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Baufortschritt

Moorburg wird zur Wasser­stoff-Schaltzentrale

Text: Monika Rößiger

Wer heute das Kraftwerks-Gelände in Moorburg betritt, erlebt eine Baustelle im doppelten Sinne: Die Rückbauarbeiten dauern noch an, während neue Gebäude für die fossilfreie Energie-Zukunft schon stehen. Schwertransporter liefern die tonnenschweren Komponenten des Elektrolyseurs an.

„Derzeit findet hier nicht mehr ‚nur‘ der Rückbau der alten Kraftwerksanlagen statt, sondern parallel dazu auch schon viel Neubau“, sagt Christoph Cosler von den Hamburger Energiewerken.

Hamburgs Umweltsenatorin Katharina Fegebank unterstreicht den Symbolwert von Moorburg: „Dass dieses Wasserstoff-Projekt an einem Ort entsteht, an dem noch vor wenigen Jahren Kohle verfeuert wurde, ist ein echter Meilenstein.“

Bindeglied im Bau

Im August 2026 feierten die Hamburger Energienetze den Baustart für den H2-Connector – die technische Schaltzentrale des Hamburger Wasserstoff-Industrie-Netzes HH-WIN. Der Connector verbindet den lokalen Großelektrolyseur mit dem stadtweiten Verteilnetz und dieses wiederum mit dem bundesweiten Wasserstoff-Kernnetz.

Technisch liegt die Herausforderung im Druckgefälle: Das Fernleitungsnetz Hyperlink des Betreibers Gasunie arbeitet mit einem Betriebsdruck von bis zu 70 Bar. Das Hamburger Verteilnetz HH-WIN hingegen ist auf maximal 25 Bar ausgelegt.

Zwischen beiden Welten vermittelt der Connector – mit einer Gasdruckregelanlage, die eingehenden Wasserstoff von 70 auf unter 25 Bar entspannt, und einer Verdichterstation, die bei Exporten den Druck auf bis zu 70 Bar aufbaut.

„Für den Erfolg der Wasserstoffwirtschaft brauchen Abnehmer Wahlmöglichkeiten“, erklärt Michael Dammann, Technischer Geschäftsführer der Hamburger Energienetze. „Unser Anlagenpark erlaubt es, Energie aus der Elektrolyse vor Ort ins Netz einzuspeisen, aber auch aus dem Fernleitungsnetz und künftig aus dem Hafen Wasserstoff zu beziehen und sogar zu exportieren.“

Bidirektionalität als strategische Absicht

Hamburg soll nicht nur Verbraucher, sondern auch Knotenpunkt sein. Die Transportkapazitäten des Connectors sind beachtlich: In der ersten Ausbaustufe können stündlich bis zu 360.000 Normkubikmeter Wasserstoff nach Hamburg importiert oder bis zu 200.000 Normkubik­meter ins Fernleitungsnetz exportiert werden.

Das Netz nimmt Form an

HH-WIN, das Hamburger Wasserstoff-Industrie-Netz, ist das Rückgrat dieser Infrastruktur. Ab Herbst 2027 soll es mit 40 Kilometern Netzlänge wesentliche Industrieareale rund um den Hamburger Hafen erschließen. Bis 2031 ist eine Ausdehnung auf 60 Kilometer geplant. Aktuell ist gut die Hälfte der ersten 40 Trassenkilometer fertiggestellt, alle weiteren Abschnitte befinden sich im Bau oder in der Auftragsvergabe.

Die Wirkung ist berechenbar: Wenn die Industrie jährlich 6,4 Terawattstunden fossiles Erdgas über HH-WIN durch klimaneutralen Wasserstoff ersetzt, lassen sich ab 2032 rechnerisch 1,4 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen.

36 Schwertransporter und ein Richtfest

Parallel zum Netzausbau nimmt auf dem Moorburg-Gelände der 100-Megawatt-Elektrolyseur des Hamburg Green Hydrogen Hub (HGHH) Gestalt an – das Gemeinschaftsprojekt von Luxcara und den Hamburger Energiewerken. In bemerkenswert dichter Taktung: Grundsteinlegung am 1. Dezember 2025, Richtfest im Juli 2026; und im August 2026 rollten 36 Schwertransporter mit den tonnenschweren Elektrolyseur-Stacks aus der Siemens-Gigafactory in Berlin auf das Gelände.

