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Europäische Energienetze

Wasserstoff kommt auf den Plan

Text: Eva Augsten

© Quelle: EU-Kommission, Grafik: NEONBOLD

Orange = Wasserstoff
Gelb = Elektrizität
Magenta = Gas

Die EU-Kommission hat am 10. Dezember 2025 Vorschläge gemacht, um die Energie-Infrastruktur gemeinsam zu modernisieren und auszubauen. Dabei geht es um Netze für Strom, Erdgas und Wasserstoff, aber auch um Energiespeicher sowie um Ladeinfrastruktur für die E-Mobilität. Um diese Infrastruktur schneller voranzubringen, sollen Planung, Genehmigung und Finanzierung leichter werden. Die Mittel dafür: verbesserte Koordination, transparentere Kostenbeteiligungsmodelle und die Nutzung gemeinsamer Finanzierungstools wie spezieller Zweckgesellschaften.

Mitmischen im Planungsprozess

Ähnlich wie es in Deutschland Netzentwicklungspläne gibt, die zwischen den Betreibern und der zuständigen Behörde abgestimmt werden, geschieht dies auch bei der EU als übergeordneter Instanz – bisher für Erdgas und Strom. Mit dem Netzpaket verankert die EU-Kommission nun auch den Wasserstoff in der europäischen Netzplanung.

Alle vier Jahre soll in Zukunft ein zentrales EU-Szenario für Strom, Gas und Wasserstoff erstellt werden. Dieses soll dann als Grundlage für die Zehnjahres-Netzentwicklungspläne (Ten Year Net Development Plan, TYNDP) und die europäische Infrastruktur-Bedarfsanalyse dienen. Die Verbände der jeweiligen Netzbetreiber spielen dabei eine tragende Rolle. Bisher waren dies vor allem das European Network of Transmission System Operators for Electricity (ENTSO-E) und das European Network of Transmission System Operators for Gas (ENTSO-G). Letzteres war bisher auch für das Thema Wasserstoff zuständig. Das soll sich ändern.

Die im Juni 2025 gegründete Organisation der Wasserstoff-Netzbetreiber, European Network of Network Operators for Hydrogen (ENNOH) soll nun gleichberechtigt mitspielen dürfen und für die Wasserstoff-Netze zuständig sein. Für das Jahr 2026 soll die Zuständigkeit aber noch übergangsweise bei ENTSO-G liegen. Bestehende Erdgasinfrastruktur soll zudem stärker darauf geprüft werden, ob sie sich auf Wasserstoff umwidmen lässt.

Die Kommission verspricht sich von diesen Maßnahmen eine bessere Integration auch zwischen den Sektoren. Der Wasserstoffverband Hydrogen Europe begrüßt dies ausdrücklich. Beim Offshore Network Development Plan bleibt die ENNOH allerdings außen vor. Das sorgt bei Hydrogen Europe für Kritik, da es auch darin Ziele und Pläne für die Wasserstoffinfrastruktur gibt.

Hier geht’s lang

Die Kommission beschreibt nicht nur künftige Planungsprozesse, sondern benennt auch acht konkrete Netzausbauprojekte, sogenannte Energy Highways, die eine besondere strategische Bedeutung haben. Darunter sind zwei Wasserstoffpipelines.

Am Süd-H2-Korridor sollen Tunesien, Italien, Österreich und Deutschland beteiligt sein, und der Südwestliche Wasserstoffkorridor soll von Portugal nach Deutschland führen.

Hinzu kommen drei sogenannte Prioritätskorridore für Wasserstoff und Elektrolyseure. Diese heißen Hydrogen Infrastructure in Western Europe (HI West), Hydrogen Infrastructure in Central Eastern and South Eastern Europe (HI East) und Baltic Energy Market Interconnection Plan in Hydrogen (BEMIP Hydrogen). Sie sollen grenzüberschreitende Leitungen schaffen, Engpässe auflösen und die Verbindung zwischen Importkorridoren und industriellen Verbrauchszentren herstellen. Damit sollen sie das Grundgerüst eines künftigen EU-Wasserstoff-Backbones werden.

Laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) nimmt die EU-Kommission damit erstmals Wasserstoffprojekte in ihre Kernkorridore der Energieinfrastruktur auf. Das zeige, dass die Kommission Wasserstoffleitungen künftig als systemrelevante Bausteine des europäischen Energiesystems sehe.

