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In ganz Deutschland investieren Länder und Kommunen fleißig in grünen Wasserstoff – in Form von Förderung oder über öffentliche Unternehmen. Im Süden fördert das Land Baden-Württemberg den Kauf eines Elektrolyseurs, den die Stadtwerke Ulm und Neu-Ulm ab Mitte 2029 an der A8 betreiben wollen. Die Green Hydrogen Esslingen, an der die Esslinger Stadtwerke beteiligt sind, und die VK Energie in München organisieren gemeinsam die Energieversorgung im Esslinger Stadtquartier „Neue Weststadt“, dessen Herzstück ein Elektrolyseur ist. Im Norden investiert die EWE in Oldenburg, die zu 74 Prozent 21 Städten und Landkreisen in Niedersachsen gehört, eine Milliarde Euro in ihre Wasserstoffstrategie, darunter ein 320-MW-Elektrolyseur in Emden. Und in Moorburg bei Hamburg, wo 2021 ein Kohlekraftwerk demontiert wurde, wird ein 100-MW-Elektrolyseur samt einer 40 Kilometer langen H2-Trasse in ein Hamburger Industriegebiet realisiert (siehe ausführlicher Bericht in HZwei 5/2025).
Rückschläge sorgen für Kritik an Förderung
Wasser in den Wein solcher Erfolgsmeldungen gießen dagegen Nachrichten wie die, dass der Berliner Betreiber H2 Mobility bundesweit zum Jahresende 14 Tankstellen geschlossen hat, vor allem in NRW und Niedersachsen, aber auch in Wendlingen in Baden-Württemberg. Das ist nicht nur ärgerlich für Nutzer wie Frank Stuckstedte aus Rheda-Wiedenbrück, der am 6. Dezember eine Petition an das Bundesverkehrsministerium gestartet hat, die bis Juni online 30.000 Unterzeichner braucht (bis 8.1. hatten 432 unterschrieben). Stuckstedte kritisiert auch, dass allein die Tankstelle in seinem Ort 2019 mit 600.000 Euro staatlich gefördert worden sei.
Auch in Bielefeld, wo seit Jahren sieben Müllfahrzeuge mit Wasserstoff fahren, seien dadurch die Tankmöglichkeiten weggefallen. Eine Skurrilität: Es gebe vor dem MHKW eine weitere H2-Tankstelle. Auch diese sei staatlich gefördert worden, allerdings aus anderen Töpfen. Deshalb dürften die kommunalen Lkw dort bislang nicht tanken.
Was auf den ersten Blick wie ein Schildbürgerstreich aussieht, kann H2-Mobility-Geschäftsführer Martin Jüngel begründen. Waren die ersten Tankstellen primär auf Pkw und 700-bar-Tanksysteme ausgelegt, würden längst vermehrt Lkw, Busse und andere Schwerlastverkehre mit Wasserstoff betrieben. Das erfordere leistungsfähigere Anlagen mit mehr H2-Volumen, mehr Tankstutzen und einem 350-bar-Tanksystem, das den Vorgang auf maximal 15 Minuten begrenzt.
Kooperation bringt Wasserstoff voran
Solche Brüche sorgen für Unsicherheit. Doch mit jedem Fortschritt wächst die Planbarkeit. Im Dezember habe H2 Mobility in Ludwigshafen seine fünfte Tankstelle des neuen Typs eröffnet. Und mit großen Geschäftspartnern wie Hylane, dem bundesweit größten Vermieter von CO2-neutralen Lkw, hat H2 Mobility einen Preis von 8 Euro pro kg Wasserstoff für dessen Kunden ausgehandelt. Zu diesen Kunden zählen etwa Rewe, Schenker, GLS, Hermes oder auch Speditionsverbände wie der in Stuttgart, der seinen Mitgliedern neuerdings einen H2-Truck quartalsweise zum Testen zur Verfügung stellt. Dazu passen wiederum die H2-Ausbaustrategien der Stadtwerke in Ulm, Stuttgart oder Esslingen.
Planbarkeit wächst, Quote erwünscht
Die Abfallwirtschaft Rems-Murr (AWRM) überlegt aktuell, in Winnenden für 38 Mio. Euro zwei Elektrolyseure mit je fünf MW zu bauen, die aus PV-Strom auf einstigen Mülldeponien jährlich 850 Tonnen H2 erzeugen könnten. Das seit 2011 grün geführte Land Baden-Württemberg, das ein 100-Millionen-Euro-Förderpaket für den H2-Ausbau geschnürt hat, würde das Projekt mit zehn Millionen Euro bezuschussen.
Vor einem Beschluss des Kreistags recherchiert die AWRM – wie bundesweit jeder potenzielle Betreiber – den regionalen H2-Bedarf und konkrete Abnehmer. Dabei spielen die Kosten je Kilo, über die alle Befragten nur selten und vage reden, eine zentrale Rolle. Diese mangelnde Preistransparenz ist Wasser auf die Mühlen der Wasserstoffkritiker.
Da ist jeder Schritt gut, der mehr Planbarkeit bringt, auch bezüglich des Netzausbaus und der Verfügbarkeit, die allmählich wächst. So hat die Bundesnetzagentur (BNetzA) zum Jahreswechsel die Preise für das Durchleiten von Wasserstoff festgelegt, die sich eng an den Kosten für das Erdgas orientieren. Auch die physische Fertigstellung der ersten Leitungen – wie den 400 km von Lubmin nach Bobbau – bringt ein Stück Sicherheit. Diese ist essenziell, denn Nutzer müssen auf der Basis von Trailern oder Netzanschlüssen ihren Bedarf und ihre Infrastruktur planen können.