„Wir sind alle Team Wasserstoff – hier entsteht tatsächlich etwas“, sagt Holger Matthiesen, Co-Geschäftsführer des HGHH. „Das ist nicht selbstverständlich bei neuen Technologien und großen Infrastrukturprojekten.“ Tatsächlich sind inzwischen zwei von drei Arten von Großkomponenten vor Ort: sechs Transformatoren und sechs Stacks. Die zwei Kompressoren sollen Ende 2026 folgen.

Ab Ende 2027 soll die Anlage jährlich rund 10.000 Tonnen Wasserstoff produzieren. „Unsere Anbindung an das Wasserstoffnetz HH-WIN schafft eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass grüner Wasserstoff aus unserer Elektrolyseanlage dort verfügbar wird, wo er benötigt wird – in Hamburg und darüber hinaus“, betont Matthiesen.

Ergänzt wird die Netzeinspeisung durch eine Trailer-Verlade-Station, über die Wasserstoff auch per Lkw abgegeben werden kann.

Auf dem grauen Hügel: Alle Beteiligten, die gemeinsam zum Gelingen der Hamburger Wasserstoff-Zukunft beitragen.

© Monika Rößiger

Auf dem grauen Hügel: Alle Beteiligten, die gemeinsam zum Gelingen der Hamburger Wasserstoff-Zukunft beitragen.

Kernnetz und europäischer Backbone

Was in Moorburg entsteht, ist kein Hamburger Solitär. Der H2-Connector ist eingebettet in eine wachsende nationale und europäische Infrastruktur. Gasunie, einer der großen europäischen Fernleitungsnetzbetreiber, baut mit dem Projekt Hyperlink rund zehn Prozent des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes – und das mit bemerkenswerter Ressourceneffizienz: Rund 70 Prozent der Leitungen entstehen durch Umrüstung bestehender Erdgasleitungen.

„Wir können nun sehen: Da passiert was. Wasserstoff ist keine ferne Zukunft mehr“, sagt Britta van Boven, Geschäftsführerin von Gasunie Deutschland. Die Nachfrage gibt ihr recht: Sechs Gigawatt wurden bereits zahlungspflichtig reserviert – also Kapazitäten, für die Kunden wirklich zahlen müssen. „Es gibt ein ernsthaftes Interesse – und das läuft besser, als viele Skeptiker gedacht haben.“

Ab Ende 2029 soll das Kernnetz auch mit den Niederlanden und Dänemark verbunden sein. „Damit haben wir dann richtig einen Markt“, so van Boven. Hamburg wird in dieser Topologie als Verbrauchs- und Importzentrum eine Schlüsselrolle spielen.

Das Hamburger Unternehmen Tesa wurde im Herbst 2025 als erster industrieller Wasserstoffabnehmer gewonnen – ein Signal, das Fegebank als „starkes Zeichen an unseren Industriestandort“ wertet. Das Verfahren, bei dem Unternehmen unverbindlich ihr Interesse am H2-Bezug aus dem Groß-Elektrolyseur bekunden können, läuft noch bis 13. November 2026.

Die Baukosten allein für den H2-Connector – ohne die Verdichterstation, die sich noch in der Projektierungsphase befindet – belaufen sich auf rund 22,6 Millionen Euro, von denen etwa 16,3 Millionen Euro über die IPCEI-Förderung abgedeckt sind.

Alles voll im Plan

Was in Moorburg entsteht, wird trotz der Komplexität in beachtlicher Geschwindigkeit umgesetzt. Fegebank hebt hervor, dass das Projekt „voll im Zeit- und Kostenplan“ liegt. „Das zeigt, dass auch Dinge gelingen können, wenn alle gut zusammenarbeiten.“

Tatsächlich ist das Bündnis der Beteiligten ungewöhnlich breit: ein privater Projektentwickler (Luxcara), ein städtisches Energieunternehmen (Hamburger Energiewerke), ein kommunaler Netzbetreiber (Hamburger Energienetze), ein europäischer Fernleitungsbetreiber (Gasunie) und die Hamburger Landespolitik – sie alle ziehen an einem Strang.

Für ein Projekt auf einem Gelände, das vor wenigen Jahren noch für das Gegenteil von Energiewende stand.

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