Clean Tech World gibt dem Nachwuchs eine Chance

Auch im zweiten Jahr konnte die Clean Tech World (CTW) trotz ihres überarbeiteten Konzepts noch nicht überzeugen. Obwohl das Wetter vom 30. September bis 2. Oktober 2011 perfekt war und zu einem Ausflug zum ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof einlud, erschienen wie schon im vergangenen Jahr nicht so viele Besucher wie erwartet – trotz freien Eintritts. Insbesondere für die Jugend war jedoch ein attraktives und informatives Programm organisiert worden.

Erste Komplikationen traten bereits im Vorfeld auf, weil der Sponsor für eine Plakataktion abgesprungen war. Auch die Anreise zur CTW gestaltete sich schwierig, da die Veranstaltung nicht wie beim eDay 2009 und im vergangenen Jahr über den Haupteingang des Flughafengebäudes zu erreichen war. Diese Location wäre zu teuer gewesen. Stattdessen musste man sich den Weg zum etwas abseits gelegenen Hangar 2 aufgrund der mangelhaften Beschilderung erfragen. Die dortige Ausstellungsfläche war groß, vielleicht zu groß, so dass sich die Besucher – und auch die E-Fahrzeuge – auf den rund 300.000 Quadratmetern verliefen.

Große Namen suchte man während der CTW vergeblich: Harald Wolf, der Berliner Wirtschaftssenator, hatte zwar die Schirmherrschaft übernommen, erschien aus gesundheitlichen Gründen aber nicht vor Ort. Der Bundesverkehrsminister a.D. Wolfgang Tiefensee, der auf der begleitenden und nur mäßig besuchten Konferenz Clean Tech Insights als Gastredner eingeladen war, sagte kurzfristig ab, und auch unter den Ausstellern war lediglich Mitsubishi Motors Deutschland als klassischer Autohersteller vertreten. Die großen Energieversorger blieben in diesem Jahr ganz der Messe fern. Dementsprechend sarkastisch äußerte sich ein Gast auf der CTW-Facebook-Seite: „Mehr Aussteller als Besucher??? Altes Problem in der Branche.“

Ursprünglich gedacht war die Clean Tech World als „einzigartige Plattform für Zukunftstechnologien verschiedenster Branchen“, so Schirmherr Harald Wolf, aber genau hier scheint das Problem zu liegen: Es wurden alle möglichen Umweltthemen angesprochen, aber keines konkret. Elektromobilität, das als Schwerpunktthema dienen könnte, war grad vor vier Monaten im Rahmen der Michelin Challenge Bibendum an gleicher Stelle sehr viel größer und pompöser von vorne bis hinten durchdekliniert worden.
Erfolgreiche Nachwuchsarbeit

Neu war in diesem Jahr der CTW Talent Day, der als „Drehkreuz für den Nachwuchs“ konzipiert war und durchaus als Erfolg bezeichnet werden kann. Zahlreiche Schüler, Studierende und Berufseinsteiger waren erschienen, um sich über Karrierechancen in der Clean-Tech-Branche zu informieren und an Solarfahrzeugen zu basteln. Insbesondere für die so genannten MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften & Technik) wurde Werbung gemacht, da es hier bereits heute 150.000 unbesetzte Stellen gibt.

Für das große Engagement erhielt Notker Schweikhardt, der Creative Director der CTW, gleich am ersten Messetag eine besondere Auszeichnung. Christian Dallwitz, Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank Berlin, zeichnete die Clean Tech World als „Ausgewählten Ort 2011“ im bundesweit ausgetragenen Innovationswettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ aus. Dallwitz betonte: „Die Clean Tech World ist eine einzigartige Plattform für Umwelttechnologien. Sie gibt dem Thema Nachhaltigkeit ein breites öffentliches Forum, vernetzt Experten und fördert die Kooperation von Unternehmen aus der Umweltbranche. Die Clean Tech World integriert Ökonomie und Ökologie – auf bislang einmalige Weise.“

