Tesla macht es – einfach so – ein Fahrbericht

Tesla-Model-S-webUm eines gleich vorweg mitzuteilen: Dies ist keiner von diesen Erfahrungsberichten, in denen einseitig wahlweise über all die vielen technischen Details geschrieben oder aber über ein nicht perfekt austariertes Fahrwerk genörgelt wird. Hier geht es um die Schilderung nur eines einzelnen Tages mit einem Tesla Model S, an dem schnell klar war, dass ein neues Traumauto gefunden wurde.

Die Nachfrage nach Testfahrzeugen ist groß bei Tesla. Deswegen hat es erstens recht lange gedauert, bis die HZwei-Redaktion ein Elektroauto für eine Probefahrt zur Verfügung gestellt bekam, und zweitens hat es nur für einen Tag gereicht. Diese 24 Stunden reichten aber völlig aus, um feststellen zu können, dass hier eine ganz neue Art der Mobilität gelebt und gefahren wird.

Abholung in Berlin-Schönefeld
Bei dem bereitgestellten Auto handelt es sich um ein Model S P90D, das extra für diese Probefahrt von der charmanten Carla Felicia Gritz aus der Kommunikationsabteilung von Tesla Deutschland von Düsseldorf nach Berlin-Schönefeld überführt wurde. In unmittelbarer Nähe des immer noch in Arbeit befindlichen Flughafens Berlin-Brandenburg International liegt inmitten noch vieler Freiflächen der Berliner Service-Stützpunkt des US-amerikanischen Autoherstellers mitsamt Werkstatt, Store und einem der insgesamt 53 Super-Charger in der Bundesrepublik.

Die für die DACH-Länder verantwortliche Kommunikationsexpertin gibt mir, kurz nachdem ich eintreffe, eine komprimierte, aber umfassende Einführung in die Technik und all die Gimmicks des Fahrzeugs und überreicht mir den „Schlüssel“. Die Bezeichnung „Schlüssel“ ist hier allerdings irreführend, denn tatsächlich erhalte ich ein kleines, daumengroßes Spielzeugauto ohne Räder. Dieser Funkschlüssel nimmt automatisch Kontakt mit dem Auto auf, sobald wir uns auf wenige Meter dem Tesla nähern. Es blinken die Blinker, die Türgriffe fahren heraus und das Auto ist startbereit, obwohl der Kleincomputer noch in der Hosentasche steckt.

Im Innenraum des Fahrzeugs fällt der große Bildschirm sofort ins Auge, der dort installiert ist, wo früher das Radio saß (s. Abb. 2, Printexemplar). Schnell ist klar, dass fast alle Anwendungen dieses Wagens über diesen Touch-Screen gesteuert werden: Sei es die für alle fünf Insassen individuell regelbare Sitzheizung oder das Sonnendach, sei es das Entertainmentsystem oder selbst das Abblendlicht, für das ich dann später während der Fahrt vergeblich einen manuellen Schalter suche. Alles läuft hier über den Computer, der zudem über kostenloses WLAN verfügt. Auf diese Weise hat der Fahrer stets schnellen Zugriff auf diverse Musikdatenbanken (bequem über Sprachsteuerung bedienbar) und kann bei Pausen sogar Filme anschauen. Allmählich verstärkt sich bei mir der Eindruck, dass dies hier das echte „iPhone auf Rädern“ ist (2012 hatte der Daimler-Entwicklungschef Thomas Weber die damals neue A-Klasse so bezeichnet).