Viel mehr Geld

Die Kommission schätzt, dass bis 2040 rund 240 Milliarden Euro für Wasserstoffnetze benötigt werden. Neben den 1,2 Billionen für Stromnetze ist das ein deutlich kleinerer, aber doch signifikanter Betrag. Damit nicht alle diese Kosten über Netzentgelte auf die Verbraucher umgelegt werden müssen, will die EU-Kommission selbst mehr Geld in die Hand nehmen. Im derzeitigen langfristigen EU-Haushalt (2021 bis 2027) sind 5,8 Milliarden Euro im Rahmen der Fazilität „Connecting Europe“ für grenzüberschreitende Energieprojekte vorgesehen. Für den nächsten Haushalt, von 2028 bis 2032, will die Kommission das um den Faktor fünf auf 29,91 Milliarden erhöhen.

Der Verband Hydrogen Europe freut sich darüber, dass die EU-Kommission sich damit gewillt zeige, einen Teil der wirtschaftlichen Risiken in öffentliche Hand zu übernehmen und zudem die Kosten über die Zeit zu strecken. Diese Grundgedanken sind ähnlich wie bei der Finanzierung des deutschen Wasserstoffkernnetzes.

Wie genau das Geld für die EU-Wasserstoffinfrastruktur verteilt werden soll, ist allerdings noch nicht klar. Direkte Zuschüsse sollen es wohl nicht sein. Die Kommission will unter anderem Contracts for Difference prüfen. Zudem stellt die Europäische Investitionsbank (EIB) eine Rückbürgschaft in Höhe von 1,5 Milliarden Euro für Netzkomponenten bereit. Auch die Industrie ist aufgerufen, konkrete Vorschläge zu machen. Diese sollen auf dem Energy Infrastructure Forum diskutiert werden, das die Generaldirektion Energie der Kommission jährlich im Sommer in Kopenhagen veranstaltet. Hydrogen Europe erklärt, dazu beitragen zu wollen. Wie genau die EU die privaten Investoren von der Investition in den Netzausbau überzeugen will, will sie im kommenden Jahr in ihrer Investitionsstrategie für saubere Energie für Europa darlegen.

Zudem sollen Wasserstoffleitungs- und Elektrolyseprojekte weiterhin den Status als Projects of Common Interest (PCI) beziehungsweise Projects of Mutual Interest (PMI) erhalten können. Damit verbunden sind erleichterte Genehmigungen, eine höhere politische Priorität und ein verbesserter Zugang zu EU-Fördermitteln.

Leitungen schnell genehmigen – Speicher brauchen länger

Der Verband begrüßt auch die Richtlinie zur Beschleunigung von Genehmigungen, die in dem Netzpaket enthalten ist. Diese solle auch ausdrücklich Prozesse für die Wasserstoffinfrastruktur straffen. Laut Hydrogen Europe gilt das aber nicht in gleichem Maße wie bei Stromnetzen.

Wasserstoffspeicher seien ausdrücklich von den beschleunigten Genehmigungen und dem vereinfachten Verfahren ausgeschlossen. Dies sei ein erhebliches Hindernis für Projekte, so Hydrogen Europe. Auch der BDEW betont, dass die Speicher angesichts der langen Entwicklungszeiten unbedingt bei den Vereinfachungen berücksichtigt werden müssten.

Alles in allem sehen sowohl Hydrogen Europe als auch der BDEW in dem Netzpaket einen großen Schub für die Wasserstoffinfrastruktur – mit Punktabzug für das Fehlen der Wasserstoffspeicher und der fehlenden Einbindung in die Offshore-Planung.

„Netzbetreiber brauchen einen geeigneten finanziellen und regulatorischen Rahmen, damit sie in den Ausbau und die Digitalisierung der Netze investieren können“, sagt Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung. Ihr geht der Eingriff in die Pläne allerdings zu weit. Der Fokus solle „eher auf stärkerer europäischer Koordinierung statt zentralistischer Planung liegen.“ Für besonders wichtig für Deutschland hält sie den Wasserstoffkorridor von Portugal nach Deutschland.

Politisch befindet sich das Netzpaket nun im regulären Gesetzgebungsverfahren. Rat und Europäisches Parlament werden die Vorschläge im Laufe des Jahres 2026 beraten und ändern. Parallel beginnen die fachlichen Vorarbeiten für die nächste Runde der europäischen Netzentwicklungsplanung, in der Wasserstoff erstmals systematisch in die Szenarien und Bedarfsanalysen einbezogen werden soll. Die konkrete Ausgestaltung der Finanzierung – etwa der Einsatz von Contracts for Difference oder weiteren EU-Garantien – will die Kommission im Laufe des Jahres 2026 in ihrer angekündigten Investitionsstrategie für saubere Energie präzisieren. Spätestens dann dürfte sich entscheiden, ob die vorgesehenen Wasserstoffkorridore zügig Realität werden oder vorerst Planungsprojekte bleiben.

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