„Werden den Wasserstoff liefern, den Europa braucht“

Die Grundidee ist schon alt: Solarenergie aus der Sahara wird nach Europa exportiert, um die dortigen Energieprobleme zu lösen. Ist dies aber tatsächlich ein gangbarer Weg? Ökologisch betrachtet könnte dieses Projekt sinnvoll sein, weil dadurch fossile Energieressourcen geschont werden, aber ist es auch moralisch vertretbar, oder wäre dies eine neue Art des Kolonialismus? Und wie viel Arbeit und Geld müssten investiert werden und wie hoch sind die Transportverluste?

Bereits im Jahr 1982 spielte der Visionär Ludwig Bölkow mit diesem Gedanken, der dann später von der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH aufgegriffen und um Wasserstoff erweitert wurde. Der Club of Rome übernahm die Idee, und nach der Jahrtausendwende führte das DLR Studien zu diesem Thema durch, auf denen dann später die Gründung von Desertec basierte.

Zunächst wurde die Desertec-Foundation formiert. Unabhängig davon gründete sich am 16. Juli 2009 eine Desertec-Initiative, ein Industriekonsortium aus vorrangig deutschen Firmen. Deren Versuch, im Rahmen von Desertec 1.0 solarthermische Kraftwerke in Nordafrika aufzubauen und Solarenergie per Hochleistungsstromnetz nach Europa zu transportieren, scheiterte jedoch, weil die afrikanischen Länder viel zu wenig involviert wurden.

Desertec 2.0 nahm dann die lokalen Märkte stärker in den Fokus, während das heutige Bündnis von Desertec 3.0 in den MENA-Wüsten nun Wasserstoff für die lokale Bevölkerung sowie für die globalen Märkte vorsieht.

Die Meinungen dazu gehen auseinander: Jorgo Chatzimarkakis forderte vor Jahren dezidiert Wasserstoffleitungen, die das Gas aus Afrika nach Mitteleuropa transportieren, und erklärte: „Wir werden ein Importland von erneuerbaren Energien, aber ein Exportland von Elektrolyseuren sein.“ Demgegenüber sagte Carsten Körnig, erneuerbare Energien in großer Menge zu importieren werde nicht möglich sein, weil auch andere europäischen Länder Bedarfe anmelden würden. Deswegen, so der BSW-Solar-Vorsitzende, solle verstärkt auf inländische Ökostromerzeugung gesetzt werden.

Um etwas mehr über den aktuellen Stand dieses Vorhabens zu erfahren, befragte HZwei Cornelius Matthes, den CEO von Dii Desert Energy.

In den gelben Ländern gibt es schon Projekte, in den grauen nicht. Gelber Wasserstoff wird via Thermolyse aus Müll gewonnen. Das ist speziell für Ägypten (aber auch Oman) relevant.

HZwei: Herr Matthes, Sie sagen in Vorträgen und Veröffentlichungen, dass die Unternehmen aus dem Desertec-Umfeld noch in diesem Jahrzehnt die Wasserstoffmengen liefern können, die Europa benötigt. Das klingt sportlich. Was ist die Grundlage für Ihre Zuversichtlichkeit?

Matthes: Wir kennen die Ankündigungen und Pläne unserer Partner. Dazu gehören Projekte wie Neom Green Hydrogen, das alleine 650 Tonnen Wasserstoff täglich produzieren soll, aber auch weitere Projekte von ACWA Power, Masdar, DEME, Linde oder EDF. Das sind große Unternehmen, deren Trackrecords zeigen, dass sie solche Projekte stemmen können. Rechnet man die Projekte zusammen, die bereits zwischen Ankündigung und der Umsetzungsplanung sind, kommt man auf mehr als die 10 Millionen Tonnen pro Jahr, die Europa bis 2030 importieren möchte. Mit dem Hydrogen Accelerator im Rahmen des REPowerEU-Plans sind die Produktions- und Importziele für Europa ungefähr vervierfacht worden. Das heißt, aus der 2×40-GW-Initiative, die wir Frans Timmermans im April 2020 gemeinsam mit unserem Partner Hydrogen Europe vorstellten, ist eine 2×160-GW-Initiative geworden. Die MENA-Region wird also bis Ende des Jahrzehnts den Wasserstoff liefern können, den Europa braucht.

Die Produktionskapazitäten sind das eine. Damit der grüne Wasserstoff eine Alternative zum fossilen Wasserstoff oder zu anderen Energieträgern wird, muss er aber auch bezahlbar sein.

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