Wasserstoff-Verband will sich neu ausrichten

Vorstand
DWV-Vorstand, MV in Leipzig, 2019: Wurster, Behrend, Schaloske, Scheppat, Diwald, Klees, Weinmann, Töpler, Schmidtchen, Lehmann (v. l. – Martin nicht im Bild)

Die ruhigen Zeiten in der Wasserstoffbranche sind vorbei. Das merkt jetzt auch der Deutsche Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verband e.V. (DWV). Mit dem wachsenden Interesse an der H2– und BZ-Technik nehmen auch dort die Begehrlichkeiten zu. So wollen die einen aus dem DWV einen schlagkräftigen Industrieverband machen, während andere weiter die Realisierung einer nachhaltigen, dezentralen Energieversorgung vor Augen haben. Dem gemeinnützigen Verein steht somit eine Zerreißprobe bevor: Soll er sich jetzt weiter in Richtung eines Lobby-Verbands entwickeln, in dem es ausschließlich um die Vertretung der wirtschaftlichen Interessen seiner industriellen Mitgliedsunternehmen geht, oder hält er an seinen ehemaligen Idealen fest, die im Aufbau einer sauberen Energieversorgung, basierend auf Wasserstoff, bestanden?

Solch eine Entwicklung ist nicht unbekannt. Auch die Solar- und Windenergiebranche hat diesen Wandel durchlebt. Standen in der Anfangszeit der Erneuerbare-Energien-Szene Ende des 20. Jahrhunderts ein paar wenige Idealisten – häufig als Spinner bezeichnet – ziemlich allein auf weiter Flur, kamen nach und nach immer mehr Akteure dazu, als absehbar war, dass mit dieser Technologie Geld verdient werden kann. Einige wenige ehemalige Visionäre haben all die folgenden Höhen und Tiefen bis heute überstanden. Sehr viele von ihnen sind aber auf der Strecke geblieben, weil sie dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck nicht standhalten konnten. An ihre Stelle sind häufig Manager getreten, die zwar von der eigentlichen Technik nicht viel Ahnung hatten, sich dafür aber auf dem Markt gut auskannten beziehungsweise sich und die Technik besser verkaufen konnten.

Genau dieser Prozess läuft derzeit auch in der Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Community ab. Immer mehr Betriebswirtschaftler übernehmen die Positionen der ehemaligen Erfinder oder Firmengründer und wollen die neue Technologie jetzt auf den Markt bringen. Dieser Austausch der Führungsebene kann durchaus sinnvoll sein, denn nur äußerst selten sind Erfinder auch gute Vermarkter. Die Wahrscheinlichkeit ist aber hoch, dass bei diesem Prozess die ursprünglichen Werte und Ziele aus dem Blickfeld geraten.

Was hat das mit dem DWV zu tun?

Am 10. September 2020 steht die diesjährige Mitgliederversammlung (MV) an, bei der ein neuer Vereinsvorstand gewählt wird. Außerdem geht es um eine neue Struktur sowie die Geschäftsführung des Verbands: Kooperiert der Deutsche Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verband zukünftig enger mit dem Deutschen Verband der Gas- und Wasserwirtschaft (DVGW), fusionieren sie vielleicht sogar miteinander, oder versucht sich der DWV weitestgehend allein zu behaupten? Damit einher geht eine Entscheidung, wie das zukünftige Arbeitsprogramm aussehen wird.

Zunächst zu den Vorstandswahlen: Hierbei müssen sich die Mitglieder entscheiden, ob sie den idealistischen Gründungsvätern oder den marktorientierten Geschäftsleuten ihr Vertrauen aussprechen. Mit Eberhard Behrend und Dr. Ulrich Schmidtchen scheiden definitiv zwei zentrale Figuren und Gründungsmitglieder aus der Führungsriege aus, da sie nicht wieder kandidieren werden. Auch der deutlich jüngere Dr. Manuel Schaloske, der vor Jahren als potentieller „Nachwuchs“ in den Vorstand kam, tritt nicht wieder an, ebenso wie André Martin, der die „Task Force“ für die Entwicklung einer neuen Organisation des DWV geleitet hat.

