Digitalisierung der Veranstaltungsbranche

(K)ein Stimmungsbild von der HOC, H2.0 und WindEnergy

HOC

Wie berichtet man von einer Konferenz, an der man zwar teilgenommen hat, aber nur vom häuslichen Bürostuhl oder Sofa aus? Und deren einzelne Vorträge und Online-Angebote man natürlich nur teilweise angehört beziehungsweise wahrgenommen hat? Ich muss gestehen, dass ich mich mit Webinaren und Online-Trade-Shows immer noch schwertue. Ich habe das Gefühl, kein richtiges Gespür für diese Veranstaltungen zu haben, dafür, wie die Angebote bei den Teilnehmern ankommen, wie die Stimmung unter den Ausstellern sowie Referenten ist und was die wirklich interessanten Neuigkeiten sind.

Burckhardt

Nehmen wir als Beispiel die HOC, die Hydrogen Online Conference, die am 8. und 9. Oktober 2020 stattgefunden hat. Organisiert von Mission Hydrogen, dem Start-up von Silke Frank und David Wenger, waren bei diesem weltweiten Event 77 Aussteller und über 11.000 Teilnehmer mit dabei. Für die H2-Branche dürften dies einmalig hohe Zahlen sein – zumindest im digitalen Sektor.

24 Stunden lang präsentierten zahlreiche namhafte Redner ihre Firmen, ihre Entwicklungen, ihre Produkte. Einige der interessantesten Vorträge fanden allerdings aus mitteleuropäischer Sicht zu nachtschlafender Zeit statt. So gab beispielsweise Dr. Sascha Kühn sein Comeback und meldete sich mit seinem Unternehmen kraftwerk zurück (s. kraftwerk legt Tarnmodus ab). Da sein Zielmarkt allerdings vorrangig Asien ist, referierte er um 3:30 Uhr CET, also für seine potentiellen chinesischen Partner am Vormittag.

HOW

Als Pressevertreter bekomme ich freundlicherweise Zugriff auf die HOC-Collection, darf mir also alle Referate kostenfrei anschauen (auch wenn das aus Zeitgründen natürlich unmöglich ist). So konnte ich mich auf der virtuellen Messe etwas umgeschaut, stellte aber fest, dass sich die Organisatoren zwar sichtlich viel Mühe gegeben haben, ein Online-Messe-Besuch für mich jedoch letztlich kaum etwas anderes ist als der Zugriff auf eine Website.

Einen echten Überblick über die tatsächliche Größe der HOC haben wahrscheinlich nur Frank und Wenger, die beide sehr eloquent und kompetent durch die 24 Stunden moderierten. Der Inhaber von David Wenger Engineering hatte seine vielen Tausend Linkedin-Kontakte zu dieser Veranstaltung eingeladen, und die langjährige Organisatorin von Live-Events hatte ebenfalls ihr Netzwerk mobilisiert, so dass das gesamte Who is Who der globalen H2– und FC-Branche beteiligt war. Dennoch habe ich kein Gespür dafür entwickeln können, wie die Stimmung war.

Welche Themen beschäftigen die Branche aktuell? Wie zuversichtlich oder ernüchtert sind die Akteure? Welche Fragen bewegen die Geschäftsführer, welche die Techniker?

Weder bei der HOC noch bei der H2.0 oder der WindEnergy und auch nicht bei einer der vielen anderen Online-Konferenzen habe ich einen Adrenalinschub verspürt, wie ihn mitunter eine Neuigkeit über eine Firmenübernahme, einen Personalwechsel oder eine Produktpräsentation, von der man live vor Ort während einer Messe oder eines Kongresses erfährt, hervorruft. Das Erregungslevel, allein im Home-Office vor dem eigenen Computer, ist doch eher gering. Und es fehlt.

