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Lagebericht Wasserstoffhochlauf

Risikofaktor fossile Energie

Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe ist die Straße von Hormus kaum passierbar - rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels sind massiv gestört. Die Auswirkungen sind an den Zapfsäulen, bei den Heizkosten und in der energieintensiven Industrie sofort spürbar.

Da Europa nur über etwa zwei Prozent der weltweiten Öl- und Gasreserven verfügt, sind wir extrem anfällig für Krisen. Neu das nicht – nach der Energiekrise 2022 durch den russischen Angriffskrieg folgt nun die nächste Erschütterung binnen weniger Jahre.

Das zeigt die Risiken des Wartens auf einen „sanften Übergang“: Für energieintensive Unternehmen bedeutet eine solche Krise schwankende Rohstoffpreise, steigende Transportkosten und die Gefahr erneuter Inflationsschübe. Das beeinflusst auch Investitionsentscheidungen maßgeblich.

Hier eröffnet sich ein Vorteil für Wasserstofftechnologien: Je volatiler und teurer fossile Energieträger werden, desto attraktiver werden langfristige Lieferverträge für erneuerbare Energien und Wasserstoff, auch wenn der Einstiegspreis höher liegt. Unternehmen kalkulieren nicht nur die reinen Energiekosten je Megawattstunde, sondern auch die mit fossilen Optionen verbundenen Risiken. Grüner Wasserstoff punktet mit stabileren Kosten, mehr möglichen Lieferländern und sogar einer nennenswerten Erzeugung in der EU.

Wasserstoff wird sicherheitsrelevant

Die Planung des Wasserstoffnetzes ist damit nicht nur klimapolitisch, sondern auch sicherheitspolitisch wichtig. Dazu gehen wir dieser Tage einen wichtigen Schritt: Mit der verbindlichen Kapazitätsreservierung für das künftige Wasserstoffkernnetz werden Planungen nun konkret; Leitungsrechte können gebucht werden.

Der Aufbau von Wasserstoffspeichern, Importinfrastruktur und dezentralen Erzeugungsanlagen wird nun auch strategisch relevant. Die NATO prüft Szenarien dezentraler Energieversorgung beispielsweise bei Hintergrundtreffen mit H2-Netzbetreibern. Wasserstoff und seine Derivate gewinnen damit auch bei der Absicherung der Risiken geopolitischer Versorgungsunterbrechungen an Bedeutung.

Der Ausbau der Wasserstoffwirtschaft wird nicht von selbst gelingen. Die aktuelle Krise kann Katalysator sein. Ebenso können wir, wenn die Preise wieder sinken, in alte Muster zurückfallen – wie bereits nach den Ölkrisen der 1970er Jahre. Entscheidend werden zwei Aspekte sein:

• Ob die Industrie die derzeitige Veränderungsbereitschaft nutzt, um sich Kapazitäten und langfristige Wasserstofflieferverträge zu sichern, statt passiv auf die nächste Krise zu warten.

• Ob die Politik die Geschwindigkeit aktueller Beschleunigungsverfahren beibehalten kann und sich auch zu entsprechenden Förderinstrumenten durchringt.

Die eigentliche Lehre aus den aktuellen Ereignissen: Eine sichere und günstige fossile Energieversorgung gehört wohl der Vergangenheit an. Dies bietet die Chance für eine proaktive Transformation, statt immer nur auf Krisen zu reagieren. Grüner Wasserstoff ist kein Allheilmittel, aber kann die Herausforderungen von Versorgungssicherheit, Klimaschutz und industrieller Wettbewerbsfähigkeit effektiv miteinander verbinden.

Stefan Kaufmann

Rechtsanwalt Dr. ­Stefan Kaufmann berät national und international Unternehmen und Investoren der Wasserstoffwirtschaft. Von 2009 bis 2021 und von 2024 bis 2025 saß er im Deutschen ­Bundestag. Von 2020 bis 2022 war er Innovationsbeauf­tragter Grüner Wasserstoff der Bundesregierung im Bundesforschungsministerium. Für HZwei blickt er künftig regelmäßig auf die aktuellen Entwicklungen beim Energieträger der Zukunft.

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