Prof. Birgit Scheppat und Dr. Johannes Töpler kandidieren zwar erneut, müssen sich aber voraussichtlich einer Kampfabstimmung stellen, weil Dr. Manfred Schuckert und Dr. Oliver Weinmann (Gründungsmitglied des DWV) an ihrer statt stellvertretende Vorsitzende werden wollen beziehungsweise sollen. Während die beiden Ersteren deutlich älteren Semesters sind und beide auf eine wissenschaftliche Laufbahn an Hochschulen verweisen können, handelt es sich bei den Zweiteren um zwei etwas jüngere Industrievertreter von Großkonzernen.

Die Tatsache, dass ausgerechnet Weinmann, dem eine gewisse ideologische und persönliche Nähe zu dem amtierenden Vorsitzenden nachgesagt wird, der aber in der Vergangenheit bei den meisten Vorstandssitzungen gar nicht anwesend war, als bisheriger Beisitzer nun den Stellvertreterposten anpeilt, kann als Misstrauensvotum gegen die bislang amtierenden Vize-Vorsitzenden beziehungsweise als Stärkung der Position des Vorsitzenden verstanden werden.

Als Beisitzer werden die beiden Gründungsmitglieder Prof. Jochen Lehmann und Reinhold Wurster wieder antreten – mit ihnen auch neun andere (eine davon weiblich), wodurch der gesamte Vorstand auf sechzehn Mitglieder vergrößert würde.

In Sachen Umstrukturierung, die beim Verband schon seit mehreren Jahren diskutiert wird, läuft alles auf eine Professionalisierung hinaus, da sich gezeigt hat, dass der DWV aus dem reinen Ehrenamt heraus den zukünftigen Aufgaben nicht mehr in der angestrebten Weise gerecht werden kann. Deswegen hat in der Vergangenheit ENCON.Europe einige Tätigkeiten des DWV übernommen. Nach Aussage des Vorstandsvorsitzenden Werner Diwald hat die ENCON.Europe GmbH in den letzten beiden Jahren erheblich dazu beigetragen, die Sichtbarkeit des DWV zu steigern, ohne selbst großartig in Erscheinung zu treten.

Die ENCON.Europe GmbH, deren Geschäftsführer Diwald ist, habe exklusiv den DWV und die Fachkommission performing energy als Markennamen im politischen Umfeld platziert und stets im Interesse des Verbands gehandelt, so der Verbandsvorsitzende. Zum Team von ENCON.Europe zählen Dr. Gerd Harms, der mit Diwald Gesellschafter ist, sowie Dennitsa Nozharova und Dr. Benjamin Baur, die alle gleichzeitig auch für den DWV arbeiten.

In der Vergangenheit waren wiederholt Stimmen laut geworden, die kritisierten, dass die Trennung zwischen Unternehmens- und Verbandstätigkeiten nicht ausreichend erkennbar sei. Auch Rolle und Funktion der ebenfalls von Diwald geleiteten Fachkommission performing energy waren nicht immer ganz klar, weshalb die Etablierung neuer Fachkommissionen, die jetzt auf der Tagesordnung stehen (HySteel, HyLogistics, HyLaw), schon in der Vergangenheit für Diskussionen sorgte. Allein aus Compliance-Gesichtspunkten scheint somit eine Umstrukturierung und Entflechtung überfällig zu sein.

Unterstützung bei seinen Professionalisierungsbemühungen erhält der Wasserstoffverband seit Januar 2019 vom DVGW, der schon lange über eine hauptamtliche Geschäftsstelle, die der DWV seit einiger Zeit mit nutzt, verfügt. Die Gründe, weshalb der große Gas- und Wasserverband mit dem sehr viel kleineren DWV zusammenzuarbeitet, sind laut Diwald insbesondere dessen „exzellente Kontakte in die nationale und europäische Politik“ sowie die „damit verbundene erfolgreiche Lobby-Arbeit“. Andersherum profitiere der Brennstoffzellenverband von dem enormen Fachwissen des DVGW auf der Gasseite sowie von dem umfangreichen Angebot an Aus- und Weiterbildungsprogrammen.

