Glaubwürdigkeitsproblem

Es ist wirklich vertrackt mit dem Vertrauen. Ist es einmal missbraucht worden, dann kann es passieren, dass es für immer verloren ist oder nur unter sehr großen Anstrengungen wiedererlangt werden kann. Ähnlich ist es mit dem Glauben. Man glaubt an das, was man für richtig hält. Wenn man jedoch immer wieder nachgewiesen bekommt, dass diese angeblichen Wahrheiten, an denen man vielleicht schon lange Zeit festgehalten hat, falsch waren, dann weiß man schlussendlich nicht mehr, woran man glauben soll.

Dieses Phänomen lässt sich derzeit gleich mehrfach beobachten. Es ist ja nicht so, dass die Gläubigen nur der Kirche den Rücken kehren. Neben der Religion, die bisher traditionsgemäß für Glaubensfragen zuständig war, hat die aktuelle Glaubenskrise innerhalb von wenigen Monaten auch etliche andere Bereiche infiziert. Ganze Nationen finden inzwischen immer weniger Gläubiger, weil das Vertrauen in die Finanzkraft dieser Länder zunehmend schwindet. Der Vertrauensverlust in die Wirtschaft drängt auf diese Weise immer mehr langjährige Aktienanhänger zu den vermeintlich sichereren Goldanlagen.

Den Politikern vertraut ohnehin schon seit Jahren kaum noch jemand. Kein Wunder. Erst heißt es, man werde sich an Taten messen lassen. Dann läuft es nicht so wie von den Verantwortlichen geplant, dies wird auch öffentlich festgestellt, aber passieren tut nichts. Erst ein Ehrenwort hier, dann der Nachweis des Gegenteils dort. Erst heißt es, ohne Kernkraftwerke ginge in Deutschland das Licht aus. Dann wird quasi über Nacht ein halbes Dutzend Atomkraftwerke heruntergefahren, ohne dass eine Lampe flackert.

Erst heißt es, mit Batteriefahrzeugen sei rein physikalisch keine größere Reichweite als 150 Kilometer realisierbar. Dann kommt ein Jungspund, lässt hunderte von Experten dumm dastehen, und plötzlich sagen alle, aber selbstverständlich könne man mit einer 100-kW-Batterie 600 km weit fahren.

Das Glaubwürdigkeitsproblem hat somit inzwischen auch die Bereiche Wissenschaft und Forschung erreicht. Dies sind die Bereiche, von denen man bisher dachte, hier zählen nur knallharte Fakten. Plötzlich müssen nun aber auch die Naturwissenschaften infrage gestellt werden. Damit bleibt dann bald gar kein Gebiet mehr übrig, wo man noch an irgendetwas glauben könnte. Dann muss man auch bald daran zweifeln, was bei zwei plus zwei tatsächlich herauskommt.

Ich selbst habe als Ingenieur bisher immer zumindest ein Stück weit an die Aussagen der Automobilhersteller geglaubt, dass die Brennstoffzellentechnik für den Einsatz im Pkw tatsächlich noch nicht ganz reif ist, dass noch zu viel Platin erforderlich ist, dass deswegen die Stacks zu teuer sind, dass die Lebensdauerfrage noch nicht hinreichend geklärt ist. Jetzt frage ich mich aber gerade, ob diese Begründungen tatsächlich glaubhaft sind. Ganz wesentlich erscheint mir hier zudem die Frage, ob dies alles wirklich so gravierende Probleme sind, dass sie einen motivierten Menschen aufhalten können, wenn derjenige ein bestimmtes Ziel vor Augen hat.

Bisher habe ich auch den Energieversorgern immer zumindest ein Stück weit geglaubt, dass der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur ohne die entsprechende Anzahl an Fahrzeugen keinen Sinn machen würde. Jetzt überlege ich, warum dieses so genannte Henne-Ei-Problem auch nach über zehn Jahren immer noch nicht gelöst werden konnte. Kann allein diese Frage denjenigen, der sich etwas wirklich sehnlichst wünscht, tatsächlich an der Umsetzung seiner Idee hindern?

