Aus elektromobiler Sicht ist die IAA ein großer Flop

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Das Augenmerk lag während der IAA – wenn überhaupt – auf Hybrid-Modellen.

Die IAA 2015 war wie ein Offenbarungseid der Automobilindustrie: Selten konnte man so deutlich wie bei dieser 66. Internationalen Automobil-Ausstellung sehen, wie weit manchmal Theorie und Praxis auseinanderliegen können. So war im Vorfeld vom Veranstalter, dem Verband der Automobilindustrie (VDA), mehrfach lautstark vermeldet worden, dass Elektromobilität wieder ein Schwerpunktthema in diesem Jahr sein wird. Die Realität sah dann aber ganz anders aus: Weder Brennstoffzellen- noch Batterieautos waren bei irgendeinem Automobilhersteller Hauptthema. Lediglich Toyota konzentrierte sich ganz auf Hybridfahrzeuge sowie auf die Vorstellung des neuen Mirai.

Auf allen anderen großen Messeständen ging es um andere Themen, allen voran um Konnektivität und Digitalisierung. Ganz weit vorne waren auch wieder sportliche Geländewagen (SUV) sowie große teure Limousinen. Das Wort „Elektromobilität“ tauchte meist nur dann auf, wenn es um den Kraftstoffverbrauch ging, schließlich lassen sich dank der Hybridtechnik die CO2-Emissionen selbst größter Limousinen zumindest rein rechnerisch merklich senken.

Damit sind wir dann auch schon bei des Pudels Kern: Für den VDA ist per Definition all das Elektromobilität, was in irgendeiner Form einen Elektromotor an Bord hat, sei es ein Mercedes GLC 350 e 4MATIC oder ein BMW 740e. Unwesentlich ist dabei, wie häufig beim Plug-in-Hybrid später im Alltagsbetrieb tatsächlich das Ladekabel angestöpselt wird. Viel wichtiger erscheint, dass der Kraftstoffverbrauch mit derzeit völlig legalen Mitteln drastisch runtergerechnet werden kann, so dass dann die CO2-Grenzwerte der Neuwagenflotten vergleichsweise einfach eingehalten werden können.

Da überrascht dann auch nicht mehr die Meldung, dass Daimler kürzlich die Produktion seiner Smart-Electric-Drive-Modelle eingestellt hat. Wie die ARD berichtete, kommt es seit einigen Monaten zu Lieferproblemen beim e-Smart, weil derzeit auf den Fertigungsbändern des Stuttgarter Automobilherstellers Verbrenner für Übersee anstelle von Elektroautos für Deutschland produziert werden. Neue e-Modelle würden erst in der zweiten Jahreshälfte 2016 vorgestellt, hieß es von einem Firmensprecher. Käuflich zu erwerben ist somit momentan nur noch die elektrifizierte B-Klasse bei Daimler, obwohl Smart-Chefin Annette Winkler noch in diesem Frühjahr über den Elektro-Smart gesagt hatte: „Er wird gemocht und gekauft.“

Wenn aber die vorgegebenen CO2-Grenzwerte mit schöngerechneten Hybrid-Limousinen, die zudem mehr Gewinne erwirtschaften, erreicht werden können, kann natürlich der Kleinwagenverkauf – trotz Nachfrage, aber zur Freude der Aktionäre – gedrosselt werden.
Ähnlich wie der Smart Electric Drive werden auch Brennstoffzellenautos momentan eher stiefmütterlich innerhalb der Automobilindustrie behandelt. So sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche in einem Interview im August 2015: „Der Vorteil der Brennstoffzelle ist heute geringer einzuschätzen als noch vor fünf Jahren.“ Parallel zu dieser Äußerung entschieden die Schwaben, dass sie in diesem Jahr nicht wieder als Hauptsponsor für die direkt an ihrem Heimatort Stuttgart stattfindende World of Energy Solutions fungieren werden.