In der Kooperationsvereinbarung wurde darüber hinaus manifestiert, dass eine Zusammenführung beider Verbände überprüft werden sollte. Diese Prüfung habe zwar ergeben, so Diwald, dass die Zusammenarbeit mit dem DVGW vertieft werden solle. Die Gründung einer gemeinsamen GmbH, die zwischenzeitlich angedacht worden war, werde aber inzwischen nicht mehr gewollt, hieß es weiter. Alfred Klees, Leiter Gastechnologien und Energiesysteme beim DVGW und seit 2019 Mitglied des DWV-Vorstands, erklärte dazu gegenüber HZwei, der DVGW habe eine Stärken-Schwächen-Analyse angefertigt, die ergeben habe, dass sich eine gemeinsame GmbH weniger eigne als eine Neuorganisierung des DWV. Deswegen werde jetzt eine Präsidiumslösung angepeilt, die während der 25. Mitgliederversammlung vorgestellt werden soll.

„Die Analyse hat aus mehreren Gründen ergeben, dass die Gründung einer GmbH unterhalb des DWV zu diesem Zeitpunkt nicht die ideale Lösung ist.“

Werner Diwald, DWV-Vorstandsvorsitzender

So soll der Verband in Zukunft von einem hauptamtlichen Vorstand und einem ehrenamtlichen Präsidium geleitet werden. Während das Präsidium die Strategie und die Ziele des DWV festlegen soll, wird sich der hauptamtliche Vorstand um das operative Geschäft kümmern.

Interessant ist dabei ein Blick in die Satzung. Denn in der Fassung vom 12. Dezember 2018 steht geschrieben, dass Neumitglieder deutlich mehr Stimmrecht haben als diejenigen, die den Verband über die letzten 24 Jahre aufgebaut haben. Demnach haben Großkonzerne, die nach dem 1. Januar 2019 beigetreten sind, 30 Stimmen, während gleich große Altmitglieder nur zehn Stimmen haben. Mittelgroßen Firmen, die einen Jahresumsatz von 1 bis 5 Mio. Euro aufweisen können, erhalten seitdem acht Stimmen, während die bereits zuvor beigetretenen Firmen nur vier Stimmen haben.

Der entsprechende Beschluss ist nicht auf einer Mitgliederversammlung gefallen, sondern in einem postalischen Umlaufbeschluss im vierten Quartal 2018. Laut DWV-Mitteilungen hatte „der Vorstand nach eingehender Diskussion und Abwägung verschiedener Optionen in seiner Vorstandssitzung am 9. Oktober 2018 einstimmig beschlossen“, diesen Weg einzuschlagen, ohne diesen Vorschlag auf einer Versammlung zu diskutieren. Dabei wurde in der schriftlichen Begründung zwar die damit einhergehende Beitragserhöhung erklärt, aber nicht auf die Änderung der Stimmenanteile eingegangen.

Die neuen Unternehmensmitglieder, insbesondere diejenigen, denen ein Vorstandsposten in Aussicht gestellt wurde, haben somit vergleichsweise viel Mitbestimmungsrecht. Vor dem Hintergrund, dass 2018 bei der letzten Vorstandswahl insgesamt rund 450 Stimmen zu vergeben waren, lässt sich errechnen, dass beispielsweise allein die 22 Mitglieder von performing energy die weitere Marschrichtung des Verbands bestimmen könnten, während Einzelstimmen inzwischen quasi bedeutungslos geworden sind.

Somit ist schon jetzt klar, dass die Versammlung in Hamburg in die Vereinsgeschichte des 1996 ins Leben gerufenen Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbands eingehen wird, denn es geht in mehrfacher Hinsicht um Richtungsentscheidungen. Der Vorsitzende und der Vorstand haben bereits entsprechende Unterlagen mit ihren Vorschlägen an die Mitglieder verschickt. Im September 2020 müssen diese dann entscheiden, wer am Ende die Marschrichtung vorgeben soll und wohin es in Zukunft gehen wird.

Kommentar von Sven Geitmann

Schreibe einen Kommentar