Autonomes Fahren wird Realität
Besonders hellhörig, aber gleichzeitig auch skeptisch werde ich, als Carla Gritz vom „autonomen Fahren“ zu erzählen beginnt. Hier war ich bis dato auf dem Informationsstand, dass daran zwar gearbeitet werde, aber allein aus Versicherungsgründen erst Ende des Jahrzehnts mit einer Realisierung zu rechnen sei. Nun berichtet mir aber meine Tesla-Expertin, dass sie fast die ganze Strecke von Düsseldorf bis nach Berlin „teilautomatisiert“ [geändert 28.06.2017] gefahren ist. Das Navi habe ihr auf halber Strecke eine geeignete Schnellladestation vorgeschlagen, wo sie in Ruhe einen Kaffee trinken konnte, und dann sei sie zügig und entspannt bis nach Berlin gelotst worden. Dies sei zwar zugegebenermaßen anfangs etwas irritierend, räumt sie ein, aber man gewöhne sich sehr schnell daran. Selbst einen automatischen Spurwechsel führt das Auto alleine durch.

Aha! Nun bin ich wirklich platt.

Aber genug von technischen Spielereien, ich will fahren. Ich suche den Startknopf, erinnere mich dann aber daran, dass der Tesla bereits startbereit ist. Ich drücke vorsichtig das Strompedal, und der 145.000 Euro teure Wagen (inkl. aller Upgrades und MwSt.) setzt sich leise in Bewegung. Schnell ist klar, dass dies wahrlich keine rollende Verzichtserklärung ist, sondern ein mehr als vollwertiger Sportwagen. Gleich bei den ersten Beschleunigungsversuchen wird deutlich, was es heißt, wenn eine Maximalleistung von 400 kW zur Verfügung steht.

Auf der Berliner Stadtautobahn probiere ich natürlich prompt den Autopiloten aus – erst sehr vorsichtig, dann allmählich etwas ruhiger werdend. Es funktioniert tatsächlich: Im Cockpit werden alle vor und neben dem Tesla befindlichen Fahrzeuge eingeblendet, ebenso die Fahrbahnbegrenzungen. Bei viel Verkehr und kurvigen Strecken fordert der Bordcomputer den Fahrer jedoch auf, selber wieder die Kontrolle zu übernehmen.

Echt erstaunlich: Während andere nur drüber reden, macht Tesla das einfach. Ich bin beeindruckt.

ADAC-Test
„Der ‚Autopilot‘ ist eine Kombination aus den bekannten Assistenzsystemen Abstandsregeltempomat und Spurhalteassistent. Im fließenden Verkehr gewinnt er schnell das Vertrauen des Fahrers.“

Wie von Sinnen
Zu Hause angekommen mache ich sogleich eine Probefahrt mit meinen Kindern. Und die sind gleich nach den ersten Kilometern von diesem Modell noch mehr angetan als von dem BMW i8 (s. HZwei-Heft Jan. 2016), der ja „nur“ ein Hybridfahrzeug ist. Auch hohe Geschwindigkeiten steckt der P90D locker weg. Schneller als 200 km/h, die wir erstaunlich schnell erreichen, traue ich mich dann aber doch nicht zu fahren.

Zu gesteigertem Adrenalinausstoß kommt es dann aber noch anschließend beim Beschleunigungstest: Carla Gritz hatte mir gezeigt, dass dieses Model S über den „Von-Sinnen“-Modus verfügt, den ich bisher nur durch YouTube kannte. Diese im Amerikanischen ehemals als „Insane“-Modus (wahnwitzig) bezeichnete Einstellung heißt mittlerweile „ludicrous“ (aberwitzig) und ermöglicht eine nochmals schnellere Beschleunigung.

Wir halten also auf einer einsamen Landstraße an, wählen per Touchscreen den „Von-Sinnen“-Modus und starten den Countdown: Innerhalb von 3,0 Sekunden katapultiert uns der elektrische Allradantrieb bis auf 100 Stundenkilometer, ohne dass eine Kupplung raucht oder die Räder durchdrehen – trotz feuchter Straße. Nicht schlecht!

Keine Reichweitenangst
Besonders beruhigend bei der ganzen Probiererei ist, dass die so genannte Reichweitenangst bei diesem 2,7 t schweren E-Auto quasi nicht vorhanden ist. Inklusive des Reichweiten-Upgrades ermöglicht dieses Modell eine Fahrstrecke von 505 km (NEFZ geschätzt). Somit zeigt die Reichweitenangabe am nächsten Tag, als ich den Tesla bei moderaten Temperaturen wieder abgebe, immer noch 160 km an, obwohl ich einen durchschnittlichen Energieverbrauch von 266 Wh/km hatte. Wie geht das?

