H2- und BZ-Branche zeigt sich zuversichtlich

Lies
Lies, Fuhrmann, Chatzimarkakis und Diwald (v.l.)

Die Stimmung auf dem diesjährigen Gemeinschaftsstand Wasserstoff + Brennstoffzellen + Batterien war so gut wie lange schon nicht mehr. Fast alle Akteure aus der H2– und BZ-Branche zeigten sich während der Hannover Messe vom 23. bis 27. April 2018 äußerst zuversichtlich und berichteten gut gelaunt über neue interessante Projekte sowie über konkrete Aufträge. Damit stemmte sich die H2– und BZ-Branche quasi allein gegen den allgemein leicht negativen Trend während der Industrieschau: Denn zur Hannover Messe erschienen insgesamt wieder 210.000 Besucher, genauso viele wie schon 2016, wobei damals keine CeMAT stattgefunden hatte. Das bedeutet, dass die Besucherzahlen gegenüber dem Vergleichsjahr stagnierten, obwohl zehn Prozent mehr Aussteller teilnahmen.

Tobias Renz, der Organisator des H2– und BZ-Gemeinschaftsstandes in Halle 27, hatte sich bereits im Vorfeld gegenüber HZwei begeistert darüber geäußert, dass dieses Mal nochmals mehr Elektrolyseurhersteller als in den vergangenen Jahren bei ihm ausstellen würden. Es waren dann so viele, dass der Elevator-Pitch, der seit Jahren im Technical Forum durchgeführt wird, dieses Mal zweigeteilt werden musste.

Bemerkenswert war, dass beispielsweise McPhy …

Großes Marktpotential

Obwohl mittlerweile sehr viele Akteure in Richtung nachhaltige H2-Erzeugung streben, herrscht bislang noch ein ruhiges Miteinander unter den Mitbewerbern. Das dürfte auch daher rühren, dass der in Aussicht stehende Markt groß genug ist. Werner Diwald, Vorsitzender des DWV, sprach in Hannover von einem 2.000-MW-Markt für Elektrolyseure in Deutschland, der realisierbar wäre, wenn grüner Wasserstoff mit Biosprit gleichgestellt würde. Zudem seien die CO2-Vermeidungskosten mit Wasserstoff niedriger als bei Biosprit. Erste Schritte in diese Richtung wurden bis Ende Mai 2018 im Rahmen der Diskussion über die RED 2 (Renewable Energy Directive) in Brüssel verhandelt. Ergebnisse standen allerdings zum Redaktionsschluss noch nicht fest.

Auf die Frage, wo denn der per Elektrolyse erzeugte Wasserstoff eingesetzt werden soll, folgt immer häufiger die Antwort: In der Stahlindustrie und in Raffinerien

Aber auch die Erdgasreformierung ist längst noch nicht abgeschrieben. Das österreichische Unternehmen Rouge H2 Engineering (RGH2) präsentierte eine Reformereinheit, die gemeinsam mit drei weiteren in einem 40-Fuß-Container in Ternitz, Niederösterreich, installiert werden soll. Dort soll dieser Prototyp zunächst über drei Monate erprobt und dann bei potentiellen Kunden im Feldtest eingesetzt werden. RGH2-Geschäftsführer Florian von Hofen erklärte gegenüber HZwei, mit dieser Technik sei ein Preis von 3 Euro pro Kilogramm Wasserstoff realisierbar.

Allmählicher Stimmungsumschwung

Auch hinsichtlich der politischen Rahmenbedingungen scheint die Überzeugung bereits weitverbreitet zu sein, dass sich noch während der aktuellen Legislaturperiode der Bundesregierung tatsächlich etwas tun wird, damit Elektrolyseure künftig wirtschaftlich betrieben werden können. NOW-Geschäftsführer Dr. Klaus Bonhoff sagte dazu: „Der Koalitionsvertrag liest sich sehr positiv.“ Immerhin würden Wasserstoff und Brennstoffzellen in dem Papier explizit an sieben Stellen erwähnt, und zwar durchaus mit konkreten Zusagen. Thomas Bareiß, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundeswirtschaftsminister, forderte sogar öffentlich: „Wir müssen jetzt in die Umsetzungsphase kommen.“ Angesichts dieses allmählichen Stimmungsumschwungs in der Bundesregierung bestätigte auch Jorgo Chatzimarkakis: „Das scheint sich jetzt zu drehen. Das ist eine sehr gute Nachricht.“