Im Vorfeld hatte Falk Schweikhardt, Geschäftsführer der CTW-Messe erklärt: „Wir bündeln die nationalen Kompetenzen im Bereich eMobility und zeigen schon heute, was morgen möglich ist.“ Wenn allerdings das Gezeigte tatsächlich die gesammelte nationale Kompetenz gewesen sein sollte, könnte Deutschland seine Ambitionen, Leitmarkt für Elektromobilität werden zu wollen, getrost vergessen. Die Gebrüder Schweikhardt wollen trotz alledem auch fürs nächste Jahr an ihrem Konzept festhalten.

Glaubwürdigkeitsproblem

Es ist wirklich vertrackt mit dem Vertrauen. Ist es einmal missbraucht worden, dann kann es passieren, dass es für immer verloren ist oder nur unter sehr großen Anstrengungen wiedererlangt werden kann. Ähnlich ist es mit dem Glauben. Man glaubt an das, was man für richtig hält. Wenn man jedoch immer wieder nachgewiesen bekommt, dass diese angeblichen Wahrheiten, an denen man vielleicht schon lange Zeit festgehalten hat, falsch waren, dann weiß man schlussendlich nicht mehr, woran man glauben soll.

Dieses Phänomen lässt sich derzeit gleich mehrfach beobachten. Es ist ja nicht so, dass die Gläubigen nur der Kirche den Rücken kehren. Neben der Religion, die bisher traditionsgemäß für Glaubensfragen zuständig war, hat die aktuelle Glaubenskrise innerhalb von wenigen Monaten auch etliche andere Bereiche infiziert. Ganze Nationen finden inzwischen immer weniger Gläubiger, weil das Vertrauen in die Finanzkraft dieser Länder zunehmend schwindet. Der Vertrauensverlust in die Wirtschaft drängt auf diese Weise immer mehr langjährige Aktienanhänger zu den vermeintlich sichereren Goldanlagen.

Den Politikern vertraut ohnehin schon seit Jahren kaum noch jemand. Kein Wunder. Erst heißt es, man werde sich an Taten messen lassen. Dann läuft es nicht so wie von den Verantwortlichen geplant, dies wird auch öffentlich festgestellt, aber passieren tut nichts. Erst ein Ehrenwort hier, dann der Nachweis des Gegenteils dort. Erst heißt es, ohne Kernkraftwerke ginge in Deutschland das Licht aus. Dann wird quasi über Nacht ein halbes Dutzend Atomkraftwerke heruntergefahren, ohne dass eine Lampe flackert.

Erst heißt es, mit Batteriefahrzeugen sei rein physikalisch keine größere Reichweite als 150 Kilometer realisierbar. Dann kommt ein Jungspund, lässt hunderte von Experten dumm dastehen, und plötzlich sagen alle, aber selbstverständlich könne man mit einer 100-kW-Batterie 600 km weit fahren.

Das Glaubwürdigkeitsproblem hat somit inzwischen auch die Bereiche Wissenschaft und Forschung erreicht. Dies sind die Bereiche, von denen man bisher dachte, hier zählen nur knallharte Fakten. Plötzlich müssen nun aber auch die Naturwissenschaften infrage gestellt werden. Damit bleibt dann bald gar kein Gebiet mehr übrig, wo man noch an irgendetwas glauben könnte. Dann muss man auch bald daran zweifeln, was bei zwei plus zwei tatsächlich herauskommt.

Ich selbst habe als Ingenieur bisher immer zumindest ein Stück weit an die Aussagen der Automobilhersteller geglaubt, dass die Brennstoffzellentechnik für den Einsatz im Pkw tatsächlich noch nicht ganz reif ist, dass noch zu viel Platin erforderlich ist, dass deswegen die Stacks zu teuer sind, dass die Lebensdauerfrage noch nicht hinreichend geklärt ist. Jetzt frage ich mich aber gerade, ob diese Begründungen tatsächlich glaubhaft sind. Ganz wesentlich erscheint mir hier zudem die Frage, ob dies alles wirklich so gravierende Probleme sind, dass sie einen motivierten Menschen aufhalten können, wenn derjenige ein bestimmtes Ziel vor Augen hat.