Derlei Meldungen vermitteln nicht den Eindruck, als wenn hier eine Technologie gepusht würde. Es gibt derzeit aber noch zahlreiche weitere Anlässe, über die Prioritätensetzung in Politik und Wirtschaft und auch über die sinnvolle Verwendung von Fördergeldern nachzudenken:

Die ARD deckte beispielsweise in der Dokumentation „Das Märchen von der Elektromobilität“ auf, dass teilweise bewusst in Kauf genommen wird, dass Statistiken fehlinterpretiert werden. So war von den 8.463 im Jahr 2014 zugelassenen Elektrofahrzeugen knapp die Hälfte auf die Automobilhersteller selber zugelassen. Nur 4.814 E-Autos seien an „echte“ Kunden verkauft worden, weshalb in dem Bericht von „geschönten“ Verkaufszahlen die Rede ist.

Auch die Anzahl der Ladestationen in Deutschland wirft Fragen auf: Fast überall in Europa wird korrekt gezählt, wie viele Ladestationen im Land installiert sind, nur in der Bundesrepublik werden „Ladepunkte“ gezählt. Da die meisten Ladesäulen über zwei Anschlüsse verfügen, verdoppelte sich somit rein rechnerisch die Gesamtzahl. Tatsächlich verfügen wir hierzulande aber nur über 2.500 Stationen.

Bereits Anfang des Jahres hatte auch das ZDF von Fehlentwicklungen im Bereich der Elektromobilität berichtet: Das Verbrauchermagazin WISO legte offen, dass der Ladestrom für Elektroautos teils deutlich teurer war als Haushaltsstrom. Bei einem Test kam heraus, dass bei RWE, EnBW und E.On je nach Nutzung teilweise drei- bis viermal mehr gezahlt werden muss, weshalb in der Sendung von „Wucher“ die Rede war.

Im Endeffekt hat die IAA 2015 somit bestätigt, was sich bereits im Vorfeld abzeichnete: Die hiesige Förderpolitik hat teils zu fragwürdigen Entwicklungen geführt. Trotz vieler Millionen Euro an Steuergeldern, die sowohl in Batterie- als auch Brennstoffzellentechnologie investiert wurden, fehlt es bis heute an geeigneten Rahmenbedingungen (Anreize oder Grenzwerte), die eine zeitnahe Vermarktung entsprechender Produkte forcieren. Statt zielgerichtet aus dem F&E-Bereich in Richtung Markt zu marschieren, missbrauchen Industrie und auch Lobbyisten wiederholt das Vertrauen der Verbraucher, indem bewusst auf Zeit gespielt und irreführende Zahlen publiziert werden.

Hier ist von allen Playern deutlich mehr Verantwortungsbewusstsein gefragt, damit erstens Deutschland nicht komplett den Anschluss an den E-Mobilitätsmarkt verliert und damit zweitens die bereits ausgezahlten Fördergelder schließlich doch noch als sinnvolle Investition verbucht werden können.

3 Gedanken zu “Aus elektromobiler Sicht ist die IAA ein großer Flop

  1. Die fortschreitende elektrifizierung der Automobile wird erhebliche Probleme im Bereich der Aufladung mit sich bringen. Auf den Autobahnen wird es zu Stillständen und Kurzschlüssen kommen. Strom kann nicht die Alternative sein. Benzin war das beste aller Möglichkeiten und wird noch über Jahrhunderte die Fahrzeuge antreiben.

  2. Jedwelche Subvention(en) an Automobil-Firmen,
    die über mehrere MILLIARDEN Euro pro Jahr
    an eigenen, „freien“ Forschungs- und Entwicklungsgeldern verfügen,
    verbietet sich von selbst.
    Das Ergebnis haben Sie sehr gut analysiert, Herr Geitmamnn, ich danke Ihnen.
    SO geht es jedenfalls nicht weiter.
    Mehr dazu auf der Insel Sylt, bei der ersten Klimaschutzkonferenz,
    Informationen und kostenfreie Anmeldung hier: https://www.xing.com/events/1-klimaschutzkongress-insel-sylt-eintritt-frei-1592117

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