Im Hinblick auf den internationalen Wettbewerb bestätigte Staatssekretär Bareiß, dass „die Chinesen jetzt enorm viel in eine Tankstelleninfrastruktur für Wasserstoff investieren, was wir auch noch verstärkt ausbauen müssen“. Er verwies aber gleichzeitig darauf, …

Zulieferer setzen auf H2– und BZ-Technik

Äußerst wohlwollend nahm die Community zur Kenntnis, dass mittlerweile auch große Automobilzulieferer die Potentiale im BZ-Sektor erkannt zu haben scheinen. Plastic Omnium machte mit seinem Auftritt unzweifelhaft deutlich, dass Brennstoffzellen bei dem französischen Kunststoffverarbeiter, der auch Mitglied des Hydrogen Councils ist, zukünftig eine Schlüsselrolle einnehmen werden. Der weltweit agierende Großbetrieb hatte in den letzten Monaten neben dem schweizerischen BZ-Hersteller Swiss Hydrogen auch den belgischen Tankproduzenten Optimum CPV sowie das israelische Entwicklungsinstitut PO-CellTech übernommen. Das Start-up PO-CellTech war erst Ende 2016 gemeinsam mit dem Elektronikkonzern ELBIT Systems gegründet worden. Nach Aussage des Tier-1-Zulieferers kümmern sich derzeit 130 Mitarbeiter darum, die gesamte Energieumwandlungskette im Fahrzeug vom Tank bis zur Brennstoffzelle inklusive Druckreduzierung und Ventiltechnik sowie Systemmanagement darzustellen.

Auch Faurecia orientiert sich neu: …

Hochdruck an den H2-Stationen

Zur konkreten Verbesserung der Situation an den Wasserstofftankstellen präsentierte Maximator einen neu entwickelten Hochleistungskompressor, der 100 Kilogramm Wasserstoff pro Stunde fördert, weitaus mehr als bislang üblich. Zudem installierte das Nordhausener Unternehmen eine „Revolverlösung“ an dem Gerät, mit dem ein einfacher Wechsel von Hochdruckdichtungen im Prozess ermöglicht werden soll. Wie die Praxis bewies, zählen die stark belasteten Dichtungen zu den Schwachstellen von H2-Tankstellen, weshalb es häufig zu Betriebsunterbrechungen aufgrund von Wartungsarbeiten kommt. Der neue Kolbenverdichter von Maximator, der innerhalb von nur sechs Monaten aufgebaut wurde, verfügt deswegen über bis zu acht Reservedichtungen, die zwischen den Tankvorgängen automatisch ausgewechselt werden können. Somit sei der „Kompressor in sich redundant“, wie es ein Mitarbeiter erläuterte. Zudem sei er günstiger als beispielsweise ein ionischer Verdichter.

Auf ihrem Messestand zeigte die Firma aus dem Harz zwar ein Mock-up, aber in Kürze soll ein fertiges Aggregat angeboten werden. Dafür rief das zur Schmidt Kranz Gruppe gehörende Unternehmen extra ein H2-Kompetenzteam, dem auch ehemalige Linde-Mitarbeiter aus Wien angehören, ins Leben. Zudem gründete die familiengeführte Holding gemeinsam mit TesTneT Engineering eine neue Firma, die sich insbesondere um das Berstverhalten von Druckbehältern kümmert. Hierbei geht es um den Aufbau einer Testeinrichtung, die ein Bersten von H2-Druckbehältern während des Zyklierens zulässt, so dass das Ausloten der Belastungsgrenzen hinsichtlich Temperatur, Feuchte, Fast Fill, Schnellentleerung, Vorschädigung usw. unter Realbedingungen möglich ist. Diese Anlage soll nach Auskunft von TesTneT-Geschäftsführer Dr. Marius Herr Mitte 2019 in Betrieb gehen.

Alle Jahre wieder lässt sich auch Dr. Jörg Dieter Weigl auf dem Gemeinschaftsstand blicken, stets mit einer neuen Entwicklung im Gepäck. Dieses Mal zeigte er ein handliches Energiespeicherkonzept, das eigentlich mit Akkumulatoren funktioniert und sowohl für stationäre als auch für mobile Anwendungen konzipiert wurde (EnergyTube von Unicorn Engineering). Weigl installierte einen Metallhydridspeicher sowie einen Brennstoffzellen-Stack aus Singapur im gleichen Bauraum und präsentierte in Hannover einen 55-Watt-Prototyp, der noch bis auf 100 Watt erweitert werden soll.

