Wasserstoff schafft eine neue Ordnung

Die Neuordnung der Energiewirtschaft ist in vollem Gange. Klar ist mittlerweile, dass Wasserstoff noch nicht sofort, aber doch in naher Zukunft eine maßgebliche Rolle spielen wird. Und so bringen sich derzeit alle erdenklichen Unternehmen in Stellung, um von dieser Umstrukturierung profitieren beziehungsweise diese mitgestalten zu können.

Indem 2022 die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen und auch die Kohlemeiler weniger werden, erhält der Erneuerbare-Energien-Sektor mehr Bedeutung. Allerdings sind hier weder die Zubau- noch die Installationszahlen auf einem wünschenswerten Niveau. Bleibt der Gassektor als wichtiges Standbein.

Burckhardt

Gaskraftwerke sind zwar nicht so umweltschädlich wie Kohlekraftwerke, aber sie sind Bestandteil einer fossilen Ära, die aufgrund der Pariser Klimaziele spätestens 2050 ein Ende finden muss. Wie bis dahin der Übergang gestaltet wird, darüber streiten derzeit die Interessenvertreter.

Das Gasnetz ist und bleibt vorerst als Energiespeicher und -verteilungssystem ein Grundpfeiler der Energieversorgung – trotz der voranschreitenden Elektrifizierung. Um aber mittelfristig sauberer zu werden, reicht es nicht, dem Erdgas etwas Biogas oder ein bisschen Wasserstoff beizumischen. Stattdessen müssen neue Wege gefunden werden, nachhaltig erzeugte CH4– oder besser H2-Moleküle zu speichern und zu transportieren.

HOC2021

Wo diese neuen Wege entlang beziehungsweise wohin sie führen werden, darüber gehen die Meinungen derzeit noch weit auseinander. Soll synthetisch erzeugtes Gas dem fossilen beigemischt werden, oder ist der Aufbau einer neuen Infrastruktur beziehungsweise die Umwidmung fossiler Rohre ratsamer?

Die Frage ist, wer den Umbau finanzieren soll. Aus Sicht der Regierung sollen die Kosten nicht von allen Gasnutzern getragen werden, sondern nur von denen, die von den Vorteilen des Wasserstoffs profitieren. Eine H2-Beimischung ins Erdgasnetz ist, zumindest in der derzeitigen EnWG-Novelle, zunächst – bis 2030 – nicht vorgesehen. Währenddessen verfolgen die Gasnetzbetreiber ganz eigene Interessen, die nicht immer deckungsgleich sind mit den Vorstellungen der Regierung (s. Umstrittene Regulierung von Wasserstoffnetzen), denn es geht hierbei auch um Machterhalt und Geld.

Auch der Heizungsbranche stehen neue Zeiten bevor. Ölheizungen sind out, aber auch Gasbrenner haben eine begrenzte Halbwertszeit. Brennwertthermen sind zwar relativ effizient und auch günstig in der Anschaffung, aber heute installierte Geräte, die voraussichtlich rund zwanzig Jahre im Betrieb sein werden, benötigen Gas und emittieren dementsprechend Kohlendioxid. Dasselbe gilt für Brennstoffzellen (s. Sind Erdgasbetriebene BZ-Heizgeräte zukunftsfähig?).

Eine Elektrifizierung in diesem Sektor (Wechsel auf Wärmepumpen) bringt zahlreiche Veränderungen mit sich – nicht nur für die Hersteller und Installateure, sondern auch für die Gas- und Elektrizitätsbranche, weil weniger Gas, aber mehr Ökostrom benötigt wird.

Wie sehr die Gasbranche noch den fossilen Energieträgern verhaftet ist, zeigt der fast flehende Ton von Andreas Lücke, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Heizungsindustrie und erster Sprecher der Initiative Brennstoffzelle (IBZ), wenn er sagt: „Wir brauchen den blauen Wasserstoff unbedingt.“

Blauer Wasserstoff, der aus Erdgas mit nachfolgender CO2-Sequestrierung hergestellt wird, wird unter anderem von dem Branchennetzwerk Zukunft Gas, das bis Anfang des Jahres noch Zukunft Erdgas hieß, befürwortet. Unterstützung holten sich die Lobbyisten für eine Online-Veranstaltung Ende Februar 2021 aus Norwegen. Der Botschafter des skandinavischen Königreichs Petter Ølberg warb für Carbon-Capture-and-Storage (CCS) als einen „kosteneffektiven und wettbewerbsfähigen“ Weg, obwohl Kritiker eine Verpressung von CO2 in alten Gasfeldern weder für sicher noch für effizient erachten.

Bislang votieren die meisten Politiker und Fachleute für grünen Wasserstoff, weil allein damit eine wirklich nachhaltige, zukunftsorientierte Energieversorgung realisierbar ist – und nicht zuletzt auch aufgrund der Akzeptanzprobleme sowie der derzeit nur schwer kalkulierbaren Risiken von CCS.

Auch wenn sich die Gasbranche bislang noch etwas schwertut mit dem neuen Medium Wasserstoff, findet doch ein Annäherungsprozess statt. Dr. Timm Kehler, der zweite IBZ-Sprecher, stellte dementsprechend fest: „Die Gasbranche hat ein Stück weit die Scheu vor Wasserstoff abgelegt.“ Er umriss ganz treffend, dass die zuerst ablehnende Haltung abgelegt und erkannt worden sei, dass Wasserstoff über ein sehr viel positiveres Image als Erdgas verfüge.

Währenddessen ordnet sich auch die Industrie neu. Die Welle der Firmenzusammenschlüsse ist ungebrochen: So hat die Neuman & Esser Group im November 2020 den brasilianischen Elektrolyseurhersteller Hytron Energy & Gas übernommen. Kurz zuvor hatte die Proton Motor Fuel Cell GmbH bekanntgegeben, dass man eine enge Kooperation mit der KST-Motorenversuch GmbH & Co. KG in Angriff nehme. Nur wenige Wochen zuvor hatte Proton Motor mit der Schäfer Elektronik GmbH die NEXUS-e GmbH für die Produktion von Brennstoffzellen-Schnellladestationen für Batterieautos gegründet. Plastic Omnium übernahm im Oktober die ElringKlinger Fuelcell Systems Austria GmbH (EKAT) und startete mit dem Mutterunternehmen das neue Gemeinschaftsunternehmen EKPO Fuel Cell Technologies, um nur einige Beispiele zu nennen.

Immer deutlicher wird dabei, dass eine nationale Sichtweise inzwischen immer mehr von einer globaleren Herangehensweise abgelöst wird. Denn klar ist, dass die Neuordnung der Energiewirtschaft ebenso wie die Klimakrise nicht allein in Deutschland gelöst wird – auch nicht in Europa. Dies ist eine weltweite Aufgabe – eine Generationenaufgabe.

Herzlichst

Sven Geitmann

HZwei-Herausgeber

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