Das H2 Forum Berlin 2026 zeigt eine Branche im Übergang: weg von Visionen, hin zur Umsetzung. Inhaltlich wurde schnell klar: Das klassische „Henne-und-Ei“-Problem des Wasserstoffmarkts steht nicht mehr im Vordergrund. Stattdessen geht es nun vor allem um „Abnehmer“ und „Leitmärkte“. Gemeint sind klar definierte Anwendungsfelder mit gesicherter Nachfrage, die Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette auslösen sollen. Auch bei einem anderen Aspekt herrscht weitgehend Einigkeit: Die Technologie ist verfügbar, die Industrie bereit – doch die politischen Rahmenbedingungen bremsen. „Wasserstoff findet nicht in PowerPoint-Präsentationen statt, sondern in Pipelines“, bringt es ein Teilnehmer auf den Punkt.
Hauptstadt auf dem H2-Trip
Dabei zeigt gerade die Region Berlin-Brandenburg, welches Potenzial vorhanden ist und wie die konkrete Umsetzung aussehen kann. Jörg Buisset, Vorstandsvorsitzender der H2Berlin-Initiative, stellt deren Projekte auf dem H2 Forum vor. In der Hauptstadtregion arbeiten rund 30 Unternehmen entlang der Wasserstoff-Wertschöpfungskette, um drei H2-Hubs aufzubauen. Einer davon am Flughafen BER. Sein Betrieb soll mit Hilfe von Wasserstoff vollständig dekarbonisiert werden. Das betrifft nicht nur die Energieversorgung der Gebäude, sondern auch die Antriebe von Gepäckschleppern und Passagier-Bussen auf dem Vorfeld sowie den Landstrom, den Flugzeuge vor dem Start benötigen. Das soll perspektivisch von Diesel auf Wasserstoff umgestellt werden. Außerdem sei genug Platz auf dem BER-Gelände vorhanden, um via PtL künftig klimaneutrales Kerosin herzustellen.
Zu den Projekten von H2Berlin gehört auch das Energiedreieck Ruhleben im Berliner Westen, wo ein fossiler Cluster in einen H2-Hub konvertiert wird. Die bestehenden Gas-und-Dampf-Anlagen sollen so umgerüstet werden, dass sie künftig ganz oder teilweise mit Wasserstoff betrieben werden können. Ruhleben ist ein außerdem ein möglicher Einspeise- bzw. Nutzungspunkt für das geplante deutsche und europäische H2-Kernnetz. Wasserstoff soll in dem Energiedreieck vor allem als saisonaler Energiespeicher und Backup dienen, wenn erneuerbare Energien nicht ausreichen (z.B. während einer Dunkelflaute). Außerdem verbindet er die Sektoren Strom (Elektrolyse), Wärme (Fernwärmeversorgung), Industrie (Hochtemperaturprozesse wie die Auto-Lackierung beim Kooperationspartner BMW) und Mobilität (Firmenflotten).
Neben dem Energiedreieck liegt das Klärwerk Ruhleben, das den beim geplanten 10‑MW‑Elektrolyseur anfallenden Sauerstoff für die vierte Reinigungsstufe nutzen wird. Im Sommer 2027 soll es soweit sein. Die Abwärme der Elektrolyse wird ebenfalls genutzt und in das angeschlossene Fernwärmenetz eingespeist.
Auch die Berliner Stadtreinigung beteiligt sich an der Initiative. Sie hat bereits mehr als ein Dutzend H2-betriebene Müllfahrzeuge im Einsatz und wird ihre BZ-Flotte weiter ausbauen. Am Rande Berlins soll überschüssiger Windstrom aus Brandenburg künftig verstärkt zur Herstellung von Wasserstoff eingesetzt werde und später als Basis für e-Fuels dienen.
Abregelung als wunder Punkt der Energiewende.
Wie ein roter Faden zieht sich der Umstand durch die Konferenz, dass erneuerbarer Strom weiterhin in großem Stil aufgrund von Netzengpässen nicht genutzt werden kann. Allein 2025 summierten sich die Eingriffe zusammen mit den freiwilligen Abregelungen auf schätzungsweise rund 8,5 Terawattstunden (die genauen Zahlen lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor). Dieser Grünstrom sollte also endlich für die Wasserstoffproduktion eingesetzt werden.
