont Alexander Schweitzer, Ministerpräsident von Rheinland‑Pfalz.
Bis 2030 könnten laut Dena‑Datenbank Projekte mit einer Gesamtkapazität von 8,8 Gigawatt realisiert werden. Aufgrund des frühen Marktstadiums geht die Dena jedoch davon aus, dass tatsächlich nur 2,4 bis 6,6 Gigawatt umgesetzt werden. Entscheidend für die Realisierung ist eine gesicherte Finanzierung, die etwa durch eine finale Investitionsentscheidung (FID), einen Förderbescheid oder andere finanzielle Absicherungen nachgewiesen werden kann.
Langfristige PPA als Schlüssel
Aus Gesprächen mit Projektierern geht hervor, dass langfristige Abnahmeverträge – neudeutsch PPA – für Wasserstoff entscheidend für Investitionsentscheidungen sind. Laufzeiten von zehn bis fünfzehn Jahren gelten dabei als ideal. Die Projektentwickler fordern daher unter anderem eine zügige Umsetzung der überarbeiteten Erneuerbaren‑Energien‑Richtlinie (RED III) in nationales Recht. Diese definiert verbindliche Quoten für den Einsatz von Wasserstoff und seinen Derivaten im Industrie‑ und Verkehrssektor. Gleichzeitig kritisieren Projektierer die strengen EU‑Vorgaben für grünen Wasserstoff, da diese die Produktionskosten erhöhen und damit die Wirtschaftlichkeit der Projekte beeinträchtigen würden.
Die Dena‑Datenbank umfasst Ende 2025 rund 250 Elektrolyseprojekte mit geplanter oder bereits erfolgter Inbetriebnahme seit 2007. Derzeit sind laut Dena mehr als 80 Prozent der in Betrieb befindlichen Elektrolyseanlagen öffentlich gefördert. Rund 40 Prozent der installierten Kapazität entfallen auf Projekte im Rahmen des IPCEI Wasserstoff sowie der Reallabore der Energiewende. Der Anteil der Reallabore dürfte jedoch bis 2030 sinken, da sie vor allem kleinere Demonstrationsprojekte fördern.
Fördermittel zentral für den Markthochlauf
Ein Drittel der bis 2030 geplanten Kapazitäten ist derzeit über nationale oder europäische Förderprogramme abgesichert. Viele Projekte konkurrieren jedoch in Ausschreibungen um begrenzte Mittel. In der ersten Auktionsrunde der Europäischen Wasserstoffbank konnten sich deutsche Projekte aufgrund höherer Gebotspreise nicht durchsetzen.
In der zweiten Runde erhielten zwar zwei Projekte zunächst einen Zuschlag, zogen ihre Gebote jedoch vor Abschluss der Fördervereinbarung zurück. Dena‑Experten gehen davon aus, dass nationale Projekte mit zunehmender Marktreife und wachsender Nachfrage wettbewerbsfähiger werden. Dennoch seien spezifische Förderprogramme weiterhin notwendig, um den Markthochlauf zu unterstützen.
Die strategische Bedeutung europäischer Elektrolysetechnologie nimmt insgesamt zu. Auch das Jahr 2025 war geprägt von geopolitischen Spannungen und fragilen Handelsabhängigkeiten. In diesem Umfeld rücken Resilienz, industrielle Stärke und technologische Souveränität verstärkt in den Fokus. Grüner Wasserstoff spielt dabei eine zentrale Rolle: Als lokal produzierbarer Energieträger ermöglicht er unabhängigeres Handeln.
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Wettbewerbsfähigkeit in Europa stärken
Die installierte Elektrolysekapazität in Europa steigt 2025 im Jahresvergleich um rund 50 Prozent auf etwa 600 Megawatt, die jährliche Produktionskapazität für Elektrolyseure überschreitet erstmals die Marke von zehn Gigawatt. Die Elektrolyse‑Unternehmen hätten ihre Hausaufgaben gemacht und Fertigungskapazitäten in Europa geschaffen, sagt Nils Aldag, CEO von Sunfire. „Wir stehen bereit, die Nachfrage nach grünem Wasserstoff in Europa zu decken und unseren Beitrag für ein starkes, resilientes und wettbewerbsfähiges Europa zu leisten.“
Gleichzeitig steht Europa vor der Herausforderung, seine technologische Führungsrolle zu behaupten. Eine langfristige und verlässliche Nachfrage durch die Umsetzung der RED‑III‑Ziele im Transport‑ und Industriesektor sowie die Stärkung der europäischen Resilienz bei Elektrolysetechnologien werden dabei zu entscheidenden Faktoren.
Doch es gibt bereits positive Signale für grünen Wasserstoff aus Europa: Das Zentrum für Sonnenenergie‑ und Wasserstoff‑Forschung Baden‑Württemberg (ZSW) und das Holst Centre in der niederländischen Region Noord‑Brabant arbeiten gemeinsam an innovativen Ansätzen, um Design und Produktion kosteneffizienter und großskalierbarer AEM‑Elektrolyseure weiterzuentwickeln. Im Projekt „genAEMStack“ werden neue Komponenten und Fertigungsverfahren erprobt. Ziel ist ein Elektrolyse‑Stack mit hoher europäischer Wertschöpfung. Beide Partner wollen ihre Regionen als Entwicklungsplattformen für eigene Produktentwicklungen und den Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten stärken.
