Baden-Württemberg ist eher Mittelmaß

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J. Tomforde, F. Loogen & Parl. Staatssekretär N. Barthle (v.l.)

Wie macht sich die voranschreitende Elektrifizierung im Automobilsektor bemerkbar? Welche Technologiebereiche werden von dieser strukturellen Veränderung betroffen sein? Was muss getan werden, um hier nicht den Anschluss zu verlieren? Fragen wie diese bewegen zurzeit insbesondere die Regionen, die wesentlich vom Automobilbau abhängig sind. Um Antworten zu finden, hat die Landesagentur für Elektromobilität und Brennstoffzellentechnologie, die e-mobil BW GmbH, die Studie „Elektromobilität weltweit – Baden-Württemberg im internationalen Vergleich“ beim Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse wurden im April 2015 während der Hannover Messe vorgestellt.

In Baden-Württemberg sind wichtige global agierende Automobilhersteller wie Daimler, Porsche und Audi zu Hause. Seit mehreren Jahren wird dort zwar schon an Elektrofahrzeugen (xEV) gearbeitet, das Hauptgeschäft wird aber voraussichtlich noch etliche Jahre über verbrennungsmotorisch betriebene Autos abgewickelt. Bei anderen Firmen in anderen Regionen sieht das anders aus. Dort wird das Thema Elektromobilität teils sehr viel stärker vorangetrieben. Aber wie weit genau ist man dort? Um dies zu analysieren, hat die e-mobil BW, die nach den Ausführungen des Geschäftsführers Frank Loogen bis Ende 2019 finanziert ist und auch noch darüber hinaus betrieben werden soll, diese Studie durchgeführt. Die ergab nun, dass Baden-Württemberg Gefahr läuft, den Anschluss zu verlieren.

„Baden-Württemberg ist heute im Bereich der nachhaltigen Mobilität, insbesondere der Elektromobilität, weder eine der weltweit führenden Angebots- oder Anwenderregionen, sondern bewegt sich im internationalen Maßstab im Mittelfeld.“

Der Automobilsektor steht vor grundlegenden strukturellen Veränderungen. Dies betrifft einerseits die Technik und andererseits den Markt. Gemäß der Fraunhofer-Studie ist weltweit „mit einer Stagnation des Automobilabsatzes zu rechnen“. So wird erwartet, dass sich die Menge der in Deutschland hergestellten Fahrzeuge bei rund 6 Mio. Einheiten einpendeln wird. Neue Strukturen und verändertes Mobilitätsverhalten führen allerdings dazu, dass der klassische Verbrennungsmotor zugunsten elektrischer Antriebskonzepte und Energiespeicher zurückgedrängt wird.

Um vergleichen zu können, wie in den verschiedenen Regionen dieser Welt mit dieser Herausforderung umgegangen wird, haben die Studienautoren die für den Elektromobilitätsbereich wichtigsten Länder (China, Japan, Korea, USA, Frankreich) betrachtet und dort die wesentlichen Regionen identifiziert. Für den Vergleich wurden insgesamt neun Regionen, die in den Ländern jeweils führend sind, herausgearbeitet.

Anschließend haben die Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung eine vielschichtige Betrachtung mit Interviews und Patentanalysen sowie mit Vergleichen der Produktionszahlen und der Netzwerke durchgeführt. Sie kamen dabei nach den Worten von Loogen zu folgendem Ergebnis: „In dieser doch noch jungen Technologie gibt es keine Region, die eindeutig in allem vorne liegt. Das Rennen läuft und ist eigentlich offen.“ Weiter erklärte er im Gespräch mit HZwei: „Wir haben alle die Chance, uns nach vorne zu arbeiten.“

„Vor dem Hintergrund der Spitzenposition im Bereich der konventionellen Fahrzeugtechnik, der sich abzeichnenden Veränderungen im Automobilmarkt und der bisweilen sehr hohen Abhängigkeit Baden-Württembergs von der Automobilindustrie ist diese Feststellung als besorgniserregend zu bewerten.“

Die Studienautoren attestieren den verschiedenen Regionen jeweils spezifische Stärken. So verfügt Deutschlands Südwesten beispielsweise über besondere Kompetenzen im Bereich der Elektronik, der Elektromotoren und auch der Hochvoltelektronik. Defizite gibt es hingegen in der Zellproduktion. Cornelius Moll, Projektmitarbeiter der Studie am Fraunhofer ISI, konstatierte: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Baden-Württemberg aktuell weder beim Angebot von Elektrofahrzeugen oder -technologien noch bei der Anwendung der Elektromobilität zur Führungsriege zählt.“ Insbesondere bei der Erforschung und der Produktion von Batterie- und Brennstoffzellentechnologien sieht Moll ausgeprägte Schwächen: „In Baden-Württemberg existieren keine großserientauglichen Fertigungskapazitäten zur Herstellung von Lithium-Ionen-Batteriezellen. Vor dem Hintergrund, dass gerade diese Komponenten das höchste Innovationspotenzial besitzen und auch die höchste Wertschöpfung versprechen, sind die Befunde als äußerst kritisch einzustufen.“

„Mittlerweile scheint – vor allem im Bereich der Batterie und Brennstoffzelle – sogar das Verfolgen einer Second-Mover-Strategie gefährdet. Gleichfalls besteht das Risiko, dass technologische Standards der nachhaltigen Mobilität von anderen Akteuren außerhalb von Baden-Württemberg ausgehandelt und gesetzt werden, was den Rückstand weiter vergrößert.“

Weiter heißt es seitens des Fraunhofer ISI: „Das abwartende Verhalten vieler Großunternehmen der Automobilindustrie schwächt die Entwicklung der Elektromobilität insgesamt. Auch die Technologieentwicklung durch wenige ‚Leuchtturm-Unternehmen‘ und deren eingeschränkte Kooperation mit kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) bei der Entwicklung wichtiger Schlüsselkomponenten könnte dazu führen, dass viele KMU international abgehängt werden.“ Baden-Württemberg drohe ein uneinholbarer Rückstand, so Moll.

Für Baden-Württemberg sprechen die gut etablierten Lieferanten- und Innovationsnetzwerke, zu denen auch exzellente Forschungseinrichtungen zählen. Weiterhin wurde eine solide Bildungsinfrastruktur festgestellt, die als Quelle für qualifizierte Mitarbeiter dienen könne, sowie eine hohe Kompetenz zur Systemintegration. Dazu stellte das Fraunhofer ISI fest: „Zwar besitzt das Land das notwendige Potenzial und die Voraussetzungen, um bei der Entwicklung, Herstellung und Anwendung von Elektrofahrzeugen erfolgreich zu sein – aktuell liegt Baden-Württemberg international jedoch lediglich im Mittelfeld. […] Ein Aufschluss zur Weltspitze kann aber nur gelingen, wenn umgehend tiefgreifende Veränderungen in der Automobilwirtschaft eingeleitet werden.“

„Die Analysen deuten darauf hin, dass Beharrungskräfte derzeit noch weitaus stärker sind als die Wandlungs- und Erneuerungskräfte hin zu neuen Antriebstechnologien. […] Zögerndes Verhalten großer Akteure bremst Elektromobilität insgesamt.“
Zitate aus der Studie

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