IfW: „Einseitige Förderung der E-Mobilität“

Das Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) hat das Corona-Konjunkturpaket der Bundesregierung kritisiert und in Teilen als „schädlich“ bezeichnet. Die Analyse „Subventionsschub durch Corona?“, deren Ergebnisse Mitte August 2020 vorgestellt wurden, brachten hervor, dass eine Benachteiligung anderer Wirtschaftszweige durch „einseitige und massive Förderung der Elektromobilität“ entstehe. Deswegen sollten 4,4 Mrd. Euro des am 3. Juni beschlossenen Konjunkturpakets „ersatzlos gestrichen“ werden, hieß es.

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100 % regenerativ ist möglich

offener Brief von Michael Artmann vom 27. Juni 2011

Als homo oecologicus befürworte ich ohne Abstriche Elektroautos (keine Hybriden, allenfalls sehr kurzfristig, sie sind keine Brücke sondern Spielfeld der Autobauer). Denn E-Autos werden ein wichtiger Teil der Lösung sein. Der Möbilitätslösung und der Energielösung.

Die Erzeugung regenerativen Stroms wird von jetzt ca. 17 % auf irgendwann 100 % weiter voranschreiten, nicht nur in D, auch global. Der Weg ist eingeschlagen und unumkehrbar, er ist ohne Frage notwendig, gesellschaftlicher Konsens und politisch und auch von den Konzernen nicht mehr aufzuhalten. Ein Zeitraum? Mit etwas Glück, werde ich es noch erleben (Jahrgang ’65). Ich arbeite daran.

Jedes E-Auto wird dann emissionsfrei fahren. Das ist mein großes Ziel, nicht nur meine Vision. Ein Verbrennungsmotor wird immer, immer (!) CO2 ausstoßen. Natürlich können die Autohersteller schnell deutlich schärfere Grenzwerte einhalten. Nur leider ist die Politik nicht so weit oder so schnell. Sie möchte nicht, aus vielfältigen, meist niederen egoistischen Gründen. Da möchte ich mich nicht zerreiben.

Ich möchte meine Energie anders einsetzen. Aus meiner Sicht ist es sinnvoller, weil effektiver, die E-Mobilität massiv zu fordern und zu fördern. Denn neben der Lärmarmut (ganz wichtig) und der Emissionsfreiheit (jetzt lokal, später global), der besseren Wirkungsgrade gibt es einige weitere wesentliche Vorteile. Der Materialeinsatz und die mechanische Komplexität eines E-Fahrzeugs ist deutlich geringer. Sie können leichter und günstiger gebaut werden. Weniger Teile gehen weniger kaputt. Das spart heute schon. Die ganze Auto-Gigantomie, die Zentriertheit, die Abhängigkeit von der Autowirtschaft reduziert sich.

Viel wird gerade von E-Mobilen als mobilen und für das Stromnetz nutzbaren Energiespeichern gesprochen. Dieses Thema wird deutlich überbewertet. Das Speichervolumen der E-Fahrzeuge ist nur ein sehr kleines Puzzelteil im zukünftigen Strommanagement. Der gesamte Stromverbrauch im Straßenverkehr würde bei 100 % E-Mobilität weit unter 10 % des gesamten Stromverbrauchs bleiben. Das ist zwar mehr als nur für die „Portokasse“, aber weit weniger als propagiert wird. Es ist auch nicht sinnvoll, Stromspeicher für das Netz herumzufahren. Das sollten stationäre Lösungen übernehmen. Unsere Stromversorgung ist ein weiteres interessantes Thema, was ich hier nicht ausführlich betrachte. Nur ein Schnittpunkt muss genannt werden. Die fluktuierenden erneuerbaren Energien lassen sich mit heutiger Technik schon hervorragend in Form von Gas zwischenspeichern (H2 und CH4). Die Speicherung wird das Rückgrat der emissionsfreien und bedarfsgerechten Stromversorgung – vor allem stationär sein. Im mobilen Bereich werden Brennstoffzellen das Gas nutzen können, um ohne schwere Speicher genug Leistung oder Reichweite zu Verfügung stellen zu können.