„Dass wir heute überhaupt noch erneuerbare Energie abregeln, ist schlicht absurd“, kritisiert Jorgo Chatzimarkakis, CEO von Hydrogen Europe. Für ihn wie auch für viele andere Branchenvertreter ist das ein Symptom politischer Versäumnisse, um nicht zu sagen: Missmanagement! Anders als China, das die Regeln auf seine Weise interpretiere, „sind wir in der EU viel zu nett“, findet er. Und fragt bewußt provokativ: Warum nicht mal die überbordenden Regeln missachten, in den Konflikt gehen und gegebenenfalls ein Gerichtsverfahren riskieren? Denn: „Was kann falsch daran sein, CO2-freie Moleküle zu produzieren?“ Ein Denkanstoß, der nicht nur in der folgenden Mittagspause zu lebhaften Diskussionen geführt hat, sondern auch am 2. Tag des Forums noch auf dem Podium widerhallt.
Aus der Industrie kommt ebenfalls deutliche Kritik. Stefan Engelshove, Managing Director bei Siemens Energy verweist darauf, dass weder die Technik noch die Skalierung eine Hürde seien – in Berlin produziert sein Unternehmen bereits Elektrolysestacks mit einer Kapazität von einem Gigawatt. „Die Technologie ist da. Aber wir brauchen klare Regularien, um investieren zu können.“ Und hybride Anschlussknoten seien auch notwendig.
„Wir haben gar keine andere Wahl als auf die Nutzung grüner Moleküle wie Wasserstoff zu setzen“, sagt Georg Friedrichs, CEO des Energieversorger GASAG. Insbesondere, um erneuerbare Energie im Sommer für den Winter zu speichern. Wasserstoff sei das wichtigste Speicher- und Importmedium für grüne Energie. Den Aufbau des H2-Kernnetzes sieht er deshalb positiv, zumal sein Unternehmen über die NBB-Tochter mit 60 Kilometern daran beteiligt ist. Die entstehende Infrastruktur erlaube zwar erste Investitionen, doch ohne klare Nachfrageperspektiven bleibe das Risiko hoch. Contracts for Difference (CfDs) wären eine Möglichkeit, um Abhilfe zu schaffen.
Wie fragil Geschäftsmodelle derzeit sind, zeigt ein Beispiel von EWE Hydrogen: Geförderten grünen Wasserstoff könne er aktuell für etwa fünf bis sechs Euro pro Kilogramm anbieten, sagt Geschäftsführer Geert Tjarks. Nach Auslaufen der Förderung und mit zusätzlichen Netzentgelten drohten jedoch Preise von neun bis zehn Euro – kaum wettbewerbsfähig für industrielle Abnehmer.
Geopolitik verstärkt Handlungsdruck
Gleichzeitig wächst der Druck, die Transformation zu beschleunigen. Die geopolitische Lage – die Blockade der Straße von Hormus begann am Vortag des H2 Forums – hat die Abhängigkeit von fossilen Importen erneut vor Augen geführt. „H2 made in Europe ist ein Wert an sich“, betont Christian Feuerherd, CEO der Berliner Energie und Wärme (BEW). Wasserstoff sei nicht nur ein Instrument zur Dekarbonisierung, sondern auch strategischer Baustein für Versorgungssicherheit und Resilienz.
Vor diesem Hintergrund sei der Preis pro Kilogramm H2 beinahe zweitrangig, sagt der Herr über West-Europas größtes Heiznetz – und vertritt somit die Abnehmer-Seite. Industrievertreter, die im internationalen Wettbewerb stehen, sehen das vermutlich anders. Denn für ist der Preis entscheidend. Wie das über 2000 Kilometer lange Berliner Fernwärmenetz bis 2045 klimaneutral werden kann, ist eine andere Frage.