Dabei war auch die H2.0-Konferenz in Husum eine tolle Veranstaltung. Mai-Inken Knackfuss hat wieder einmal perfekte Vorarbeit geleistet, um in Husum die wesentlichen Akteure des Nordens zusammenzubekommen. Trotz Corona-Pandemie waren zwei Landesminister live vor Ort in der grauen Stadt am Meer. Höchst professionell und fachkundig moderierte wieder Ulrich Walter durch den Tag. Aber ob beispielsweise von irgendjemandem das Zusatzangebot des Networkings genutzt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Und genau das ist eine der wesentlichen Herausforderungen bei dieser Digitalisierung: Wie können Zufallsbegegnungen und Getratsche, auf die es bei Live-Events ja wesentlich ankommt, ins Internet übertragen werden? Die Gespräche in der Essensschlange während der Kongressmittagspause sind doch die spannendsten, ebenso wie unvorhergesehene Begegnungen mit alten Bekannten, die seit dem letzten Treffen schon zweimal das Unternehmen gewechselt haben.

Ganz zu schweigen von den technischen Herausforderungen: So gelang es beispielsweise der Hamburg Messe nicht, rechtzeitig Anfang Dezember den Ausstellerbereich der WindEnergy Hamburg digital zugänglich zu machen, so dass die teilweise aufwändig angelegten Unternehmensprofile nicht aufrufbar waren.

Vor diesem Hintergrund sollten wir uns, wie ich finde, statt bisherige Live-Konzepte einfach eins zu eins ins Internet zu übertragen, allmählich mal über wirklich innovative, disruptive, neue Kommunikations- und Präsentationsformate Gedanken machen. Ich bin zuversichtlich, dass irgendein Start-up schon bald etwas Tolles präsentieren wird.

3 Gedanken zu “Digitalisierung der Veranstaltungsbranche

  1. Danke für deinen guten Kommentar, Sven. Diejenigen, die mich in den letzten Jahren live erlebt haben wissen, wie toll ich wahre, analoge Begegnungen finde. Und wir werden dahin auch wieder zurück finden – nur eben mit einer etwas anders austarierten Waage, wie es vor Corona war. In diesem Sinne: Mission Hydrogen arbeitet weiterhin daran, dass die virtuellen Veranstaltungen bestmöglich zum Austausch anregen. Lassen Sie sich überraschen, was wir am 25.3. beim Hydrogen Online Workshop bieten werden! Und dann winken wir uns auch irgendwann wieder ohne Scheiben zu!

  2. Lieber Sven Geitmann,

    danke für den konstruktiv-kritischen Artikel. Als einer der Erwähnten fühle ich mich nahezu verpflichtet, darauf zu reagieren.

    Zunächst mal eine Geschichte aus dem berühmten Nähkästchen: Die Idee von Mission Hydrogen und der Hydrogen Online Conference stammt aus dem Jahr 2019, als Corona noch ein Bier war und „Quarantäne“ im Fremdwörterduden stand. Unsere größte Sorge war damals, dass die Leute keine Online-Veranstaltungen haben wollen. Diese Sorge hat sich erübrigt… 😉

    Wie der durchschnittliche Teilnehmer oder die durchschnittliche Ausstellerin eine solche Veranstaltung bewertet, ist schwer zu sagen. Es gibt wie überall eine Gauß-Verteilung.

    Einige Aussteller fanden es super. Sie hatten sich mit dem Team in ein Hotel eingemietet, haben in Schichten den Stand betreut, hatten eine gute Zeit miteinander und haben Anfragen und Umsatz generiert.

    Andere Aussteller fanden es unpersönlich und hätten gerne mehr zwischenmenschliche Interaktion gehabt. Das war klar, dass das passieren würde. Ich nehme es nicht persönlich.

    Einige Aussteller waren froh, dass sie nicht ans andere Ende der Welt reisen und einen Jetlag von 10 Stunden kompensieren mussten.

    Andere Aussteller haben sich darüber beklagt, dass das mit dem Feierabendbier mit den Kunden virtuell nicht so viel Spaß macht.