Bisher habe ich auch den Energieversorgern immer zumindest ein Stück weit geglaubt, dass der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur ohne die entsprechende Anzahl an Fahrzeugen keinen Sinn machen würde. Jetzt überlege ich, warum dieses so genannte Henne-Ei-Problem auch nach über zehn Jahren immer noch nicht gelöst werden konnte. Kann allein diese Frage denjenigen, der sich etwas wirklich sehnlichst wünscht, tatsächlich an der Umsetzung seiner Idee hindern?

Meine Antwort darauf lautet: Nein! Wenn man etwas wirklich will, dann tut man alles dafür, um es zu erreichen. Eine Idee oder eine Vision kann aus kleinen Menschen wahre Helden machen. Übertragen auf die Brennstoffzellenbranche lässt sich dies an vielen kleinen Unternehmen feststellen, die – ähnlich wie damals die Solarpioniere – tagtäglich hohe Risiken eingehen, damit ihre Erfindungen, Entwicklungen, das, woran sie glauben, Realität werden. Auch bei vielen Mitarbeitern der unterschiedlichsten Institutionen aus dem H2- und BZ-Sektor ist offensichtlich, wie viel Herzblut von ihnen in dem festen Glauben an eine saubere, nachhaltige Zukunft mit eingebracht wird.

Aber warum sind wir dann immer noch fünf Jahre von der Markteinführung der Brennstoffzelle im Kfz- und Hausenergiebereich entfernt? Haben wir denn nicht eine ganz tolle Agentur gegründet, was zwar zugegebenermaßen ziemlich lange gedauert hat, was aber unabdingbar war, damit die bürokratische Hürde bei der Antragstellung nicht zu klein wird und die nachgeschaltete Bewilligungsbehörde sich nicht übergangen fühlt? Haben wir denn nicht schon ganz viele Steuergelder an die Großunternehmen ausgeschüttet, damit diese ihre eigenen Entwicklungskosten bezahlen können und somit ihre Milliardengewinne nicht schmälern müssen, damit sie auch ja nicht ins Ausland abwandern? Haben wir denn nicht schon ganz viel für die Grundlagenforschung getan, was auch gut und richtig war und auf jeden Fall noch lange so weitergeführt werden sollte? Haben wir denn nicht immer wieder mit Politikern gesprochen, die vielleicht zwar als erstes an die nächste Wahl denken, aber dann doch bestimmt gleich an zweiter Stelle an Brennstoffzellen glauben? Haben wir denn nicht schon ganz viele Bürger über die Vorteile der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnik informiert, ohne dass wir etwas dafür können, dass die nicht zuhören, immer gleich wieder alles vergessen und zudem behaupten, das Gleiche hätten wir vor fünf Jahren auch schon erzählt?

Tja, nach menschlichem Ermessen kann man wohl wirklich nicht noch mehr tun.

Machen wir dann also einfach weiter wie bisher? Vielleicht. Vielleicht sollten wir einfach weiterhin darauf vertrauen, dass letztlich alles gut wird. Wenn wir nur fest genug daran glauben, dann sind die Ankündigungen dieses Mal bestimmt alle korrekt. Sicherlich. Hoffentlich. Aber was ist, wenn nicht?

Herzlichst, Sven Geitmann

PS: Nur als kleiner Nachsatz: Könnte sein, dass sich das H2Mobility-Vorhaben mit den 1.000 Wasserstofftankstellen ab 2015 um ein oder zwei Jahre verzögert. Ist aber keine böse Absicht.