Meine Antwort darauf lautet: Nein! Wenn man etwas wirklich will, dann tut man alles dafür, um es zu erreichen. Eine Idee oder eine Vision kann aus kleinen Menschen wahre Helden machen. Übertragen auf die Brennstoffzellenbranche lässt sich dies an vielen kleinen Unternehmen feststellen, die – ähnlich wie damals die Solarpioniere – tagtäglich hohe Risiken eingehen, damit ihre Erfindungen, Entwicklungen, das, woran sie glauben, Realität werden. Auch bei vielen Mitarbeitern der unterschiedlichsten Institutionen aus dem H2- und BZ-Sektor ist offensichtlich, wie viel Herzblut von ihnen in dem festen Glauben an eine saubere, nachhaltige Zukunft mit eingebracht wird.

Aber warum sind wir dann immer noch fünf Jahre von der Markteinführung der Brennstoffzelle im Kfz- und Hausenergiebereich entfernt? Haben wir denn nicht eine ganz tolle Agentur gegründet, was zwar zugegebenermaßen ziemlich lange gedauert hat, was aber unabdingbar war, damit die bürokratische Hürde bei der Antragstellung nicht zu klein wird und die nachgeschaltete Bewilligungsbehörde sich nicht übergangen fühlt? Haben wir denn nicht schon ganz viele Steuergelder an die Großunternehmen ausgeschüttet, damit diese ihre eigenen Entwicklungskosten bezahlen können und somit ihre Milliardengewinne nicht schmälern müssen, damit sie auch ja nicht ins Ausland abwandern? Haben wir denn nicht schon ganz viel für die Grundlagenforschung getan, was auch gut und richtig war und auf jeden Fall noch lange so weitergeführt werden sollte? Haben wir denn nicht immer wieder mit Politikern gesprochen, die vielleicht zwar als erstes an die nächste Wahl denken, aber dann doch bestimmt gleich an zweiter Stelle an Brennstoffzellen glauben? Haben wir denn nicht schon ganz viele Bürger über die Vorteile der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnik informiert, ohne dass wir etwas dafür können, dass die nicht zuhören, immer gleich wieder alles vergessen und zudem behaupten, das Gleiche hätten wir vor fünf Jahren auch schon erzählt?

Tja, nach menschlichem Ermessen kann man wohl wirklich nicht noch mehr tun.

Machen wir dann also einfach weiter wie bisher? Vielleicht. Vielleicht sollten wir einfach weiterhin darauf vertrauen, dass letztlich alles gut wird. Wenn wir nur fest genug daran glauben, dann sind die Ankündigungen dieses Mal bestimmt alle korrekt. Sicherlich. Hoffentlich. Aber was ist, wenn nicht?

Herzlichst, Sven Geitmann

PS: Nur als kleiner Nachsatz: Könnte sein, dass sich das H2Mobility-Vorhaben mit den 1.000 Wasserstofftankstellen ab 2015 um ein oder zwei Jahre verzögert. Ist aber keine böse Absicht.

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5 Antworten auf Glaubwürdigkeitsproblem

  1. A. Birnbaum sagt:

    Wir sind uns doch einig in der Frage, wer in Deutschland (und eigentlich in allen entwickelten Industriestaaten) der Koch und die Kellner sind.
    Die Köche sind die großen DAX-Konzerne und Banken und ihre Kellner die jeweils ausführenden Parteien bzw. die durch sie gestellten Regierungen.
    In Sachen Mobilität hängen an an den jetzigen “mechanischen” Mobilitätsprodukten (Auto, LKW etc.) ja nicht nur die eigentlichen Produzenten also 3 der größten DAX-Konzerne, sondern auch eine große meist mittelständische Zulieferindustrie.
    Dieses riesige Konglomerat hat als Produktionsbasis Fertigungsmittel in Höhe von mehreren 100 Milliarden Euro stehen.
    Kein Manager will also, obwohl er anders reden, in Wirklichkeit vom Verbrennungsmotor weg.
    Und der Grund steht im gerade erschienenen Abschlussbericht des BMI zur Rolle der Systemarchitektur künftiger Elektroautos:
    „Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Markt für Autos mit Verbrennungsmotor einbrechen wird, sobald Elektrofahrzeuge mit genügender Reichweite, Zuverlässigkeit und Funktionalität in hinreichender Modellvielfalt zur Verfügung stehen.
    Die Veränderungen wären ähnlich gravierend wie bei der Ablösung mechanischer durch elektronische Kameras.”
    Also werden sich alle „Kellner“ in Deutschland Mühe geben, die Wünsche ihrer Köche zu erfüllen und seien sie noch so kurzsichtig und auf lange Frist zerstörerisch.

