Der Industriesektor entdeckt Wasserstoff

Digitaler Handelsblatt-Energie-Gipfel 2021

Hildegard Müller, © VDA
Hildegard Müller, © VDA

Der Weg der Energie in der Welt führt eindeutig über Wasserstoff – weg von fossilen Energieträgern –, so die klare Schlussfolgerung aus drei Tagen (13. bis 15. Januar 2021) Energie-Gipfel digital des Handelsblatts. Der Energiesektor steht vor seinen größten Herausforderungen auf dem Weg zur CO2-Neutralität. Kohle wird auslaufen, und auch die Ölnachfrage wird etappenweise zugunsten von Wasserstoff – perspektivisch dem grünen, weil regenerativ erzeugten – sinken. Erdgas muss sauberer werden, allerdings scheiden sich bei Carbon Capture and Storage (CCS) die Geister. Der türkise Wasserstoff lässt Anwendungen bei der Produktion von grünem Stahl als sinnvoll ansehen. Gar nicht genannt wurde der gelbe Wasserstoff, der via Biogas erzeugt wird, dafür wurde via Kernenergie erzeugter Wasserstoff angesprochen.

Das Farbspiel der verschiedenen Wasserstoffarten, basierend auf der Art und Energie der Produktion, sollte indes nicht fundamentalistisch gesehen werden, wie es mancher Politiker mit einem Entweder-oder tut, angemessener ist vielmehr ein Sowohl-als-auch, denn der Bedarf ist so gewaltig, dass es über die Farbe Blau gehen muss, wobei zwar CO2-Emissionen anfallen, diese aber stark reduziert werden. Man spricht von über 70 Prozent gegenüber der Kohle.

Die Energiewende gewinnt an Fahrt – weltweit. Und sie sollte nicht von der Politik mit Auflagen und Regulatorik in ihrer dynamischen Entwicklung beeinträchtig werden. Der CO2-Zertifikatehandel kommt hier als gute Alternative zum ehemaligen EEG ins Spiel. Die Notierungen sollten, so die Meinungen aus Politik und Industrie, perspektivisch auf Preise von 100 bis 200 Euro gegenüber aktuell 25 bis 50 Euro pro Tonne steigen, um massiv Investitionen in saubere Technologien zu befördern.

HOC

Disruptiver Wandel der Energieversorgung

Aktuell stehen einige Branchen (z. B. Zement, Stahl, wo CO2-Emissionen ein echtes Problem darstellen) vor großen Veränderungen. Auch die chemische Industrie will Öl und Erdgas durch Wasserstoff ersetzen, wobei wohl 0,04 Euro pro kWh die Basis für die Produktion wäre. Dieser Wandel lässt neue Geschäftsfelder und neue Jobs entstehen – und zwar im Einklang mit den Klimazielen. Der Green Deal ist dafür eine Steilvorlage.

Grüner Wasserstoff muss dabei grenzüberschreitend betrachtet werden – im europäischen Umfeld wie auch weltweit. Deutschland hat nicht die Voraussetzungen für ausreichend erneuerbare Energien, wohl aber das Kapital. Dementsprechend muss in großen Dimensionen gedacht werden. Die Bundesrepublik wird mit ihrem 2.600-Terrawatt-Jahresverbrauch – trotz circa 600 Terrawatt Eigenproduktion regenerativer Energie – auf Importe von Energie angewiesen sein. Da ist es äußerst sinnvoll, gleich vor Ort in Ländern wie Spanien, Portugal, Griechenland und anderen die günstigen Rahmenbedingungen für die Wasserstoffproduktion zu nutzen. Die Industrie kann dort investieren und mit Know-how helfen – im eigenen Interesse. Wasserstoff gilt als das Öl von morgen. Über kurz oder lang wird es um Dimensionen gehen, die weltweit jährlich in die Ölproduktion investiert wurden: 2.000 Mrd. US-$.

Bei all diesen positiven Entwicklungen sollte es indes nicht so viele einzelne, unabhängige H2-Strategien geben (auf EU-Ebene, Länderebene und kommunaler), sondern ein großes Ganzes. Die Industriepolitik muss dafür mit den Klimazielen pragmatisch verbunden werden, denn Klimaschutz ist auch ein Geschäftsmodell. Beim Energiegipfel wurde daher gefordert: weniger Regulatorik, mehr Markt und kein Klimaalarmismus, sondern Technologieoffenheit.

Der Elektromobilitätssektor wird vor allem durch die batterieelektrische Mobilität bestimmt. Tesla gilt da als klares Vorzeigebeispiel. Das Unternehmen hat es geschafft, der weltweiten Kfz-Industrie Schwung zu verleihen. Die deutschen Autohersteller bräuchten sich allerdings nicht hinter Tesla zu verstecken, so die Meinung von VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Deutschland und seine Unternehmen müssten jetzt allerdings schneller werden und sich der großen Herausforderung der Digitalisierung, der Künstlichen Intelligenz (KI) im Fahrzeug, stellen, so die Lobbyistin. Zudem müsse die Ladeinfrastruktur einfacher im Handling werden, so Müller: Mehr Einheitlichkeit und Kompatibilität, losgelöst vom Hersteller oder vom Stromlieferanten. Sie zeigte sich zudem davon überzeugt, dass in zehn Jahren immer noch rund ein Drittel der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor betrieben wird.

Insgesamt wurde auf dem diesjährigen Handelsblatt-Energie-Gipfel in den verschiedenen Beiträgen so viel wie noch nie über Wasserstoff diskutiert.

Autor: Sven Jösting

0 Gedanken zu „Der Industriesektor entdeckt Wasserstoff“

  1. Kohle, Öl und Gas sind Primärenergieträger mit CO2-Effekt. Wasserstoff ist nur ein verlustreich umgewandelter Sekundärenergieträger. Die wesentliche Herausforderung ist die nachhaltige Bereitstellung von „grüner“ Elektroenergie als Voraussetzung effizienter Prozessketten. In der Industrie ist Wasserstoff hauptsächlich als Produktions-Rohstoff auch bisher schon wichtig. Die Dekarbonisierung nur über den Einsatz von Wasserstoff zu realisieren ist nicht zielführend! Wasserstoff ist nicht „die“ Lösung, sondern Teil des Problems. Energie-Effizienz, Kraft-Wärme-Kopplung und konsequentes Rohstoff-Recycling geht auch ohne Wasserstoff!

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