Transformation der Gasnetze muss angegangen werden

Portrait Prof. Linke © DVGW, Tatiana Back Kurda
© DVGW Tatiana Back Kurda

Interview mit Prof. Gerald Linke, DVGW-Vorstandsvorsitzender

Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) widmet sich seit einiger Zeit immer mehr dem Thema Wasserstoff. Anfang 2018 begannen erste Verhandlungen mit dem Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verband (DWV) mit dem Ziel einer Vertiefung der Zusammenarbeit beider Organisationen. Ende 2020 votierten die DWV-Mitglieder mehrheitlich für die vom Vorstand ausgearbeitete Kooperation. Was verbindet beide Verbände und wie könnte sich der Gasmarkt zukünftig gestalten? Darüber sprach HZwei mit Prof. Gerald Linke, dem DVGW-Vorstandsvorsitzenden.

HZwei: Sehr geehrter Prof. Linke, der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches stand jahrzehntelang für Erdgas. Bitte erläutern Sie einmal mit Ihren Worten, warum er jetzt auch für Wasserstoff steht.

Linke: Das eine schließt das andere nicht aus. Erdgas ist für die Energiewende nach dem Abschied von Atomstrom und Kohle derzeit unverzichtbar. Wir benötigen Erdgas als Partner der erneuerbaren Energien. Es stabilisiert unsere Energieversorgung zum Beispiel immer dann, wenn Wind- oder Sonnenenergie nicht zur Verfügung stehen. Von der vorhandenen Gasinfrastruktur einmal ganz zu schweigen. Diese benötigen wir für Speicherung und Transport klimaneutraler Gase in jedem Fall. Wenn wir also die Energieversorgung der Zukunft verlässlich gestalten wollen – und die wissenschaftliche Expertise des DVGW mit seiner hohen Forschungskompetenz ist bei diesem Prozess unverzichtbar – führt kein Weg an Molekülen vorbei. Wasserstoff gehört ganz selbstverständlich dazu. Denn in der nächsten Phase auf dem Weg zur Klimaneutralität wird der Energieträger Gas insgesamt immer weniger CO2-intensiv sein. Der Content Switch führt dazu, dass mehr und mehr klimaneutrale Gase wie Biomethan, Wasserstoff und synthetisches Methan unsere Energieversorgung sicherstellen werden.

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HZwei: Seit wann beschäftigt sich denn der DVGW mit Wasserstoff?

Wir haben schon früh damit begonnen, zu Wasserstoff zu forschen. Unsere erste Studie 2005 mit dem Titel „Wasserstoff im Erdgassystem“ war eine Standortbestimmung, also ein Überblick mit H2-Erzeugungspfaden, mit Kosten, einem Technologiescreening, Skalierungspotenzialen und vielem mehr. Kurzum: Eine Gesamtbewertung H2 im Erdgassystem, in der bereits Beimischung als strategische Option genannt wird. Ab 2010 haben wir dann die strategische H2-Forschung im Rahmen eines Sonderforschungsprogramms „Innovationsoffensive Gas“ intensiviert. Seit 2013 beschreiben wir beispielsweise mit Portal Green eine Power-to-Gas-Landkarte und erstellen Genehmigungsleitfäden. Sie sehen also, dass der DVGW sich bereits mit der Entwicklung dieses wegweisenden Energieträgers und seinen enormen Potenzialen intensiv wissenschaftlich befasst hat, als darüber in Deutschland außer Experten kaum noch jemand gesprochen hat. Heute ist das Thema in aller Munde und wird politisch breit diskutiert. Der DVGW hat beim Thema Wasserstoff Pionierarbeit in Deutschland geleistet.

Ich kann mich erinnern, dass es in den Nullerjahren nur ganz vereinzelte Stimmen in Ihrem Verband gab, die sich pro Wasserstoff ausgesprochen haben. Wann kam bei Ihnen persönlich beziehungsweise im Vorstand die Wende?

Die Nullerjahre lassen sich nicht mit der heutigen Situation vergleichen. Dazwischen liegen grundsätzliche politische Entscheidungen zur Energieversorgung in unserem Lande und auf europäischer Ebene. Wir wären denkbar schlecht aufgestellt, würden wir in einem Status verharren und grundsätzliche Entwicklungen nicht in unsere Entscheidungen miteinbeziehen. Im Übrigen haben wir uns beim DVGW viel früher als andere dem Thema Wasserstoff zugewendet und dazu geforscht, unser Regelwerk angepasst und geschult. Allerdings in einer Zeit, in der das Thema noch nicht en vogue war und jeden Tag Zeitungsseiten und Social-Media-Kanäle gefüllt hat.

Wie will es der DVGW schaffen, dass ihm insbesondere die Gegner fossiler Energieträger diesen Wechsel abnehmen, schließlich repräsentierte der Verband für viele bislang eine fossile Energiewelt?

Auch jenen, die fossilen Energieträgern grundsätzlich kritisch gegenüberstehen, ist zunehmend bewusst, dass eine Energiewende in einem Industriestandort wie Deutschland nicht ausschließlich mit erneuerbarem Strom funktionieren kann – insbesondere, wenn das zukünftige Energiesystem sicher und bezahlbar bleiben soll. Dafür steht der DVGW. Wasserstoff ist ein zentrales Thema für den Verein, weil es das zentrale Element auf dem Pfad zur Klimaneutralität darstellt. Das gilt beim DVGW nicht erst seit der Kooperation mit dem DWV. Und natürlich bekommt Wasserstoff im Zusammenhang mit der Energiewende eine ganz andere Gewichtung, als dies früher der Fall war. Wir tragen dieser Entwicklung auch dadurch Rechnung, dass wir mit unserem Innovationsprogramm in den nächsten fünf Jahren zusätzliche 15 Mio. Euro für Investitionen und Neueinstellungen in allen Bereichen des Vereins bereitstellen.

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