Probefahrt mit einem Wasserstoff-Postauto

Christian Dorer am Steuer des BZ-Postautos, Foto: Annika Bütschi, Die Nordwestschweiz
Christian Dorer am Steuer des BZ-Postautos, Foto: Annika Bütschi, Die Nordwestschweiz

Christian Dorer, der Chefredakteur der az Aargauer Zeitung und Besitzer eines Busführerscheins, steuerte den Wasserstoffbus der PostAuto Schweiz AG von Brugg nach Habsburg und zurück. Er zögerte keine Sekunde, als das schweizerische Busunternehmen bei der Zeitungsredaktion wegen einer Testfahrt anfragte.

Ich habe sofort zugesagt, als mich Postauto-Sprecherin Monika Trost fragte, ob ich einen der Brugger Wasserstoffbusse Probe fahren möchte. Und so sitze ich nun am Steuer des futuristischen Fahrzeugs. Neben mir steht der erfahrene Postauto-Chauffeur Franz Escher und erklärt mir die Besonderheiten: „Fahren Sie mit viel Gefühl! Dieses Fahrzeug entwickelt nicht die größte Leistung, wenn man einfach das Pedal durchdrückt“, so sein Tipp.

Ich drehe den Zündschlüssel – die Brennstoffzellen-Reaktion hat eingesetzt, bloß hört man nichts davon. Ich fahre vorsichtig los – und man hört immer noch nichts. Lautlos gleitet das Postauto davon. Man hört einzig die Reifengeräusche und ein leichtes Summen des Motors. Diese Stille beim Fahren ist der größte Unterschied im Vergleich zu Dieselbussen. Immer wieder erschrecken Fahrgäste, wenn der Bus lautlos anrollt, erzählt Escher.

Vom Depot fahre ich zum Bahnhof Brugg, dann nach Windisch und beim großen Kreisel rechts Richtung Habsburg. Hinten treten keine Abgase aus, kein CO2, sondern bloß Wasserdampf. Seit Dezember 2011 testet Postauto in Brugg fünf Brennstoffzellenpostautos, wie sie offiziell heißen – „als Investition in die Zukunft, um unabhängig zu sein von fossilen Treibstoffen“, sagt Projektleiterin Nikoletta Seraidou. Postauto wurde von der EU ausgewählt, bei einem Testbetrieb mitzumachen, zusammen mit Städten wie London, Mailand und Oslo. Postauto wiederum hat Brugg als Standort wegen der anspruchsvollen Linien ausgewählt.

Selbst auf der steilen Straße nach Habsburg komme ich flott voran. Chauffeur Escher hatte recht: Es nützt nichts, das Pedal durchzudrücken – vielmehr muss ich spüren, in welcher Stellung des Gaspedals der Motor am meisten Kraft entwickelt. Etwas heikel wird es nur, als ein reguläres Postauto entgegenkommt. Die Straße ist eng für zwei Postautos, aber es reicht gerade. Nach Habsburg geht es fast ebenso steil bergab. Wenn ich bremse, wird Strom produziert und in die Batterie gespeist. Auch das ist eine Besonderheit dieses Busses.

Der Testbetrieb dauert bis Ende 2016. Dann entscheidet Postauto über die Beschaffung einer größeren Serie. Eine Bedingung: Die Busse müssen deutlich günstiger werden. Im Moment kostet einer 2,2 Mio. Franken – sechsmal so viel wie ein herkömmlicher Dieselbus. Projektleiterin Seraidou ist überzeugt, dass sich die neue Technologie durchsetzen wird: „Erstens müssen wir langfristig vom Erdöl wegkommen, zweitens ist Wasserstoff ein idealer Energiespeicher.“ Der Probebetrieb verlaufe ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Die Kinderkrankheiten seien ausgemerzt.

Was sagt die Expertin zu Kritik? Braucht es nicht viel zu viel Strom, um den Wasserstoff herzustellen? „Es braucht viel Strom, aber die Herstellung von Diesel braucht noch viel mehr.“ Ist Wasserstoff nicht zu gefährlich? „Sicher nicht gefährlicher als ein Verbrennungsmotor.“ Die Tanks sind auf dem Dach unter rund 50 Zentimeter hohen Aufbauten angeordnet. Dort befinden sich Wasserstofftank und Hochvoltbatterie. Wasserstoff steigt immer nach oben, deswegen würde er auch bei einem Unfall nach oben ausströmen und nicht ins Businnere.

Viel zu schnell sind wir wieder zurück im Depot. Wer fährt, muss auch tanken – und das ist mit diesem Bus ebenfalls etwas speziell. Vor dem Depot steht die landesweit einzige Wasserstofftankstelle für Busse. Das Fahrzeug wird geerdet, ein dünner Wasserstoffschlauch angehängt – dann füllt sich der Tank automatisch, was bis zu zehn Minuten dauern kann. Mit einer Tankfüllung kommt der Bus etwa 400 Kilometer weit.
Dies war die ruhigste Busfahrt, die ich je gemacht habe. Vor allem aber ist es faszinierend zu wissen, dass man fährt, ohne Abgase zu produzieren.

Autor: Christian Dorer, Chefredakteur az Aargauer Zeitung, www.aargauerzeitung.ch

Citaro FuelCELL-Hybrid-Bus als PostAuto
Die PostAuto Schweiz AG, eines der größten öffentlichen Verkehrsunternehmen des Alpenstaates, ist seit Ende 2011 Besitzer von fünf Exemplaren der insgesamt 26 Citaro FuelCELL-Hybrid-Busse von Mercedes-Benz. Die Brennstoffzellenhybridbusse besitzen zwei der Stacks, die auch in der F-CELL B-Klasse installiert sind. Ergänzt werden diese durch Lithium-Ionen-Akkus. Die Reichweite des in sieben Tanks auf dem Busdach gespeicherten Wasserstoffs (35 kg) beträgt 250 Kilometer. Die Busse werden derzeit im Rahmen des CHIC-Projekts (Clean Hydrogen in European Cities = Sauberer Wasserstoff für europäische Städte) in fünf Großstädten Europas getestet und sind von der EU gefördert. Das Vorhaben stellt damit quasi die Weiterführung des CUTE- sowie des HyFLEET:CUTE-Projekts dar, die von 2003 bis 2009 europaweit liefen. (sg)

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