Wasserstoff-Boom in Hannover

Der e.GO Mover soll in Hannover vorgestellt werden, © e.GO Mobile

Das derzeit stetig wachsende Interesse an der H2– und BZ-Technik wird sich auch auf der Hannover Messe bemerkbar machen, die vom 1. bis 5. April 2019 auf dem Messegelände ansteht. Das Thema Sektorenkopplung rückt in diesem Jahr noch stärker in den Mittelpunkt. Die Veranstalter rechnen im Energiesektor mit mehr als 1.000 Unternehmen, die neue Ideen wie integrierte Strom-Wärme-Konzepte für die Industrie oder Lösungen für die Umwandlung von Wind- und Solarstrom in Wasserstoff und Methan beziehungsweise flüssige Kraftstoffe zeigen werden. Allein auf dem Gemeinschaftsstand Wasserstoff und Brennstoffzellen werden rund 180 Institutionen erwartet – neuer Rekord im Jubiläumsjahr.

Die ehemalige Energy, eine von insgesamt sechs Leitmessen, wird dieses Mal den Namen Integrated Energy tragen. Mit dieser Umbenennung will die Deutsche Messe AG deutlich machen, „dass es in Hannover um die sektorenübergreifende Verbindung von Strom, Wärme und Mobilität geht“. Weiter heißt es von der Messeleitung: „Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien und der zunehmenden Möglichkeit der Eigenerzeugung von Strom und Wärme ist der Umbau des Energiesystems unumgänglich geworden. Nur so können Stromnetze in Spitzenzeiten entlastet werden.“

Hydrogenics

Auch der Elektromobilitätsbereich erhält einen neuen Namen: Electric Vehicle Infrastructure. Hier soll sich alles um Ladetechnologien, autonomes Fahren, neue Abrechnungssysteme und alternative Mobilitäts- und Transportlösungen drehen. Das Forum, bei dem traditionell Prof. Henning Kagermann, Vorsitzender der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität (NPM – zuvor NPE; s. Kasten), seinen alljährlichen Vortrag über den aktuellen Stand der Elektromobilisierung hält, befindet sich ebenfalls wieder in Halle 27, dieses Mal als Forum Electric Lounge (Stand F81).

Hydrogen + Fuel Cells Europe

Auf dem zum mittlerweile 25. Mal organisierten Gemeinschaftsstand Wasserstoff und Brennstoffzellen – ebenfalls wieder in Halle 27 – dürften die Stände B45 bis B59, die am Übergang zur Halle 25 direkt an der Hauptmagistralen gelegen sind, eine Hauptanlaufstelle sein. Auf insgesamt vier Ständen haben sich um die Nationale Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NOW) und die in Brüssel ansässige Organisation Fuel Cells and Hydrogen Joint Undertaking (FCH JU) herum verschiedene Institutionen und Firmen zusammengetan, um eine „Blaupause zur Umsetzung der nationalen Industriestrategie 2030 und der nationalen Klimaziele“ zu präsentieren, wie sie es selbst in einer gemeinsamen Meldung ausdrücken. Neben den Vereinen DVGW, DWV und Hydrogen Europe sind dort Mitglieder der Clean Energy Partnership (CEP) sowie von H2 Mobility, GP Joule und e.GO REX vertreten, um Besuchern die gesamte Bandbreite von der Probefahrt mit einem BZ-Auto und dessen Betankung bis hin zum Gespräch mit Experten über Politik und geeignete Rahmenbedingungen anbieten zu können.

Unter dem gemeinsamen Motto Ride, Refuel & Talk wird beispielsweise die e.GO REX GmbH ihren e.GO Mover präsentieren, einen vollelektrischen, universell ausbau- und einsetzbaren Kleinbus für bis zu fünfzehn Personen, der mit Assistenzfahrfunktionen des Levels 4 ausgestattet ist und auch mit einem Brennstoffzellen-Range-Extender für größere Reichweiten ausgeliefert werden kann. Den Prototyp eines BZ-Modells mit bis zu 30 kW Antriebsleistung und 6 kg Wasserstoff für maximal 300 km Reichweite will das Aachener Unternehmen, ein Ableger der RWTH, in Hannover erstmals vorstellen. Nach Auskunft von Dr. Jan-Philipp Prote vom RWTH-Lehrstuhl für Produktionssystematik könnte ab 2021 eine erste Kleinserie sowohl für den Personennahverkehr als auch für private und gewerbliche Transportaufgaben aufgebaut werden. Die Vertriebsleiterin der Firma, Sharon van Beek, ergänzte gegenüber HZwei: „Insbesondere für Fahrzeuge, die über den ganzen Tag hinweg im Betrieb sind, sowie für den nicht-urbanen Verkehr bietet die Brennstoffzelle aus Sicht der e.GO Mobile AG eine zukunftsweisende Lösung.“

Ebenfalls lohnend dürfte der Besuch bei dem Unternehmen Wystrach sein, das 2019 erstmals auf dem orangefarbenen Teppich von Organisator Tobias Renz ausstellt und am Stand E68 sein WyRefueler-Konzept präsentiert. WyRefueler sind großvolumige H2-Speicherlösungen (s. Abb. 1), die als Container-Lösung per Lkw oder Bahn transportiert und stationär als Stand-alone-Station für die Befüllung von H2-Tanksystemen genutzt werden können. Wystrach hatte einen Prototyp, der im Rahmen des europäischen H2-Share-Projekts (s. HZwei-Heft Jan. 2018) entwickelt worden war, anlässlich seines 30-jährigen Jubiläums im Oktober 2018 vorgestellt. Aus Platzgründen wird der WyRefueler selbst zwar nicht in Hannover gezeigt, die technischen Details werden aber an einem Modell erklärt.

