Einstige Ideale – Spagat zwischen Vision und Realität

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Werner Diwald

Kennen Sie das? Sie verfolgen seit Jahren eine politische Linie und denken stets, dass Sie genau das Richtige tun. Dann stellen Sie aber eines Tages fest, dass sich irgendetwas falsch anfühlt, so dass Sie sich fragen müssen: Haben Sie Ihre Linie verlassen oder haben sich die Umstände verändert? So ähnlich muss es den Fans der Solarenergie ergangen sein: Anfangs waren sie die Visionäre, die mit sauberem Strom die Welt retten wollten. Und dann wurden sie plötzlich beschimpft, dass sie sich bereichert hätten und nun Schuld für steigende Strompreise seien.

Einigen von ihnen wird man sicherlich vorwerfen können, dass sie im Laufe der Jahre ihre eigene Linie verloren haben. Es gab aber auch die anderen, die ihrer Linie treu geblieben sind, um die herum sich aber die Rahmenbedingungen geändert haben.

Wie viele Personen es nun auf der einen oder anderen Seite gegeben hat, kann ich nicht beurteilen, und darum soll es hier auch nicht gehen. Die wichtigere Frage ist, ob für die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnik sowie den Bereich der Elektromobilität mittlerweile eine ähnliche Entwicklung zu verzeichnen ist. Wie weit haben wir uns bereits von den einstigen Idealen entfernt?

Es gibt sie ja tatsächlich noch, die Erfinder und Tüftler, die bereits vor zig Jahren katalytische Brenner für Wasserstoff entwickelten, die in selbstumgerüsteten Fiat-500-Modellen mit überdimensionierten Stromwandlern im Kofferraum quer durch Deutschland fuhren oder die heute noch unaufhörlich über die Effizienzgewinne von Brennstoffzellen informieren. Die Frage ist nur, wo gibt es für diese Klientel noch Plattformen, auf denen sie ihre Ideen weiterverfolgen können?

Der Deutsche Wasserstoff-Verband war vor zwanzig Jahren ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern (s. DWV: Seit zwanzig Jahren aktiv), die eine Institution ins Leben riefen, in der sich sowohl Visionäre als auch Pragmatiker zusammenschlossen. Über lange Zeit hinweg arbeiteten die Mitglieder emsig daran, Wasserstoff und seine Potentiale bekannter zu machen, was ihnen durchaus gelang. Der Verein wuchs, nahm auch die Brennstoffzellen in seinen Namen auf und richtete sein Tätigkeitsfeld mehr und mehr im Sinne der neuen Mitglieder aus.

Obwohl nach wie vor etliche private Mitglieder dem DWV die Treue halten (derzeit über 200), orientiert sich dessen Politik mittlerweile vornehmlich an den Interessen der aktuell insgesamt 88 dem Verband zugehörigen Firmen. Da die Unternehmen und Körperschaften deutlich höhere Mitgliedsbeiträge als die Privatpersonen zahlen, stehen heute mehr denn je Wirtschaftsinteressen im Mittelpunkt.

Solch ein inhaltlicher Schwenk war vom DWV-Vorstand scheinbar durchaus gewollt, denn nach dem Physiker Dr. Johannes Töpler, der zehn Jahre lang den Verband leitete, wurde 2014 mit Werner Diwald ein Betriebswirt an die Spitze gewählt. Seitdem geht es weniger um Technik und mehr um Politik, was bei einem Lobbyverein nicht weiter verwunderlich ist.

Für den DWV stellt sich aber heute mehr denn je die Frage, wie er diesen Spagat zwischen effektiver Lobbyarbeit und visionärem Vereinsleben bewältigen kann.

Soll er sich weiter professionalisieren und eine eigene Geschäftsstelle mit entsprechendem Personal einrichten? Dafür wäre eine andere Beitragsordnung notwendig, denn der derzeitige Jahresetat reicht schon jetzt hinten und vorne nicht für repräsentative Aktionen. Oder soll er weiter versuchen, durch die Gründung neuer Fachkommissionen Geld hereinzubekommen?

Sich den Zugang zu Politikern zu „erkaufen“ und für die Durchsetzung der eigenen Interessen zu bezahlen, das mag für einige Firmen alltägliches Geschäft und bei einem Lobbyverein nicht unüblich sein. Allerdings besteht dabei die Gefahr von Interessenkonflikten und Intransparenz, was bereits heute von einigen Vereinsmitgliedern kritisiert wird.

Wie auch immer Vorstand und Mitglieder zukünftig den Verein zu gestalten gedenken – die Zeit bis zur nächsten Vorstandswahl sollte sinnvoll genutzt werden, denn schließlich steht irgendwann ein Generationswechsel im Führungsgremium an. Spätestens dann wird sich zeigen, wie industrienah und wie visionär der DWV ist.

Denn irgendwann werden wir uns alle fragen lassen müssen: Sind wir noch auf der ursprünglichen Linie oder haben wir die einstigen Visionen und Ideale längst anderen Zielen untergeordnet? Je nachdem, wie heute die Entscheidungen gefällt werden, könnte sich die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie später einreihen hinter der Solar- und der Windenergie, die innerhalb weniger Jahre einen drastischen Imageverlust erlitten haben. Oder aber sie könnte eine ähnliche Entwicklung durchlaufen wie Computer, Internet und Smartphone, die das Leben der Menschen heute unzweifelhaft maßgeblich beeinflussen.

Editorial vom HZwei-Herausgeber Sven Geitmann, Oktober-Heft 2016

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