Kommentar zur leidigen Wasserstoff-Farbenlehre

Vielleicht täuscht mein Eindruck, aber ich habe das Gefühl, dass immer mehr Akteure der Wasserstoff-Community die Diskussion über die verschiedenen Farben des Wasserstoffs leid sind. Schon seit Monaten wird nun überall über grünes, blaues und türkisfarbenes Gas debattiert. Erst hier in Deutschland, jetzt auch in Brüssel.

GAT-WAT

Um die anderen Farben ist es deutlich ruhiger. Kein Wunder, denn bei atomar erzeugtem Wasserstoff ist noch nicht einmal klar, ob er nun pink oder rot ist. Biogener Wasserstoff ist orange, der aus Erdgas reformierte grau. Dem natürlichen Wasserstoff, der einfach so aus dem Erdinneren entweicht, wurde das Adjektiv „weiß“ zugeordnet. Der größte Zankapfel ist aber momentan der blaue Wasserstoff.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, wenn ich sage, die Farbendiskussion nervt: All diese verschiedenen Herstellungspfade sind wichtig und sollen ausgiebig diskutiert werden. Meiner Meinung nach könnte sogar viel mehr über biogenen Wasserstoff gesprochen werden.

Was mich aber nervt, ist die fast schon ideologisch anmutende Debatte über blauen Wasserstoff. Insbesondere von den Vertretern der Erdgasbranche werden aktuell auf zahlreichen Online-Events alle möglichen sogenannten Experten zu diesem Thema befragt. Fachleute aus der Industrie werden ebenso bemüht wie der norwegische Botschafter, um die Vorzüge dieses H2-Herstellungspfades und die angeblich unbedenkliche CCS-Technologie (Carbon-Capture-&-Storge) anzupreisen.

Angesichts der Erfahrungen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten mit großen Interessenverbänden sammeln durften bzw. mussten, wirken all diese sogenannten Informationsveranstaltungen und Studien aber scheinheilig. Mittlerweile wissen wir doch, dass nicht nur die Tabak- und Automobilindustrie sowie die Atomkraft- und Kohlelobby, sondern auch die Öl- und Stromkonzerne versucht haben, sich mit teilweise gefälschten Informationen und teuren PR-Kampagnen ein Saubermann-Image zu verpassen, und lange erfolgreich gegen gesellschaftliche Veränderungen angekämpft haben.

HOC

Vielleicht ist es unfair, wenn jetzt die Gasbranche aufgrund dieser schlechten Erfahrungen in Sippenhaft genommen wird, aber so wirklich aufrichtig und glaubhaft erscheint mir die derzeitige Debatte nicht. Denn eigentlich ist es doch ganz einfach:

Die Bundesregierung sagt ganz klar, dass sie grünen Wasserstoff will – der wird auch gefördert; eventuell auch der orangefarbene. Wenn die Industrie blauen oder türkisfarbenen einsetzen möchte, kann sie dies gerne tun, nur eben ohne staatliche Förderung. Klare Ansage.

Trotzdem starten Gasverbände regelrechte Informationskampagnen, bei denen wochenlang über blauen Wasserstoff philosophiert wird. Sind denn die Gasunternehmen tatsächlich so knapp bei Kasse, dass sie auf das Geld von Otto Normalbürger angewiesen sind? Sollen wirklich die Steuergelder deutscher HandwerkerInnen und RentnerInnen in skandinavischen Erdgaskavernen versenkt werden?

Natürlich ist es richtig, dass es noch Jahre dauern wird, bis wir ausreichende Mengen an grünem Wasserstoff haben werden. Deswegen sollten wir uns beeilen, sagt auch die Wirtschaftsweise Prof. Veronika Grimm.

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