    Gruss A.Birnbaum
    P.S.Kann sich noch jemand an die deutschen Weltmarktführer mechanischer Kameras erinnern ??

  2. Guten Tag!
    Die Geschichte mit den 1000 Tankstellen bis Zweitausend und x (x wurde jedes Jahr um den Zähler 1 erhöht) kenne ich auch aus dem Erdgas-Fahrer-Bereich. Derartige Ankündigungen sind vor allem eines: Ein Ärgernis. Und sie sind Wasser auf die Mühlen der Wettbewerber, die solche Ankündigungen eher unter der Rubrik “Lachnummer” einsortieren.
    Was mir bei den BZ-Technologien nicht so recht einleuchten will: Warum will man denn unbedingt Wasserstoff tanken und auch in den Autos durch Gottes schöne Botanik karren, wenn es auch mit Erdgas geht? Die Probleme, die man sich mit der Speicherung von H2 einhandelt, wären gelöst, wenn man es denn auf sich nähme, auf die Unschuld der CO2-freien Mobilität zu verzichten.
    Erdgas-Fahrzeuge sind bereits lieferbar, sie sind recht zuverlässig, sie sind im Alltagsbetrieb einsetzbar ohne nennenswerte Einschränkungen. Ein paar unterversorgte Gebiete gibt es in D noch, monovalenter Betrieb ist dennoch fast überall möglich, weil die Infrastruktur dafür bereits vorhanden ist mit knapp 900 aktuell vorhandenen Tankstellen. H2 wird ja nicht nur durch Elektrolyse aus Wasser gewonnen…
    Gruß
    H.Hillebrandt

  3. Vielen Dank, Herr Geitmann, fuer Ihren Kommentar hier.

    Möge die Zukunft in der Tat mit uns allen sein. Ich verfolge, genau wie Sie, die Ankündigungsmentalität der “Industrie” ebenfalls seit Jahren. Die ist ja nicht nur in Deutschland “…am Ende des Tages” leicht durchschaubar, das geht global so. Speziell bei der “geplanten” ;-) kommerziellen Einführung von Wasserstoff und Brennstoffzellen und seine/ihre Anwendungen.

    Nach meiner Meinung sind die “Probleme” in dieser, unserer Energiewirtschaft aber noch viel tiefgreifender. Über Jahrzehnte wurde von den Eigentümern und Betreibern unserer Energie-Infrastruktur eine fast perfekte “Verschleierungs-Kampagne” über Zahlen, Daten und Fakten derselben betrieben. Jetzt hat die Bundeskanzlerin auch noch eine Ethik Kommission zum Thema “Sichere Energieversorgung” einberufen, die bis Ende Mai ihre Vorschläge berichten soll. Dies hat mich veranlasst, an die Gründerin und alle Mitglieder/innen dieser Kommison einen Offene Brief zu schreiben, der am Dienstag, 12.04.2011 veröffentlicht wird.
    Bin gespannt auf die Reaktionen darauf, if any….
    Weiterhein frohes Schaffen!
    Es bleibt spannend. Der “point of no return…” ist bei weitem noch nicht erreicht.

  4. Hydrogeit sagt:

    Leider ist es sehr wohl wahr, dass einige Möchtegern-Techniker behauptet hatten, eine größere Reichweite sei nicht möglich.
    Zur Langzeitstabilität verweise ich auf die Meldung Lithium-Polymer-Akku von DBM Energy besteht Tests. Darin heißt es:
    Hannemann erklärte gegenüber HZwei: „Wir haben Zellen, die laufen seit 2005, das entspricht weit über 5.000 Zyklen, ohne dass sie wesentliche Ermüdungs- oder Alterungserscheinungen aufweisen.“

  5. Es ist ja nicht wahr, dass nach den Naturgesetzen mit einer Batterie der erwähnten Art keine größere Reichweite als 150 km möglich ist. Niemand hat das behauptet. Es handelt sich um Reichweiten, die unter ganz bestimmten normierten Bedingungen (NEDC) ermittelt worden sind. Daten unter solchen Bedingungen sind die “Jungspunde” aus Berlin bisher schuldig geblieben. Zur Langzeitstabilität sagen sie auch nichts.

    Den Naturgesetzen kann man nach wie vor vertrauen. Fehlbar sind nur Menschen.

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