Die Perspektive der Versorgungssicherheit zieht sich durch viele Diskussionen des Forums. Neben Klimaschutz und Nachhaltigkeit rückt zunehmend die industrielle Widerstandsfähigkeit in den Fokus. Internationale Akteure wie Ivana Jemelkova, CEO des Hydrogen Council, warnen, dass Europa im globalen Wettbewerb zurückzufallen drohe, während Länder wie China, Indien oder Korea entschlossen voranschreiten. Wie Chatzimarkakis – und nicht minder temperamentvoll – geißelt auch sie das „Politik-Problem“, unter dem die gesamte Branche leidet.
Oder, wie Jasmin Kaboni-Voit, Leiterin des Bereichs „Hydrogen Regulatory & Funding“ bei RWE sagt: „Alle Lösungen liegen auf dem Tisch. Nichts muss mehr erfunden werden.“ Das sollten auch die Politiker begreifen und die Unternehmen bei der Umsetzung unterstützen, zumindest durch Abbau von „Überkomplexität“.
© Monika Rößiger
Kritik an Regulierung
Ein wiederkehrendes Thema ist daher die Vereinfachung von Regeln. Insbesondere die Umsetzung europäischer Vorgaben wie RED III oder die Definition von RFNBO-Kriterien gelten vielen als zu kompliziert und nicht praxistauglich. „Es gibt auf EU-Ebene schon so viele Regeln, zum Beispiel für grünen, blauen, türkisen und pinken Wasserstoff. Aber es gibt nicht genug Wasserstoff“, sagt Heike Denecke-Arnold, Vorsitzende der Geschäftsführung von Salzgitter Flachstahl.
Neben dem Angebot bleibt auch die Nachfrage ein Knackpunkt. Ohne verbindliche Abnahmegarantien oder Quoten für grüne Produkte – etwa Stahl – fehlt vielen Projekten die wirtschaftliche Grundlage. Entsprechend groß ist die Unterstützung auf dem H2 Forum für Instrumente wie Contracts for Difference oder EU-weite Abnahme-Garantien.
Neben Politik und Markt werden auf der Berliner H2-Konferenz auch technische Fortschritte gezeigt. Start-ups und etablierte Unternehmen präsentieren Lösungen von modularen Elektrolysesystemen über unterirdische Speicher bis hin zu KI-gestützter Effizienzsteigerung. Der Tenor: Die großen Innovationssprünge entstehen zunehmend in der Systemintegration, nicht mehr in der Grundlagenentwicklung. Auch das Potenzial für Kostensenkungen liegt in den Bereichen Integration, Betrieb und Digitalisierung.
„Wir produzieren Wasserstoff aus Sch..…“, sagt Andy Gradel zu Beginn seines Kurzvortrags ganz unverblümt. „Und zwar sehr erfolgreich.“ Natürlich meint der junge Ingenieur grünen H2 aus Gülle und Mist bzw. Biogas per Dampfreformierung – und bezeichnet das als „dezentralen Schub für den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft.“
Gradel, der auch Gründer und Geschäftsführer von BtX energy ist, zählt die Vorteile des innovativen Verfahrens auf: „Wir haben kein Henne-Ei-Problem. Wir müssen nicht auf Sonne und Wind warten. Wir nutzen Methan, das ansonsten klimaschädlich wäre und erzielen mit der H2-Produktion sogar negative Emissionen.“ Außerdem sei es „schon cool“, das eigene Wasserstoff-Auto nur 20 Meter neben den Kühen zu betanken, die die Grundlage für den Kraftstoff liefern.
Trotz aller Herausforderungen überwiegt in Berlin vorsichtiger Optimismus. Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft kommt langsamer voran als noch vor wenigen Jahren erwartet, doch er findet statt – Schritt für Schritt. Projekte und industrielle Anwendungen gehen in Betrieb, Infrastrukturen sind im Bau und werden sichtbar.
Entscheidend wird nun sein, ob es gelingt, aus einzelnen Vorhaben skalierbare Märkte zu entwickeln. Leitmärkte könnten dabei eine Schlüsselrolle spielen – vorausgesetzt, Politik und Regulierung stellen dafür die Weichen. Oder, wie es ein Teilnehmer formuliert: Wasserstoff entscheidet sich nicht in Strategiepapieren, sondern in realen Projekten. Berlin hat gezeigt, dass solche Projekte längst existieren. Jetzt müssen sie skaliert und in die Fläche gebracht werden.
© Monika Rößiger