Interview mit Mr. Hydrogen in Brüssel

Jorgo
Jorgo Chatzimarkakis

Georgios „Jorgo“ Chatzimarkakis wurde 1966 in Duisburg geboren und verfügt neben dem deutschen auch über einen griechischen Pass. Er studierte in Bonn Agrar- sowie Politikwissenschaften und widmete sich bereits damals insbesondere der Wirtschaftsgeschichte sowie dem Völker- und Europarecht, was ihm den anschließenden Einstieg in die Politik erleichterte. Er arbeitete dann unter anderem für das Auswärtige Amt, als Unternehmensberater und auch als Lehrbeauftragter im Fachbereich Europapolitik. Politisch war er bis 2014 für die FDP aktiv: Von 1995 bis 2011 war Chatzimarkakis Mitglied im Bundesvorstand und von 2002 bis 2010 Generalsekretär des Landesverbandes Saarland. Zudem war er von 2004 bis 2014 Abgeordneter im Europäischen Parlament und während der Finanzkrise Sonderbotschafter der griechischen Regierung. Seit Anfang 2016 leitet er den europäischen Firmenzusammenschluss Hydrogen Europe.

HZwei: Sehr geehrter Herr Chatzimarkakis, stimmt es, dass die Idee, Solarenergie in Form von Wasserstoff zu speichern, Sie in den 1980er Jahren dazu bewegt hat, in die Politik zu gehen?

In der Tat wurde ich auf das Thema Wasserstoff bereits als Schüler aufmerksam. Ich verschlang das Buch „Im Anfang war der Wasserstoff“ von Hoimar von Ditfurth förmlich. Als sich dann 1986 die Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl ereignete, wollte ich mich als Student unbedingt politisch engagieren. Ich folgte dem Veranstaltungsaufruf einer neuen, kleinen Partei, die in der Sahara aus Solarstrom über Elektrolyse Wasserstoff erzeugen und nach Europa transportieren wollte. So sollte eine Alternative zur Nuklearwirtschaft entstehen. Es handelte sich um die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP), die vom vormaligen Unionsabgeordneten Herbert Gruhl gegründet worden war. Der Wasserstoff brachte mich also tatsächlich in die Politik. Jahre später „warben“ mich die Jungen Liberalen ab, was mir den Weg in die FDP ebnete.

HZwei: Sie haben aber dann zunächst sehr viel Politik gemacht, bevor Sie sich wieder dem Wasserstoff zugewandt haben. Wie kam es zu dieser Art „Rückbesinnung“ auf den Energiesektor?

link-to-hzwei-web

HZwei: Was genau reizt Sie denn so am Wasserstoff, dass Sie dafür die Fronten gewechselt haben – von der Politik zur Politikberatung?

Meinem Lebenslauf ist ja leicht zu entnehmen, dass ich wenig vom weit verbreiteten Denken in Silos halte. Karrieren von Berufspolitikern, die von der Schule über Studentenparlamente in eine lebenslange Politikertätigkeit führen, sind mir suspekt. Da gefällt mir das US-amerikanische System viel besser, das zu einem ständigen Wechsel zwischen Wirtschaft, Forschung und Politik geradezu animiert. Nur dies garantiert, dass man auch von der realen Wirtschaft, aber umgekehrt auch von den komplizierten politischen Entscheidungsprozessen etwas mitbekommt.

HZwei: Wofür setzt sich Ihr Verband genau ein?

Kurz gesagt: Wir wollen, dass sich die Nutzung von Wasserstoff und Brennstoffzellen als ganz normaler Bestandteil des täglichen Lebens durchsetzt. In erster Linie geht es darum, Wissenslücken über Wasserstoff und Brennstoffzellen zu schließen. Eine der wichtigsten Botschaften ist, dass man einen alternativen Kraftstoff bekommt, der null Emissionen hat und dabei null Kompromisse einfordert/erfordert. Im Zuge der europäischen Energiewende und gerade auch im Rahmen des so genannten „Winterpakets“ (Clean Energy Package for all Europeans) geht es momentan darum, die Vielseitigkeit des Wasserstoffs als Energieträger, Kraftstoff und Rohstoff im Rahmen der Dekarbonisierung darzustellen. Kopfzerbrechen bereitet den EU-Akteuren insbesondere die Winterflaute und die Tatsache, dass die Überschüsse aus den Sommermonaten gespeichert werden müssen. Beim Thema der saisonalen Energiespeicherung müssen wir uns als Hydrogen Europe positionieren und sind natürlich froh darüber, dass das Thema Speicher nun endlich auch auf EU-Ebene definiert wurde.

HZwei: Hydrogen Europe ist Ende 2015 aus der Industrieinitiative New Energy World Industry Grouping (NEW-IG) hervorgegangen. War das nur eine Umbenennung oder die Gründung einer neuen Interessenvertretung?

Die NEW-IG ging aus der Bildung einer Technologieplattform zum Thema Wasserstoff und Brennstoffzelle, des ersten FCH JU, hervor. Im Rahmen dieser neuartigen Zusammenarbeit der Öffentlichkeit mit der Wissenschaft und der Industrie musste Letztere sich organisieren. Dieser industrielle Zusammenschluss vieler KMUs mit einigen großen Namen auf dem Gebiet des Wasserstoffs und der Brennstoffzelle war wesentlich für die Schaffung eines „Öko-Systems“ der Wasserstoffnutzung. Es entstand über viele Jahre ein Kitt, der eine enorme Bedeutung für den Markthochlauf vieler bereits reifer Produkte haben

wird. Allerdings war die Wirkung der NEW-IG eher nach innen gerichtet, also auf die Stärkung des Sektors konzentriert. Mit dem Übergang zu Hydrogen Europe sollten dann die Interessen des nunmehr existenten Sektors nach außen verdeutlicht werden.

