Helgoländer Visionen

Grüner Wasserstoff aus Offshore-Wind-Elektrolyse

Forschungsplattform
Forschungsplattform, © AquaVentus Förderverein

Helgoland könnte künftig zum neuen Dreh- und Angelpunkt für Offshore-Wasserstoff aus der Nordsee werden. Die Hochseeinsel liegt strategisch günstig zentral in der deutschen Bucht, hat eine gute Hafeninfrastruktur und besitzt damit die geeigneten Voraussetzungen für einen geplanten H2-Hub samt LOHC-Lieferkette. Im Rahmen der Projektfamilie AquaVentus soll die gesamte H2-Wertschöpfungskette inklusive des Transports zum Festland abgedeckt werden.

Grüner Offshore-Wind-Wasserstoff kommt, wenn es nach den Plänen der 65 internationalen AquaVentus-Mitglieder geht, künftig nicht an Helgoland vorbei. Zu den dortigen Akteuren zählen unter anderem Konzerne wie RWE, Shell, Gasunie und Equinor, aber auch das Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM). Insbesondere die fossile Energiewirtschaft glaubt mit diesem Projekt ihre Zukunft nachhaltig absichern zu können.

Der Name AquaVentus ist an den ersten deutschen Offshore-Windpark AlphaVentus, der 2010 vor der ostfriesischen Insel Borkum ans Netz ging, angelehnt. Der Förderverein AquaVentus wurde zehn Jahre später, Mitte 2020, gegründet und wächst seitdem stetig. Auch die Gemeinde Helgoland ist dort Mitglied. „Der anhaltende Zuwachs international anerkannter Organisationen aus den für uns relevanten Bereichen zeigt, dass AquaVentus mit seiner Vision mittlerweile stellvertretend für die Idee steht, grünen Wasserstoff durch Offshore-Wind-Elektrolyse herzustellen“, frohlockt Jörg Singer, Vorstandsvorsitzender des AquaVentus Fördervereins. Hauptberuflich ist Singer Bürgermeister von Helgoland. Der studierte Wirtschaftsingenieur hat unter anderem in Projekten in China und den USA gearbeitet, bevor es ihn zurück auf die Insel zog. Die Größenordnung der AquaVentus-Vision dürfte aber auch für ihn Neuland sein.

HOW

Um zu verstehen, was dieses Vorhaben ausmacht, hilft auf alle Fälle das kleine Latinum: AquaPrimus, AquaPortus, AquaDuctus sowie AquaSector beschreiben die vier Teilprojekte, die in der Nordsee geplant sind. Zudem umfasst das Projekt H2-basierte Antriebe für verschiedene Schiffstypen, lateinisch AquaNavis, sowie eine Forschungsplattform, kurz AquaCampus genannt.

Den Anfang macht, wie der Name schon vermuten lässt, AquaPrimus. Im ersten Pilotprojekt sind zunächst zwei Offshore-Wind-H2-Turbinen im Küstenmeer vor dem felsigen Eiland geplant. Dabei wird der Elektrolyseur am Fuße des Windrades installiert. Die beiden Pilotanlagen mit 14 MW Leistung werden später via Pipeline (AquaDuctus) ans Offshore-Testfeld AquaCampus südlich von Helgoland angebunden. Der einjährige Probebetrieb könnte ab 2025 starten und dient zur Vorbereitung der Serienreife. Im späteren Regelbetrieb versorgen die beiden 14-MW-Anlagen dann Helgoland mit Wasserstoff. Langfristig werden sich noch entscheiden, ob der grüne Wasserstoff aus dem geplanten Park von AquaSector mit 300-MW-Elektrolyseleistung in genau dieser Weise dezentral erzeugt werde oder über eine zentrale Lösung durch eine Elektrolyseplattform im Park, erklärt Sprecherin Benita Stalmann. Beide Versionen seien derzeit denkbar.

Aufbau eines 300-MW-Elektrolyseurs

Zu den Teilprojekten AquaDuctus und AquaSector wurden bislang zwei Machbarkeitsstudien beauftragt. Bei letzterer wollen RWE, Shell, Gasunie und Equinor das Potenzial für den ersten großen Offshore-H2-Park untersuchen lassen. Mit AquaSector sollen rund 300 MW Elektrolyseleistung installiert werden. Genug, um bis zu 20.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr auf See zu erzeugen. Dafür braucht es entsprechend viel grünen Strom. Zum Vergleich: Ende 2020 waren laut Übertragungsnetzbetreiber Tennet in der deutschen Nord- und Ostsee insgesamt rund 7,8 GW an Offshore-Windpower installiert.

Windstrom von der hohen See hat eine immer wichtigere Bedeutung für die Energiewende hierzulande. Im ersten Halbjahr 2021 betrug die vom Übertragungsnetzbetreiber von der deutschen Nordsee an Land übertragene Windenergie rund 9,7 TWh. Damit stieg der Anteil des Nordseestroms an der gesamten Windstromerzeugung auf 16,6 Prozent. Das sind immerhin 6,6 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2020. Für die gesamte Energiewende wird allerdings noch deutlich mehr grüner Strom benötigt, als sich das Bundeswirtschaftsministerium von Peter Altmaier lange eingestanden hat. Er hat zwar den im Jahr 2030 erwarteten Bedarf mittlerweile von 590 TWh auf 645 bis 665 TWh erhöht, aber viele Experten und auch der Branchenverband Erneuerbare Energien (BEE) schätzen dies immer noch als viel zu niedrig ein.

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Autor: Niels Hendrik Petersen

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