    Was aber viel entscheidender ist: Viele der Aussteller haben für den Hydrogen Online Workshop am 25.03.2021 oder die Hydrogen Online Conference 2021 am 08. Oktober gleich wieder einen Stand gebucht. Das sagt doch sehr viel aus über die Zufriedenheit jenseits der Tagesform einzelner Leute.

    Die HOC 2020 hatte in der Tat 11.268 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 95 Ländern. Die Mission Hydrogen Webinare 2020 hatten in Summe etwa 26.000 Teilnehmer. Der Hydrogen Online Workshop hat aktuell weit über 5.000 Anmeldungen, das Ziel sind 15.000 Teilnehmer aus 100 Ländern. Wir werden es voraussichtlich erreichen.

    Es geht mir bei der Nennung dieser Zahlen nicht darum, anzugeben. Die Botschaft ist eine andere: Wasserstoff kommt. Immer mehr Menschen auch aus ganz „normalen“ Branchen beschäftigen sich damit, denken sich Produkte aus, reduzieren die Kosten und verbessern die Zuverlässigkeit.

    Wenn Mission Hydrogen dazu einen wichtigen Beitrag leisten kann, ist das Ziel erreicht. Unabhängig davon, dass auch ich mich gerne in der Essensschlange mit den alten Bekannten unterhalte. 😉

    In diesem Sinne: Wir sehen uns auf dem Hydrogen Online Workshop (HOW), um gemeinsam alle „HOW to…“-Fragen der Wasserstoffwelt zu diskutieren! (www.hydrogen-online-workshop.com)

    Gruß

    David Wenger

  3. Danke für diese Hinweise hier, Sven.
    Mir geht es bei den derzeitigen online Angeboten ähnlich wie Dir. Das man relativ schnell einfach auf der jeweiligen Website der Aussteller landet, kann`s ja wohl nicht wirklich gewesen sein.
    Allerdings, und da will ich nicht nerven,
    ein kleiner ergänzender Hinweis auf unsere erste Virtuelle Messe im Jahr 2003
    könnte Deine Ausführungen noch ergänzen.
    Sie ist immer noch rund um die Uhr abrufbar:
    http://www.hydrogenambassadors.com/vf/index.html
    Und das ist gut so. Wir hatten damals schon alle Elemente „von heute..“
    mit drin, auch Video-Statements der Aussteller.
    Man/frau konnte/kann ich sogar die original-Visitenkarten aller Aussteller herunterladen. Dies alles geschah weit vor der flächendeckenden Einführung der Smartphones,
    die war erst ab 2007.
    Für das darauffolgende Jahr 2004 hatte ich, zusammen mit den kreativen Leuten in unserer langjährigen Messebau-Firma, schon Pläne für das entwickelt, was man heute „Hybrid“ nennt.
    Ich habe mich dann allerdings für entschieden, das wir uns auf die Vorbereitung einer Messe mit internationaler Konferenz in Schanghai, China konzentrieren.
    Das Thema, das wir für das Chinesische Ministerium für Wissenschaft und Technologie MOST entwickelten:
    Meeting Point Renwable Energies China incl. Hydrogen and Fuel Cells
    war doch verlockender, als etwas zusätzliches in Hannover zu machen.
    http://www.hydrogenambassadors.com/china2004/index.php
    Viele fragen sich/mich:
    Und was machst Du heute, nach dem ganzen Gelaber, Arno A. Evers?
    Guckt es Euch gerne an: https://www.sunnyhousessamalisland.com/
    Ich baue ein kleines Dorf, das in der Endausbau-Stufe voll energie-autark sein wird.
    Als Beispiel dafür, wie einfach die Energie-Versorgung der Weltbevölkerung in Zukunft sein wird.
    Ich bin dankbar dafür, jetzt noch meinen Lebenstraum
    hier in den Philippinen Wirklichkeit werden zu lassen.
    Unser YouTube Kanal zeigt mehr:
    https://www.youtube.com/user/starnberg2413/videos

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