Wasserstoffgipfel beim Handelsblatt

Der Druck zur Realisierung einer Wasserstoffwirtschaft kommt aus der ganzen Welt – auch getrieben durch die Dekarbonisierungspläne verschiedenster Länder und Unternehmen. Dies zeigte ganz deutlich auch der Wasserstoffgipfel, den das Handelsblatt am 26. und 27. Mai 2021 in digitaler Form abgehalten hat. Ein zentrales Thema war auch dort die Farbenlehre. Dazu sagte Dr. Andreas Opfermann, Executive Vice President Linde plc*, sinngemäß: Grün, blau oder grau – egal welche Farbe –, Hauptsache, es geht schnell voran.

Als Beispiel nannte er Südkorea, wo in der Öffentlichkeit viel mehr Offenheit für das Thema Wasserstoff vorherrsche als hier in Deutschland. Der Blick richtete sich auch des Öfteren in den Nahen Osten, wo Länder wie Oman, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien zukünftig wohl grünen Wasserstoff für 1,5 US-Cent pro KWh herstellen werden. Einhellige Meinung war, dass die Elektrolyseure dahin gehören, wo der Strom günstig ist, um damit dann Wasserstoff produzieren und diesen entweder vor Ort nutzen oder per Pipeline beziehungsweise in Form von Ammoniak oder Methan via Schiff exportieren zu können.

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Prof. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, mahnte, man müsse die Chancen und auch die Herausforderungen sehen, die im Wasserstoff steckten, da es jetzt um die Skalierung der Technologien gehe, um zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu gelangen. Anzustreben sei, dass die damit verbundene Wertschöpfung nach Möglichkeit hier in Deutschland wie auch in Europa generiert werde. Aus Demonstrationsprojekten (Reallaboren) müssten Industrieparks erwachsen. Dabei müsse klar sein, dass der Übergang dauere und auch Erdgas noch eine Zeit lang mit einbezogen werden müsse.

Der Gipfel zeigte, dass sich weltweit mittlerweile 75 Staaten darauf verständigt haben, bis 2050 klimaneutral zu sein, 50 führende Industrienationen haben eigene H2-Strategien aufgesetzt. Parallel entstehen derzeit viele Energiepartnerschaften (Joint Ventures) und globale Allianzen, wie jüngst zwischen Shell und Daimler Truck. Erste große Märkte werden bereits von der Industrie adressiert (Chemie, Grundstoffindustrie, Zement, Stahl), gefolgt von der Nfz-Mobilität (zunächst Lkw, dann Schiffe, später Flugverkehr). Diese könnten erst einmal nur mit blauem Wasserstoff in den notwendigen Mengen bedient werden, so der Tenor. Erdgas dürfte ein wichtiger Energieträger bleiben, wird aber die Kohle immer mehr ersetzen.

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Die Regulatorik ist ein weiteres Feld: So wurden von den geplanten Investments in den Komplex Wasserstoff in Deutschland in Höhe von 9 Mrd. Euro bislang gerade mal 3 Mio. Euro abgerufen. Unabhängig davon muss aber auch der Verbraucher Berücksichtigung finden, der über höhere CO2-Kosten belastet wird. An die Politiker gerichtet kam von einigen Vorstandsvorsitzenden von DAX-Unternehmen der Hinweis, dass die ganze Debatte mehr Realismus brauche, da große Mengen an Wasserstoff aus dem Ausland importiert werden müssten, was für die deutsche Wirtschaft enorme Chancen auf den Weltmärkten bedeute. Was allerdings derzeit fehle, sei das Fachpersonal.

Oft genannt wurde der Begriff „Technologieoffenheit“, denn diese werde notwendig sein, um sich nicht selbst bei technischen Lösungen und neuen Sichten zu blockieren. Zudem werde weniger Bürokratie benötigt, um schneller agieren zu können. Dafür müsse die Politik lernfähiger werden, um das Thema Wasserstoff und Klimawandel konstruktiver und schöpferischer angehen zu können. Grüner Wasserstoff ist nicht Champagner, sondern wird zum Tafelwasser in allen notwendigen Mengen und Märkten – und das vielleicht schneller, als man denken mag.

Autor: Sven Jösting

*: Name und Firmierung korrigiert am 2.7.2021

1 Gedanke zu „Wasserstoffgipfel beim Handelsblatt“

  1. „… wo Länder wie Oman, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien zukünftig wohl grünen Wasserstoff für 1,5 US-Cent pro KWh herstellen werden.“
    Also das ist doch wohl eine etwas forsche Fehlinterpretation der Tatsache, das das niedrigeste Auktionsgebot für Solarstrom bei einer Auktion ca. 1,5US-Cent/kWh betrug.
    Das sind die 1,5US-Cent/kWh also die minimalen Stromkosten – nicht aber die Herstellungskosten für grünen Wasserstoff.
    Denn irgendwer muss doch wohl die Wasseraufbereitung und die Elektrolyseure ebenso wie Lagerung und den Transport des Wasserstoffes bezahlen – oder liege ich hier falsch?

    Wenn sich mittlerweile 75 Staaten darauf verständigt haben, bis 2050 klimaneutral zu sein, werden diese Staaten genau schauen, wo sie mit ihren verfügbaren EE die schnellste /effizienteste Dekarbonisierung erreichen können. Wasserstoff kann da ein Baustein sein und es gilt ja auch, den heute schon benötigten (fossilen, grauen) Wasserstoff umzustellen.

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