Europa hat die Weichen für die H2-Wirtschaft gestellt

Gastbeitrag von Jorgo Chatzimarkakis, CEO von Hydrogen Europe

Unterzeichnung
Chatzimarkakis (l.) und Hoyer, © EIB

Im Januar 2020 veröffentlichte der Vorstand von Hydrogen Europe ein visionäres Papier, das den Weg zum Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft mit zweimal 40 GW Elektrolysekapazität in Europa und der Nachbarschaft aufzeigte. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht absehbar, welch bahnbrechenden Charakter dieses Positionspapier haben würde. Denn nur wenige Wochen später brach eine weltweite Pandemie aus, die eine massive Wirkung auf die globale Wirtschaft und Politik entfalten sollte. Insbesondere im Bereich der Energienachfrage konnte ein erheblicher Rückgang verzeichnet werden, es gab massive Einbrüche im Bereich von Kohle, Rohöl und auch Erdgas. Der einzige Bereich, der sich positiv – wenn auch auf niedrigem Niveau – entwickelte, war der Erneuerbare-Energien-Sektor. Damals war kaum abschätzbar, wie sehr sich die Pandemie auf die weitere ökonomische Entwicklung auswirken würde. Die jetzt eingetretene Krise hatte das Potenzial, den anspruchsvollen europäischen Green Deal, die europäische Antwort auf den Klimawandel und die Herausforderung der Pariser Klimaziele aus den Angeln zu heben.

Trotz der Krisensituation wäre es denkbar gewesen, zur alten „Brot- und Butterpolitik“ mit einer Renaissance fossiler Energien zurückzukehren, um Arbeitsplätze zu sichern und um Menschen eine Perspektive zu bieten. Der Vize-Präsident der Europäischen Kommission setzte gleichwohl auf eine andere Strategie: Der Niederländer Frans Timmermans sah in der Pandemie die Möglichkeit, eine grundsätzliche Weichenumstellung vorzunehmen. Hierzu musste eine Technologie her, die emissionsfrei ist und gleichzeitig fossile Energieträger ersetzen kann.

Vom European Green Deal …

HOW

Das Papier zum Hochlauf der Elektrolysekapazität erregte seine Aufmerksamkeit. Innerhalb von nur wenigen Wochen nach dem Ausbruch der Pandemie konnte eine digitale Konferenz in einer den Umständen entsprechenden Größe organisiert werden. Insgesamt 15 maßgebliche Unternehmen der Wasserstoffwirtschaft und aus dem Bereich der erneuerbaren Energien debattierten mit insgesamt drei Kommissaren und kamen zu dem Ergebnis, dass man den Versuch einer europäischen Neuorientierung hin zu erneuerbarem Wasserstoff wagen wolle.

Die Gespräche und Diskussionen mündeten in der EU-Wasserstoffstrategie, die am 8. Juli 2020 präsentiert wurde. Am selben Tag wurde auch die europäische Wasserstoffallianz ins Leben gerufen, die mittlerweile nahezu 1.800 Mitglieder hat und mithin hundertmal so viele wie die Batterie-Allianz. Innerhalb von wenigen Monaten, in neuer Rekordzeit, hatte die Europäische Kommission gemeinsam mit der Wasserstoffwirtschaft damit untermauert, dass sie handeln kann und vor allem auch handeln will, im Sinne eines klimagerechten Umbaus der Gesamtwirtschaft.

Zur selben Zeit wurden auch gewaltige Mittel beschlossen, um den Wiederaufbau nach der Pandemie zu beschleunigen. Das Paket von 750 Milliarden Euro wurde trotz heftiger Diskussion dann doch rasch beschlossen, womit der Umbau auch einen finanziellen Resonanzboden bekam. Nun galt es, die nationalen Strategien entsprechend der europäischen Wasserstoffstrategie anzupassen.

Die Mitgliedstaaten organisierten unter deutscher Ratspräsidentschaft eine Initiative zur Unterstützung der Wasserstoffwirtschaft durch sogenannte IPCEI-Projekte (Important Projects of Common European Interest), also Projekte von besonderem europäischen Interesse. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier lud am 17. Dezember 2020 zu einer entsprechenden Konferenz ein, an der die allermeisten Mitgliedstaaten teilnahmen. Damit waren die Strategie sowie die Instrumente für den Hochlauf definiert.

… zur „Fit-for-55“-Initiative

Was jetzt noch fehlte, waren die konkrete Umsetzung sowie die gesetzgeberische Begleitung eines Prozesses, der in seiner Dimension bereits heute historische Ausmaße hat. Hierfür brachte die Europäische Kommission ein gewaltiges Gesetzgebungspaket auf den Weg, das sie ein Jahr nach Verabschiedung der EU-Wasserstoffstrategie im Juli 2021 präsentierte. Unter dem Namen „Fit for 55“ wurden insgesamt zwölf Legislativvorschläge präsentiert, die den CO2-Ausstoß bis zum Jahre 2030 um 55 Prozent reduzieren sollen (deswegen 55). Auf 3.000 Seiten Gesetzestext gibt es insgesamt 1.000 Referenzen zum Thema Wasserstoff. Das allein zeigt, wie stark die Europäische Kommission auf das Multitalent Wasserstoff baut, wenn es um die klimagerechte Transition in den Bereichen Energie, Mobilität, Industrie und Wärmewirtschaft geht.

… Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des HZwei

Autor: Jorgo Chatzimarkakis – Hydrogen Europe, Brüssel

2 Gedanken zu „Europa hat die Weichen für die H2-Wirtschaft gestellt“

  1. Zitat:
    „Am selben Tag wurde auch die europäische Wasserstoffallianz ins Leben gerufen, die mittlerweile nahezu 1.800 Mitglieder hat und mithin hundertmal so viele wie die Batterie-Allianz.“

    Ja, der Wasserstoff-Bereich hat viele gut vernetzte Lobbyisten aus der Mineralölwirtschaft.
    Es geht um viel Steuergeld – um unser Geld.
    Was mir dabei fehlt, ist der konkrete Weg zum Ausbau der Nutzung der regenerativen Energien als Basis für den oft beschworenen „grünen“ Wasserstoff. Nicht dass sich diese Reden von der klimafreundlichen Entwicklung nur als Floskeln entpuppen – bei heute immer noch ca. 95% fossiler Basis der Wasserstoffproduktion….

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