Für sämtliche Investitionen, so argumentieren Befürworter und Betreiber überall, wären deshalb gesetzlich vorgeschriebene Quoten für einen grünen Wasserstoffanteil am Energiemix übergangsweise wichtig, um Nachfrage und Grundauslastung von Elektrolyseuren und Netzen anzuschieben und abzusichern.
EU-Taxonomie bringt Geld in grünen Wasserstoff
Zugleich ist aufgrund der EU-Taxonomie, nach der große Kapitalmarktakteure ihre Portfolios „grün“ ausrichten müssen, grundsätzlich genügend Kapital vorhanden. Das zeigt sich zum Beispiel in der Beteiligung der Axa-Gruppe an der EWE in Oldenburg oder in der Gesellschafterstruktur des französischen, börsennotierten H2-Produzenten Lhyfe, der erst im Oktober in Schwäbisch Gmünd eine 30 Millionen Euro teure Anlage in Betrieb genommen hat. „Wir rechnen in den kommenden Jahren mit einem Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft und in der Folge mit sinkenden Wasserstoffpreisen“, sagt deshalb auch Alexander Hauk, Pressesprecher des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) in Berlin.
Milliardeninvestitionen und Kritik hinter vorgehaltener Hand
Einer der größten kommunalen Wasserstoffakteure ist die EWE aus Oldenburg. „Wasserstoff ist für uns ein Baustein der Energiewende, insbesondere dort, wo direkte Elektrifizierung an Grenzen stößt, etwa in der Industrie oder bei bestimmten systemischen Anwendungen“, sagt deren Vorstandsvorsitzender Stefan Dohler. Mit 10.900 Mitarbeitern und 8,7 Milliarden Euro Jahresumsatz und 1,4 Millionen Energiekunden gehört EWE zu den großen Energieunternehmen in Deutschland, auch wenn in diesen Zahlen die Kommunikations- und Informationsbranche enthalten ist. Der Konzern gehört zu 74 Prozent 21 Städten und Landkreisen an Weser, Elbe und Ems und zu 26 Prozent der Axa-Beteiligungsgesellschaft Ardian.
Insgesamt will EWE eine Milliarde Euro in ihre H2-Strategie investieren. Diese umfasst neben dem Aufbau einer 320-MW-Wasserstofferzeugungsanlage in Emden die Umrüstung einer großtechnischen Erdgaskaverne zur Speicherung von Wasserstoff in Huntorf sowie den Aufbau einer Pipelineinfrastruktur mit Neubau und Umstellung mehrerer Pipelineabschnitte im Nordwesten. EWE erhält dafür 350 Millionen Euro Förderung vom Bund und weitere 150 Millionen vom Land Niedersachsen.
Diese hohen Fördersummen im Kontext maroder Staatsfinanzen kritisieren immer wieder Stadtwerksdirektoren, die das Geld in anderen Bereichen effizienter investiert sähen. Doch öffentlich zitieren lassen will sich mit solchen Aussagen niemand.
Süddeutsche Akteure drängen auf Verlässlichkeit
Bei den Stadtwerken Stuttgart und beim Verband Region Stuttgart (VRS), also dem Zusammenschluss der Landeshauptstadt mit den fünf umliegenden Landkreisen, heißt es, dass den Worten Taten folgen müssten, wenn etwa die Süddeutsche Erdgasleitung (SEL) ab 2030 H2 transportieren soll, die Stadt Stuttgart 2035 klimaneutral sein will oder 2050 EU-weit das H2-Netz stehen soll. Firmen, Immobilienbesitzer oder kommunale Versorger bräuchten diese Verlässlichkeit, denn ohne Vertrauen werde nicht investiert.
So wollen die Stadtwerke Stuttgart und der VRS mit dem Projekt H2-GeNeSiS Ende des Jahres 2026 im Neckarhafen einen 9-MW-Elektrolyseur in Betrieb nehmen, dessen Wasserstoff die Verkehrsbetriebe SSB, Daimler Truck, Neckarschiffe und Wohnquartiere abnehmen wollen. Die Kosten von 18,6 Mio. Euro tragen zu zwei Dritteln das Land und die EU.
Betrieben werden soll der Elektrolyseur mit nicht direkt nutzbarem PV-Strom, der unter anderem von den Dächern landeseigener Gebäude kommen soll. Für die PV-Anlagen gibt es seit Jahren ein Programm.
Das Geld sieht man gut angelegt. Es sei Wirtschaftsförderung, weil etwa die Brennstoffzellenforschung oder die Prüfstände für H2-Verbrennungsmotoren Wasserstoff benötigen, ebenso die Stahl- und Zementproduktion oder die chemische Industrie Prozesswärme. Felix Mayer, Geschäftsführer der Green Hydrogen Esslingen GmbH, die das Energiekonzept in der Esslinger „Neue Weststadt“ betreibt: „Wasserstoff ist der ideale Träger, um Über- oder Unterproduktion beim Strom zu puffern und die einzelnen Sektoren miteinander zu verbinden.“