Auch deshalb fördert das Wirtschaftsministerium Baden‑Württemberg das ZSW aus dem EU‑Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) mit rund 1,6 Millionen Euro. Das Projekt ist auf 2,5 Jahre angelegt. „Die Wasserelektrolyse ist die Schlüsseltechnologie für klimaneutralen, grünen Wasserstoff – und zentral für die Erfüllung der EU‑Verordnung „Strategische Technologien für Europa“ (STEP). Wasserstoff, der in Europa durch Elektrolyse hergestellt wird, muss nicht importiert werden und vermeidet Abhängigkeiten von Lieferländern außerhalb Europas. Besonders wertvoll ist dies, wenn Elektrolyseure eingesetzt werden, die einen wesentlichen Beitrag zur industriellen Wertschöpfung in der EU leisten“, erläutert Marc Simon Löffler, Fachgebietsleiter am ZSW für Elektrolyseentwicklung.
Innovationen schneller in den Markt bringen
Bosch hat Ende 2025 am Standort Bamberg einen Elektrolyseur mit zwei Hybrion‑PEM‑Elektrolyse‑Stacks in Betrieb genommen. Die Anlage verfügt über eine Gesamtleistung von 2,5 Megawatt und erfüllt die EU‑Vorgaben für erneuerbaren Wasserstoff. Beide Hybrion‑Stacks wurden im Bosch‑Werk in Bamberg gefertigt und produzieren rund 23 Kilogramm Wasserstoff pro Stunde. Der Elektrolyseur wurde vom Unternehmen Fest aus Goslar gebaut. Unter Volllast kann er mehr als eine Tonne Wasserstoff pro Tag erzeugen.
Die Inbetriebnahme markiert den Start für eine ganze Wasserstofflandschaft in Bamberg. Dort wird demonstriert, wie Wasserstoff produziert, gespeichert und weiterverwendet werden kann. Ein 21 Meter hoher Tank speichert den Wasserstoff aus der Elektrolyse bei bis zu 50 bar. Der Hybrion‑Stack verfügt über eine hohe Modularität, die Anwendungen von dezentralen Elektrolyseuren für Gewerbebetriebe bis hin zu zentralen industriellen Lösungen mit mehreren 100 MW Leistung ermöglicht. „Unser Design basiert auf jahrzehntelanger Erfahrung aus dem Automotive‑Bereich, insbesondere aus der Brennstoffzellentechnologie“, sagt Carola Ruse, Leiterin des Produktbereichs Elektrolyse bei Bosch. Ein Stack besteht aus über 100 elektrochemischen Zellen und erreicht eine Effizienz von bis zu 50 kWh pro Kilogramm Wasserstoff.
Die Wirtschaftlichkeit hängt dabei nicht allein von der Anlagengröße ab, sondern von weiteren Schlüsselfaktoren. „Die Betriebskosten sind von zentraler Bedeutung und werden maßgeblich von den Stromkosten sowie den jährlichen Volllaststunden beeinflusst“, betont Ruse. Hinzu kommen die Investitionskosten (CAPEX) des Gesamtsystems. Bosch will diese durch Skalierung und automatisierte Fertigung senken. „Zusätzlich arbeiten wir kontinuierlich an der Verbesserung der Produkte und Fertigungsverfahren – etwa durch geringeren Materialeinsatz, höhere Qualität und optimierte Produktionsprozesse.“
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Materialforschung und Alterungsanalyse
Im Fokus steht außerdem die Optimierung von Lebensdauer und Wartungsintensität der PEM‑Elektrolyse‑Stacks. Dies reicht von intensiver Materialforschung und Alterungsanalysen bis hin zu Tests unter realen Betriebsbedingungen. Ein internationales Team an mehreren Bosch‑Standorten arbeitet an der Stack‑Entwicklung: In Linz (Österreich) und in Feuerbach nördlich von Stuttgart gibt es eine eigene Prüfinfrastruktur, die Elektrolyse‑Stacks in voller Größe testen kann. „Ein entscheidender Vorteil, da üblicherweise nur wesentlich kleinere Testmuster verwendet werden“, erklärt Ruse. Die Ergebnisse dieser umfangreichen Tests fließen direkt in die Weiterentwicklung ein. Im niederländischen Tilburg widmet sich ein Team der Materialforschung sowie der detaillierten Analyse von Alterungsprozessen in den eingesetzten Materialien.
Im bayerischen Bamberg werden die Hybrion‑PEM‑Elektrolyse‑Stacks schließlich gefertigt und im Realbetrieb getestet. Bosch sammelt so wertvolle Erfahrungen. „Das ermöglicht uns, Aspekte wie Lebensdauer und Wartungsintensität unter realen Lastprofilen umfassend zu analysieren und zu optimieren“, so Ruse. Zugleich fordert sie klare politische Signale und verlässliche Rahmenbedingungen. Diese seien entscheidend für Resilienz, Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit im globalen Technologiewettlauf um Wasserstoff. Ruse plädiert für mehr Pragmatismus und Flexibilität in der Anlaufphase, um Investitionen nicht zu blockieren. Ein zentraler Aspekt sei dabei die Ausgestaltung der EU‑Kriterien für den Strombezug zur Herstellung von grünem Wasserstoff mittels Elektrolyse. Die Bezugsoptionen für Ökostrom müssten so gestaltet werden, dass sie sowohl die Dekarbonisierung fördern als auch die Skalierung der Wasserstoffwirtschaft ermöglichen. Ruse: „Die Technologie steht bereit. Der regulatorische Rahmen muss nun den Hochlauf ermöglichen – nicht ausbremsen.“