HZwei: Was genau war denn das Neue daran?

HZwei: Als Sie bei Hydrogen Europe anfingen, sagten Sie, dass Sie sich darauf freuen, als „Mr. Hydrogen“ in Brüssel den Politikern, den Interessengruppen sowie der Presse die Vorteile der Wasserstofftechnik erklären zu können. Sehen Sie das heute auch noch als Ihre Hauptaufgabe an?

Den Wasserstofftechnologien fehlte in der Tat ein Gesicht in Brüssel. Es finden tagtäglich Konferenzen, Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen statt, wo sich Technologien und Sektoren darstellen, Synergien entwickeln und entsprechend argumentative Erfolge erzielen können. Sachargumente sind ein wichtiges Mittel, um politische Entscheider für unsere Technologien zu gewinnen. Diese müssen aber auch vermittelt werden. Somit ist es in der Tat eine meiner Hauptaufgaben, Wissen zu vermitteln. Im Moment funktioniert das gut, weil es eben noch vieles aufzuarbeiten gibt.

HZwei: Sie waren jetzt auch auf der Hannover Messe. Dort trafen Sie gemeinsam mit Industrievertretern auf Maroš Šefčovič, den Vize-Präsidenten der Europäischen Kommission für die Energieunion. Sehen Sie auch darin Ihre Aufgabe, als ehemaliger Europaabgeordneter Unternehmensvertreter und Europapolitiker zusammenzubringen?

HZwei: Was sind denn konkret Ihre aktuellen Projekte, die Sie gerade versuchen voranzutreiben?

Ein weiteres wichtiges Projekt ist die Einigung auf eine dritte Förderperiode für das FCH JU, unsere Technologieplattform. Im Moment beginnt die EU-Kommission mit der Evaluierung der Leistung. Wir sind zuversichtlich, dass wir die Entscheidungsträger mit viel Arbeit überzeugen können.

HZwei: Und wo sehen Sie zukünftig die Hauptanwendungsfelder für Wasserstoff?

In einer „sektor-gekoppelten“ Energiewirtschaft stellt Wasserstoff das Bindeglied zwischen den komplexen Prozessen der verschiedenen Sektoren dar. Welche vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten sich dabei ergeben, elaboriert aktuell die Studie von Prof. Ad van Wijk „Grüne Wasserstoff-Wirtschaft in den nördlichen Niederlanden“. In unserem Nachbarland entsteht gerade eine breit angelegte Initiative des „Northern Netherlands Innovation Board“, das Europas Zukunft darstellt. Wasserstoff steht dabei im Mittelpunkt.

HZwei: Stimmen Sie denn der Aussage zu, dass sich die Wasserstoffbranche etwas vom Pkw-Sektor lösen sollte? Es mehren sich derzeit die Stimmen, die sagen, dass man endlich einmal aufhören sollte, immer auf die Brennstoffzellenautos zu warten. Sowohl bei Nutzfahrzeugen als auch im Schienenverkehr könnte der Markteintritt sehr viel früher erfolgen, ebenso bei Flurförderzeugen und bei stationären Anlagen. Sehen Sie das auch so?

Es ist nach wie vor eine Entwicklung, die Hand in Hand geht. Viele Menschen brauchen das Modell von Brennstoffzellenautos, um sich die Rolle von Wasserstoff in der Mobilität tatsächlich vorstellen zu können. Diese sind bereits auf dem Markt erhältlich. Der Einsatz von Piloten und insbesondere von marktfähigen Autos zeigt, dass es geht. Und darauf kommt es an: Die Marktreife zu demonstrieren! Dies wird eines der Hauptprojekte bei der anstehenden Weltklima-Konferenz COP23 in Bonn sein. Hydrogen Europe möchte die volle Bandbreite aller anwendungsbereiten Technologien im Shuttle-Service des UNFCCC unter Beweis stellen.

HZwei: Mit der European Hydrogen Association gibt es ja noch einen zweiten europä

ischen Wasserstoffverband. Was unterscheidet Hydrogen Europe vom EHA?

HZwei: Im Vorstand von Hydrogen Europe sind Sie ja nicht der einzige Deutsche. Neben Ihnen sind, wie bereits erwähnt, auch Werner Diwald sowie Nils Aldag in der Verbandsführung. Besteht damit nicht die Gefahr, dass sich hier andere Länder von Deutschland bevormundet fühlen?

Als ich Generalsekretär von Hydrogen Europe wurde, bestand der sechsköpfige Vorstand aus vier Vertretern aus Deutschland. Das war in der Tat eine Dominanz. Jetzt gibt es mit Nils Aldag nur noch einen Deutschen, während Werner Diwald ja als Vertreter der nationalen Verbände den Vorstand ergänzt. Die Gefahr eine Bevormundung sehe ich aber nicht, da an der Spitze stets ein Franzose stand. Überhaupt ist der Einfluss der französischen H2-Szene auf Hydrogen Europe beträchtlich. Das ist aber auch gut so.

HZwei: Letzte Frage: Wann werden wir in Europa von einer etablierten Wasserstoffwirtschaft reden können?

Wir werden zwischen 2020 und 2030 den Grundstein dafür legen müssen, wenn wir die Weltklimaziele von Paris erreichen wollen. Danach erfolgt die rasche Ausweitung.

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: