Revolutionierung der Land- und Energiewirtschaft mit Regionalwert-Methode

Regionalwert AG Berlin-Brandenburg

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Regionalwert-Berlin-Brandenburg

Der Regionalwert-Ableger in Potsdam ging im Juni 2018 aus der Apfeltraum AG, die vor 15 Jahren zur Unterstützung des Hofs Apfeltraum in Müncheberg initiiert wurde, hervor. Mitgründer war Timo Kaphengst, der zusammen mit Jochen Fritz, Biobauer aus Werder an der Havel und ehemaliger Sprecher der Initiative „Wir haben es satt!“, hauptamtlich den Vorstand der Regionalwert AG Berlin-Brandenburg führt. Ursprünglich ging es Kaphengst um die Sicherung des Zugangs zu den landwirtschaftlichen Flächen (kontra Landgrabbing). Heute steht für ihn die Sicherung des regionalen Wertschöpfungsraums und wirklich nachhaltiges Wirtschaften – sowohl in der Land- als auch in der Energiewirtschaft – im Fokus.

„Wir sehen die Rendite nicht als rein finanzielle Rendite. Die Ausschüttung von Geld steht bei uns nicht im Mittelpunt.“

Timo Kaphengst, Vorstand der Regionalwert AG Berlin-Brandenburg

Auszeichnung von der ZEIT

Wie zum Beleg ihrer guten Absichten erhielten Christian Hiß und die Regionalwert AG im September 2020 den ZEIT-Wissen-Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“ 2020 aufgrund ihres besonderen Engagements sowie ihrer Vorbildfunktion für die Allgemeinheit. Der AG-Vorstand erklärte dazu: „Ich freue mich riesig über die Auszeichnung […]. Sie verschafft unserer Arbeit den Rückhalt, den es braucht, um das neue Verständnis von nachhaltigem und regionalem Wirtschaften in die Welt zu bringen.“

Dr. Jörgen Beckmann, Vorstand der Forschungsgesellschaft Die Agronauten e. V., ergänzte: „Wir brauchen dringend ein zukunftsfähiges ökonomisches Konzept, nicht nur für die Land- und Ernährungswirtschaft. Die Landwirtschaft als Urmodell des Wirtschaftens kann uns lehren, wie wir mit den natürlichen Ressourcen haushalten müssen, um unsere Existenz langfristig zu sichern. Christian Hiß hat dies früh erkannt und gehandelt.“

Übertragbar auf Effizienzberechnungen

Die gesamte Herangehensweise, die von der Regionalwert AG Freiburg zunächst insbesondere auf den Agrarsektor zugeschnitten wurde, ist indes nicht auf diesen Bereich eingeschränkt. Die neuartige Bewertungsweise zur Beurteilung des Grades an Nachhaltigkeit, in dem ein landwirtschaftlicher Betrieb agiert, ließe sich grundsätzlich auch übertragen auf andere Sektoren, beispielsweise auf die Effizienz von Energiesystemen oder die Art der Energieversorgung.

Bislang wird bei der Ermittlung des Wirkungsgrades lediglich die herauskommende Energiemenge durch die hineingehende Energiemenge dividiert. Hierbei geht es in der Regel allein um Energieinhalte, also um Kilowattstunden. Aber ähnlich wie bei der Aufstellung finanzieller Bilanzen, bei denen nicht alles in Euro bemessen werden kann, kann in der Physik beziehungsweise Thermodynamik nicht alles in Kilowattstunden bemessen werden.

Wendet man hier das „Bilanz-der-Zukunft“-Prinzip an, dann müssten auch für die Energieversorgung relevante Leistungskennzahlen herangezogen werden. Anstelle von Bodenfruchtbarkeit müssten also Werte wie Ressourcenschonung, Umweltbelastung und Endlagerungsaufwand angemessen eingepreist und berücksichtigt werden.

Die Regionalwert AG Freiburg ist nach eigenen Angaben an einem ganzheitlichen Ansatz interessiert, auch wenn sie bislang vorrangig den landwirtschaftlichen Sektor im Fokus hatte. Auf Nachfrage von HZwei, wie es denn bislang im Energiesektor aussehe, räumte Hiß unumwunden ein: „Da haben wir noch keinen Plan – hatten bisher keine Ressourcen dafür.“ Er ist aber bereits auf der Suche nach weiteren Partnern.

Landwirte als Energiewirte

Weitere Überlegungen gehen in die Richtung, dass bereits seit geraumer Zeit eine Entwicklung im Agrarbereich festzustellen ist, gemäß der Landwirte unweigerlich auch mehr und mehr zu Energiewirten werden (müssen). Die Schnittmenge zwischen nachhaltiger Landwirtschaft und nachhaltiger Energieversorgung wird immer größer, da sich zahlreiche bäuerliche Betriebe bereits selbst um ihre Energieversorgung kümmern. So sind weithin erkennbar schon auf einer Vielzahl von Scheunen Photovoltaikanlagen installiert, auch wenn im Wärme- und Mobilitätssektor noch Handlungsbedarf besteht.

Die Notwendigkeit, die Landwirtschaft in Sachen Energieversorgung nachhaltiger zu gestalten, ist evident, wenn auch konkrete Projekte in diesem Bereich noch Mangelware sind. Um aber die Pariser Klimaziele erreichen zu können, bedarf es einer zügigen Umstrukturierung bei der Energieversorgung von Bauernhöfen. Dafür sind allerdings Kooperationen erforderlich, da die Landwirte zur Bewerkstelligung solch eines nachhaltig-energetischen Umbaus bei laufendem Betrieb auf Unterstützung angewiesen sind.

So ist eine umfangreiche Hilfe vonseiten des Staats, aber auch von Wissenschaft und Wirtschaft erforderlich, um die hier schlummernden Potentiale zügig heben zu können.

„In der konsequenten Verknüpfung von betrieblicher Erfolgsrechnung und den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen liegt ein Schlüssel für das Wirtschaften im 21. Jahrhundert. Christian Hiß und die Regionalwert AG Freiburg haben mit ihrem Projekt „Richtig Rechnen in der Landwirtschaft“ dazu den Grundstein gelegt. Was für die Landwirtschaft gelingt, sollte auch in anderen Wirtschaftsbranchen möglich sein.“

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker

2 Gedanken zu “Revolutionierung der Land- und Energiewirtschaft mit Regionalwert-Methode

  1. „Dies könnte speziell für die Energiewirtschaft weitreichende Folgen haben, denn die Regionalwert-Nachhaltigkeitsanalyse könnte dabei helfen, den „wahren“ Wert von grünem Wasserstoff zu ermitteln.“

    Ja, der Ansatz ist wirklich revolutionär und sinnvoll. In Bezug auf Wasserstoff frage ich mich allerdings wie das heute (>95% grauer Wasserstoff, vorwiegend aus importiertem Erdöl /Erdgas) bzw. morgen aussieht, wenn wir lt. vorherrschender Meinung die EE-Energie für grünen Wasserstoff oder gleich den kompletten Wasserstoff importieren wollen /sollen.

    Der Ausbau der EE-Nutzung und vor allem die Stärkung der dezentralen, kleinen Energieerzeuger in Deutschland ist der Schlüssel zu grünem Wasserstoff für Deutschland!
    Denn nur wenn durch die dezentrale Eigenversorgung mit el. Energie (Übertragungs-)Netzkapazitäten und EE-Erzeugerkapazitäten frei werden, kann sinnvoll (zentral) grüner Wasserstoff produziert werden.
    Dass kleine dezentrale Elektrolyseure für Überschussstrom an jedem Windpark nicht realistisch sind (viel zu geringe Jahresauslastung) sollte jedem einleuchten. Es braucht große. effiziente Elektrolyseure – und Übertragungsnetzkapazitäten für den Strom …

    Leider sehe ich diesen Trend nicht und daher auch keine positive Bewertung von Wassestoff nach dem neuen Ansatz.

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