Als ich nachfrage, verweist Carla Gritz einfach nur auf den Fahrzeugaufbau: Der Sandwich-Unterboden ist komplett mit Akkuzellen ausgefüllt (90 kWh, 700 kg, s. Abb. 3). An einer Schnellladesäule lassen sich diese mit Gleichstrom innerhalb von 20 Minuten halb vollladen. Eine Komplettladung an der Haushaltssteckdose dauert hingegen etwa 30 Stunden.

Ansonsten befinden sich hinten zwischen den Rädern lediglich der Heckmotor sowie der Stromwandler (s. Abb. 4). Beim Model S P90D (D = Dual-Motor-Allradantrieb) sitzt noch ein zweiter Motor an der Vorderachse. Diese Aufteilung ermöglicht es nach Aussage von Tesla-Chef Elon Musk, der diese Antriebsart im Oktober 2014 in Los Angeles präsentierte, dass das Drehmoment innerhalb von Millisekunden optimal auf die beiden Achsen verlagert werden kann. Dies erklärt, warum der laut Fahrzeugschein mit 169 kW Nennleistung ausgestattete Wagen bei unserem Sprinttest trotz des nassen Straßenbelags nicht durchdrehte und zudem solch eine beeindruckende Performance aufweist.

Angesichts dieses einfachen Chassis-Aufbaus wird deutlich, wo der grundlegende Unterschied zu konventionellen Antrieben ist: Dieses E-Auto verfügt nur über insgesamt 19 bewegliche Teile. Benzin- oder Dieselfahrzeuge besitzen hingegen rund 400.

Model 3 für 35.000 Euro
Bei einer derartigen Performance stellt sich die Frage, warum die meisten anderen Automobilhersteller ein anderes Konzept favorisieren, bei dem geringe Reichweiten in Kleinwagen angeboten werden. Aufgrund des anhaltenden Erfolgs von Tesla (2015: über 50.000 produzierte Model S, „Auto des Jahres 2016“ bei Auto Motor & Sport) findet allerdings mittlerweile ein Umdenkprozess statt, wenn auch nur langsam. Während aber inzwischen immer mehr Automobilbauer so genannte „Tesla-Fighter“ ankündigen, die den Amerikanern irgendwann mal Konkurrenz machen sollen, bemüht sich das US-Unternehmen derzeit um Downsizing: Ende März 2016 präsentierte Musk mit dem Model 3 eine für Normalbürger bezahlbare Tesla-Version, die ab Ende 2017 für 35.000 Euro auf den Markt kommen soll.

Daimler verlässt Tesla
Nachdem Daimler bereits im Oktober 2014 – ebenso wie Toyota – seine Aktienanteile an Tesla verkauft hat, beendeten die Schwaben im März 2016 komplett die Kooperation. Gegenüber der Automobilwoche erklärte Harald Kröger, der Leiter Elektrofahrzeugentwicklung bei Mercedes-Benz: „Wir haben ein hervorragendes Projekt mit Tesla und arbeiten sehr gut mit den Kollegen zusammen. Folgeprojekte sind aber derzeit nicht geplant, weil wir uns in Zukunft hervorragend selbst versorgen können.“ Bislang waren sowohl die Batterie als auch der Antriebsstrang für die elektrifizierte B-Klasse von Tesla geliefert worden.

5 Gedanken zu “Tesla macht es – einfach so – ein Fahrbericht

    • Davon ist doch gar nicht die Rede,
      ich kenne die Gesetze der Thermodynamik.
      Seit meiner Lehre zum Elektromechaniker in 1962 – 1965.
      Hier geht es um die Sinnlosigkeit des Stromnetzes.
      Siehe die obige Grafik

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