Der Norden wird energieautark

MBS
In Nordfriesland geplantes Verbundprojekt

Norddeutschland befindet sich auf dem besten Wege zum Eldorado für Power-to-Gas zu werden. Seit einigen Jahren sind etliche Bürgerinitiativen und Unternehmen dabei, erste Projekte in die Wege zu leiten und neue Potentiale in der windreichen Region auszuloten. Bislang blieben die meisten Aktivitäten noch unterhalb des Radars der Öffentlichkeit, liefen zumeist auch unbemerkt von der Fachwelt ab. Inzwischen häufen sich jedoch die Berichte über laufende Vorhaben, so dass es Zeit wird, mal genauer hinzuschauen.

Schleswig-Holstein und Niedersachsen zählen zu den Bundesländern mit den meisten Windkraftanlagen in Deutschland. Zeitweise können sich einige Regionen bereits heute zu hundert Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien selbst versorgen. Erwartet wird, dass das nördlichste Bundesland 2030 rein rechnerisch sogar 300 Prozent der benötigten Energie selbst erzeugt.

Unternehmen wie die GP Joule GmbH, die hier seit Jahren im Bereich erneuerbarer Energien engagiert ist, bemühen sich darum, die große Ökostrommenge in unmittelbarer Nähe sinnvoll einzusetzen. André Steinau, Referent der Geschäftsführung, erklärte: „Wir müssen die wertvolle Energie hier vor Ort selbst veredeln. Und dabei bietet sich die Elektrolyse, also die Umwandlung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff, geradezu an.“

link-to-hzwei-web

PtG in Brunsbüttel

Ein ähnliches Projekt, das als Forschungsvorhaben im Rahmen der norddeutschen Innovationsallianz NEW 4.0 (s. Kasten) ausgeschrieben wurde, ist in Brunsbüttel 3 km nördlich vom stillgelegten Kernkraftwerk am nördlichen Elbeufer im Entstehen (s. auch AFC macht PEM Konkurrenz). Neben einer Wind-to-Gas-Anlage soll auf dem Werksgelände von Bioenergie Contracting bei deren Biomasseheizkraftwerk ein Akkumulatorspeicher errichtet werden. Beide Systeme sollen mit nachhaltig erzeugtem Strom aus fünf Windkraftanlagen (insg. 15 MW) aus Ostermoor versorgt werden. Betreiber ist die Wind to Gas Südermarsch GmbH & Co KG, die den Förderbescheid in Höhe von 2 Mio. Euro für dieses insgesamt 7 Mio. Euro schwere Projekt Anfang des Jahres ausgehändigt bekommen hat. Den Auftrag für die Errichtung eines PEM-Elektrolyseurs (HyLYZER-400-30, Arbeitsdruck: 30 bar, 2,4 MWpeak, s. Abb. 3 auf S. 26) erhielt der kanadische Hersteller Hydrogenics im März 2017. Die Installation soll in diesem Herbst beginnen.

Tim Brandt, Geschäftsführer von Wind to Gas Südermarsch, erklärte: „Hydrogenics bot nicht nur eine überzeugende technologische Lösung, sondern …

Norddeutsche Energiewende NEW 4.0

Das Ziel von NEW 4.0 ist, als Schaufenster für Deutschland, aber auch für Europa die Machbarkeit der Energiewende aufzuzeigen. Bis 2035 soll großflächig demonstriert werden, wie die Energie-Gesamtregion (Schleswig-Holstein und Hamburg) mit ihren 4,5 Mio. Einwohnern zu 100 Prozent sicher, kostengünstig, umweltverträglich und gesellschaftlich akzeptiert mit regenerativer Energie versorgt werden kann und wie gleichzeitig bis zu 70 Prozent der CO2-Emissionen reduziert werden können. Dafür stellt das Bundeswirtschaftsministerium über 40 Mio. Euro zur Verfügung. Koordinator und Projektleiter Prof. Dr. Werner Beba von der HAW Hamburg erklärte: „Die Ergebnisse werden zum Gelingen der notwendigen Transformation des gesamten Energiesystems beitragen.“

NEW 4.0 ist eines von fünf Schaufenstern, die im Rahmen des Förderprogramms „Schaufenster intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“ (SINTEG) mit insgesamt 200 Mio. Euro unterstützt werden.

QUARREE100 als Experimentierfeld

Etwas weiter nördlich in Heide befindet sich etwas Derartiges noch im Aufbau: Die regionale Entwicklungsagentur hatte zunächst im Rahmen des Vorhabens IN-ENTREE100 den Aufbau eines internationalen Campus zu Power-to-X-Technologien und Flexibilitätsoptionen zur Energiewende geplant. Daraus ist mittlerweile das Großprojekt QUARREE100 geworden: Der nachhaltige Umbau der Energieversorgung eines Quartiers in Heide und die Entwicklung zukunftsweisender Energietechnologien.

Stefan Gößling-Reisemann, Professor für Resiliente Energiesysteme in Bremen, erklärte gegenüber HZwei: „QUARREE100 konzentriert sich auf die Versorgung von städtischen Quartieren mit Strom, Wärme und Kraftstoffen aus erneuerbaren Energien. …

H2-Tankstelle für Flensburg

Ganz oben im Norden dreht sich ebenfalls seit Jahren viel um Wasserstoff. In Flensburg soll jetzt die erste H2-Tankstelle Schleswig-Holsteins errichtet werden. Zurückgeführt werden kann dieses Vorhaben auf eine Idee von Reinhard Christiansen, der 2015 plante, gemeinsam mit Energiefirmen in Risum-Lindholm Wasserstoff aus Strom herzustellen und diesen für Brennstoffzellenautos zu verwenden. Der Nordfriese ist nicht nur Geschäftsführer des in Ellhöft angesiedelten Unternehmens Energie des Nordens sondern auch Chef etlicher Bürgerwindparks. Als solcher ist er in der Region bestens vernetzt. Gemeinsam mit über 45 Firmen wollte er ursprünglich eine H2-Tankstelle inklusive Elektrolyseur am Stadtrand von Niebüll ansiedeln.

Tatsächlich könnte eine Wasserstoffstation nun aber in Flensburg gebaut werden. Hintergrund ist, dass sich der dort angesiedelte Verein Erneuerbare Energie und Speicher e. V. (EES), der mit Reinhard Christiansen zusammenarbeitet, im Rahmen der ersten Ausschreibung von H2 Mobility beworben hatte und unter die letzten drei Anbieter gekommen war. Den Zuschlag erhielt in diesem Fall jedoch Halle.

EES-Vorstand Peter Helms berichtete, was dann geschah: …

Nikolas Iwan, Geschäftsführer von H2 Mobility, bestätigte gegenüber HZwei: „Flensburg ist einer von mehr als 20 neuen Standorten, die wir derzeit für eine Implementierung in 2018 prüfen. Wir erwarten in den nächsten zwei-, drei Monaten Klarheit, welche der geprüften Standorte den Anforderungen genügen und von uns umgesetzt werden.“

Schreibe einen Kommentar