Die Energiespeicher im Auto werden nur so groß werden, wie der Bedarf der Nutzung ist. Alles andere ist nicht wirtschaftlich. Von daher ist eine gewisse Ladeinfrastruktur sinnvoll, jedoch nicht weit gestreut im öffentlichen Raum, sondern vor allem zu Hause und am Arbeitsplatz. Parkhäuser sollten auch noch einbezogen werden. Das reicht! Alle öffentlichen Kurzzeitparkplätze lohnen nicht und bergen die Gefahr des Vandalismus. Sie würden nur den öffentlichen Raum belasten. Jetzt schon haben einige Energieversorger Ladesäulen als private Litfasssäulen missbraucht.

Die jüngeren Menschen brauchen immer weniger Auto als Status, sondern suchen nach einfachen Mobilitätslösungen. Ich möchte nicht mehr ein Auto besitzen und mich darum kümmern müssen, ich möchte nur von A nach B, dann Aussteigen – fertig. Ähnlich wie ein Taxi. Keine Werkstatt mehr, kein An- und Ummelden, keine Versicherung, keine Parkplatzsuche und Parkplatzmiete, keine Garage, weniger Blech (ruhend und fließend), kein Ärger über Kratzer, kein Auto waschen und innen säubern, kein Reifenwechsel und keine Lagerflächen für Winterreifen, keine Verantwortung für die Kiste!

Weiter sehe ich, dass Car-Sharing-Modelle mit E-Fahrzeugen viel mehr Reiz bekommen. Denn sie haben das Potenzial, als Dienstleister genau diese Bequemlichkeit für die Nutzer zu bieten, immer mit dem gerade passenden Fahrzeug im Angebot. Allein schon diese gesellschaftliche Entwicklung wird automatisch kleinere Fahrzeuge hervorbringen (Downsizing).

Natürlich wird es immer Egozentriker geben, die einen Carrera, einen Tesla oder die M-Klasse besitzen wollen. Sollen sie. Die Masse wird das nicht mehr wollen, denn die Vorteile der Bequemlichkeit werden sich durchsetzen. Das von Autosorgen befreite Leben ist so reizvoll! Die Dienstleistung um das Auto wird wichtiger – und nebenbei schafft es Arbeitsplätze. Echte Dienstleistung statt Reparaturwerkstätten.

Die Bequemlichkeit bei der Mobilität wird zunehmen durch einfache und universelle elektronische Abrechnungssysteme. In den Niederlanden ist es bei E-Tankstellen schon umgesetzt, eine Karte für alle Versorger, fürs ganze Land.

Car2go ist der nächste – auch schon reale – Schritt. Ich nehme ein freies Fahrzeug, fahre einfach los und stelle es genauso einfach ab. Das wollen die Menschen.

Noch Zukunftsmusik ist das Fahrerlose Fahren. Ich denke, in wenigen Jahren ist es technisch serientauglich und in 5 bis 10 Jahren auch zugelassen. Dann kommt die Fahrkabine auf Bestellung vor die Haustür.

Spätestens dann wird sich der öffentliche und private Verkehr deutlich wandeln. Im Nahbereich wird es solche Fahrkabinen geben (privatwirtschaftlich oder kommunal organisiert). Im mittleren Entfernungsbereich Kabinenkolonnen (evtl. auf Autobahnen) und im Fernbereich zusätzlich die Bahn, wo u. a. die Fahrkabinen in geschl. Waggons einfahren (wie Autoreisezug) und gemeinsames Reisen und Speisen möglich ist. Dazu werden die Fahrkabinen so schmal sein müssen, wie ein 6er-Abteil heute, ein geschützter Gang bleibt offen.

Das Leben in der Stadt wird sich dann radikal wandeln und wieder attraktiv sein. Fußgängerzonen überall, keine Ampeln, nur eine Fahrspur, mehr Platz zum flanieren, mehr Radfahrer, kein Stau mehr.

Zum Abschluss noch ein Traum: Ich hoffe, dass der schnelle motorisierte Verkehr langfristig innerorts ausschließlich unter die Erde verlegt wird.

Leider geht das alles nicht so schnell, wie ich es gern hätte, aber den Wechsel zum fahrerlosen Fahren werde ich sehr wohl noch erleben und genießen. Schon vor meiner Rente.

In diesem Sinne freue ich mich auf die Zukunft.

Viele Grüße
Michael Artmann