Abseits des orangefarbenen Teppichs des Gemeinschaftsstandes gab es in Halle 27 dieses Mal nur sehr vereinzelt Stände mit interessanter H2– und BZ-Technik. Bemerkenswert war allerdings, was WätaS Wärmetauscher Sachsen zu berichten hatte. Das mittelständische Unternehmen aus dem Erzgebirge, das 2017 den Sächsischen Integrationspreis für die feste und unbefristete Einstellung von 28 Flüchtlingen erhielt, präsentierte während der Hannover Messe gleich vorne am Eingang zur Energy-Halle die nach eigener Aussage „erste in Sachsen entwickelte und produzierte PEM-Brennstoffzelle mit 1 kW elektrischer Leistung“, für die es die Bipolarplatten selber produziert (s. S. 34).

Blick nach Japan und Australien

Auch beim deutsch-japanischen Wirtschaftsforum ging es um eine nachhaltige Energieversorgung, und zwar unter der Fragestellung: Zukunft in Deutschland und Japan – Wasserstoff als Lösung? Unter anderem informierte dort Roland Käppner von ThyssenKrupp über bereits marktreife Elektrolyseuranlagen im Leistungsbereich von über 100 MW. Noch interessanter war allerdings, was aus Asien berichtet wurde: Und zwar laufen dort derzeit zwei internationale Projekte für eine großskalige H2-Belieferung von Japan.

Australien beabsichtigt, Wasserstoff aus Braunkohle in einer Vergasungsanlage in Latrobe Valley zu erzeugen und das entstehende Kohlendioxid per CCS-Verfahren zu „entsorgen“. Der australische Finanzminister Scott Morrison erklärte anlässlich des Projektstarts Mitte April 2018: „Wir haben für die nächsten vier Jahre 100 Mio. Dollar für dieses Projekt bereitgestellt, wir investieren in Arbeitsplätze im Latrobe Valley.“ Der verflüssigte Wasserstoff soll im Rahmen des HySTRA-Projekts per Tankschiff – das allerdings mit Mineralöl fährt – befördert werden und insbesondere während der Olympischen Spiele in Tokio eine nachhaltige Energieversorgung gewährleisten. Seit Mai 2018 wird mit Unterstützung durch die New Energy and Industrial Technology Development Organization (NEDO) in Kobe die Importseite aufgebaut. Der stationäre LH2-Tank soll einen Durchmesser von 19 Metern haben und ein Volumen von 2.500 m3 aufweisen. Der Wasserstoff soll dann in einer von Kawasaki Heavy Industries installierten 1,1-MW-Gasturbine umgesetzt werden.

Die Chiyoda Corporation, ein japanischer Industrieanlagenbauer, favorisiert demgegenüber einen anderen Weg und setzt auf Toluol als Wasserstoffspeicher. Bei der Reaktion …

Cornelius von der Heydt von Hydrogenious sagte dazu: „Chiyoda setzt aufgrund des niedrigeren Preises auf Toluol. Prof. Hansong Cheng von Hynertech Co. Ltd. auf einen uns nicht genau bekannten Stoff, der aber wohl aus der gleichen Stofffamilie kommt wie N-Ethylcarbazol.“

Synergien zwischen Automotive und H2-Produktion

Besonderes Interesse zog auch die IAV GmbH auf sich, die als Unteraussteller auf dem niedersächsischen Gemeinschaftsstand zu finden war und ein kleines Modell einer Elektrolyseanlage präsentierte. Die Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr führt eigentlich Entwicklungsarbeiten für Audi und Volkswagen durch, beschäftigt sich jedoch mitunter auch mit anderen Energietechnologien. In diesem Fall sucht Ralf Wascheck nach Überschneidungen zwischen Brennstoffzellen- und Elektrolyseurtechnik. Hintergrund ist, dass untersucht werden soll, ob Skaleneffekte genutzt werden können, wenn beide Technologien gleichzeitig aufgebaut werden.

Die nächste Hannover Messe wird vom 1. bis 5. April 2019 ausgerichtet, dann mit Schweden als Partnerland, aber ohne CeMAT.

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