Mitte Februar 2019 teilte außerdem Nproxx mit, dass sein 500-bar-Wasserstofftank des Typs IV zertifiziert worden sei. Geschäftsführer Reinhard Hinterreither sagte dazu: „Dieser Erfolg zeigt, dass unser technischer Ansatz richtig ist und dass unsere Produkte robust und marktreif sind. Nun können wir unsere hochmodernen Kohlefaser-Druckbehälter weltweit vermarkten und zugehörige Dienstleistungen anbieten.“ Wie Tobias Gottwald von Nproxx mitteilte, zeigt das Unternehmen sein H2-Speichersystem am Stand D52 in realer Größe. (Siehe dazu auch: Nur noch zertifizieren?)

Ein Schwerpunktthema wird in diesem Jahr auch wieder die Elektrolyse sein. Unter den mittlerweile zwanzig Herstellern, die auf dem H2FC-Gemeinschaftsstand ausstellen, ist dieses Mal auch die Hoeller Electrolyzer GmbH aus Wismar, die nach Auskunft von Geschäftsführer Stefan Höller „erste Prototypen ihrer neuen Prometheus®-Produktlinie präsentieren“ wird. Vorgestellt werden diese Stacks sowohl beim mittlerweile legendären Elektrolyseur-Elevator-Pitch im Technical Forum als auch am Stand D72.

Diskussion mit neuem CEP-Chef

Auf dem Public Forum wird am Dienstagnachmittag unter anderem eine Podiumsdiskussion stattfinden, bei der einige Pioniere der Wasserstoffbranche über ihre Werdegänge berichten werden. Auch Holger Grubel, Leiter Projektentwicklung Offshore bei EnBW, wird dort seine „Lebensgeschichte“ erzählen. Er wurde bereits vor zwanzig Jahren auf Wasserstoff aufmerksam, war zwischenzeitlich in Hamburg im Windsektor tätig und erlebt nun, wie das zusammenkommt, was zusammengehört: Wind und Wasserstoff. Ein Bericht darüber mit Details aus Grubels Leben wird in der nächsten Juli-Ausgabe der HZwei erscheinen.

Außerdem soll sich in dieser Diskussionsrunde der neue CEP-Geschäftsführer vorstellen. Thomas Bystry, der seit Anfang 2016 den Firmenzusammenschluss geleitet hat, geht in den Vorruhestand, weshalb direkt vor der Messe ein Nachfolger gewählt werden soll. Nach zwei Vertretern von Mineralölkonzernen (von Shell und zuvor von Total) könnte es dieses Mal jemand aus der Automobilbranche werden.

Am Vormittag desselben Tages wird zudem über eine 40-GW-Elektrolyseur-Allianz diskutiert werden, hier mit dabei sein wird auch Jorgo Chatzimarkakis von Hydrogen Europe, der für seine stets klar formulierten, teils auch provokanten Aussagen bekannt ist.

Die öffentliche Pressekonferenz des Gemeinschaftsstandes ist gleich für den ersten Tag um 11 Uhr anberaumt. Dort wird unter anderem Bart Biebuyck vom FCH JU aus Brüssel über europäische und auch deutsche Wasserstoffregionen berichten. Nicht vorbeikommen wird man in diesem Jahr an Werner Diwald, dem DWV-Vorsitzenden, der sich von Montag bis Donnerstag jeweils an einer Podiumsdiskussion beteiligen will.

Kein NRW-Gemeinschaftsstand

Der Anstieg der Ausstellerzahl bei Tobias Renz geht zum Teil auf die Absage der EnergieAgentur.NRW zurück, die in diesem Jahr keinen großen Landes-Gemeinschaftsstand in Halle 27 organisiert. Mehrere Institutionen wie beispielsweise HyCologne, Wystrach und das ZBT, die bislang dort untergekommen waren, hatten Ende 2018 die Mitteilung erhalten, dass Nordrhein-Westfalen das Angebot, seine Messeinfrastruktur mitnutzen zu können, aufgrund rückläufiger Anmeldungszahlen zurückzieht. Damit fällt auch die traditionell laute und gut besuchte Stand-Party des Bundeslandes weg. Die EnergieAgentur.NRW ist aber trotzdem in der Halle vertreten, und zwar am Stand D68 sowie beim Gemeinschaftsstand Dezentrale Energieversorgung (K42).

Hydrogen + Fuel Cells ASIA

HFC
Hydrogen + Fuel Cells North America 2018, © Tobias Renz

Das seit 25 Jahren bewährte Konzept des Gemeinschaftsstandes Wasserstoff und Brennstoffzellen soll 2019 erstmals auch in Asien zur Anwendung kommen, nachdem die Übertragung auf den US-amerikanischen Markt 2017 und 2018 erfolgreich umgesetzt wurde (s. Foto). Im Rahmen der CeMAT ASIA will Tobias Renz gemeinsam mit der Deutschen Messe nach Shanghai expandieren. Vom 23. bis 26. Oktober 2019 werden dort mehr als 600 Unternehmen ihre High-Tech-Lösungen für den asiatischen Logistikmarkt, in dem die Hannoveraner Messegesellschaft viel Potential sieht, präsentieren.

3 Gedanken zu “Wasserstoff-Boom in Hannover

  1. Ich wünschte Berlin würde sich auch mehr in diese Richtung entwickeln. Generell könnten sich alle Großstädte mal nach Alternativen zu den üblichen Mitteln umsehen.

  2. Kann man nur hoffen das dem hochaktuellen Thema H2 Mobilität mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Chinesen nehmen uns gerade das Zepta aus der Hand. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben oder wer nicht mit der Zeit geht, geht.
    http://www.grove-auto.com
    Hier wird VW und Co. die lange Nase gezeigt. Und das ist auch gut so.

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