Hype-Hopping – Grund sind übersteigerte Erwartungen

Wer hätte das gedacht, dass nach dem Elektromobilitäts-Hype so bald gleich der nächste Hype durch die Energiewirtschaft pflügt. Wir waren doch gerade noch dabei, über das Wohl und Wehe der Elektrofahrzeuge zu sinnieren, da geht es quasi schon wieder los. Dieses Mal unter dem Schlagwort „Energiespeicherung“.

Ein untrügliches Zeichen für das Aufflammen einer neuen Euphoriewelle ist stets die Anzahl der Veranstaltungen, die zu einem speziellen Thema abgehalten werden. Zur Jahrtausendwende boomte es hier ganz kräftig bei allem, was mit Brennstoffzellen zu tun hatte, um 2008/2009 waren es die E-Autos mit der Batterietechnik, jetzt ist es die Speicherung von elektrischer Energie – speziell von „grünem“ Strom.
Ein schönes Indiz für neue Trends sind auch Umbenennungen, so hat sich beispielsweise die Niedersächsische Landesinitiative Brennstoffzelle und Elektromobilität (LiBZEI), die ursprünglich mal Landesinitiative Brennstoffzelle Niedersachsen hieß, im Sommer 2012 zur Landesinitiative Energiespeicher und -systeme Niedersachsen entwickelt.

Passend zu dieser Entwicklung wurde jüngst in der Schweiz eine Studie über Hypes veröffentlicht. Naheliegenderweise haben die Autoren das Thema Technologie-Hype am Beispiel des Brennstoffzellen-Booms von vor zehn Jahren analysiert. Sie stellten fest, dass Hypes stets mit „übersteigerten Erwartungen an die Leistungsfähigkeit einer Technologie“ einhergehen (s. HZwei Januar-Heft 2013, S. 5) – und diese gab es damals zur Genüge.
Brennstoffzellen wurden unter anderem als super-effiziente Heilsbringer verabgöttert. Wasserstoff galt als der Zaubertrank, der aus der dreckigen fossilen Öl- und Kohlewirtschaft eine saubere, schöne H2-Welt machen sollte. Dies allein war es aber noch nicht, denn wie die Autoren der Studie herausfanden, müssen für einen echten Hype zusätzlich noch Erwartungshaltungen auf verschiedenen Ebenen erzeugt werden. So wie damals die Hoffnung, dass sich dank der H2- und BZ-Technik sowohl die Ressourcenverknappung als auch die Klimaproblematik in nichts als Wasserdampf auslösen würden.

Ähnlich war es erst kürzlich bei den Elektrofahrzeugen, die nicht nur eine saubere und leise Mobilität ermöglichen sollten. Nein, sie sollten außerdem auch den gesamten Ökostrom zwischenspeichern und somit quasi über Nacht die abgeschalteten Atomreaktoren ersetzen. Außerdem sollten sie sportlich und mit ordentlich Drehmoment ausgestattet sein und zudem noch möglichst bald über 600 Kilometer am Stück fahren können.

Und nun geht es in gleicher Manier weiter: Das Oberthema ist derzeit Energiespeicherung. Dies umfasst konventionelle Techniken wie Pumpspeicherkraftwerke und Druckluftspeicher, aber eben auch wieder Wasserstoff, der per Elektrolyse erzeugt wird und somit als Speicher für Solar- und Windenergie dienen kann. Hinzu kommt noch das interessante Feld der Methanisierung, damit dann der grüne Wasserstoff deutschlandweit über das Gasnetz verteilt werden kann. Dies schürt dann gleich wieder tolle Phantasien, in denen Hochspannungsmasten zukünftig gänzlich überflüssig werden und jeder Haushalt sein eigenes autarkes Kraftwerk besitzt. Wieder einmal kann mit deutscher Technik ein neuer Leitmarkt erschlossen werden, so scheint es jedenfalls.

Zum Glück wissen wir es heute besser: Auch dieser Hype wird noch etwas anschwellen und dann wieder gehen. Einige Teile dieser Phantasien werden Wirklichkeit, andere verschwinden klammheimlich. Ein Leitmarkt wird daraus nur, wenn nach den ganzen Workshops und Seminaren tatsächlich Produkte entstehen, die nicht von Wissenschaftlern, sondern von Marketing-Profis verkauft werden.

Bis dahin werden wir aber wahrscheinlich schon zum nächsten Hype gesprungen sein, in dessen Schatten sich dann heimlich die alten Hypethemen in Richtung Kommerzialisierung heranpirschen können.

Mal schauen, wo uns der nächste Hype hinträgt.

Bis es allerdings so weit ist, kümmern wir uns in der HZwei erst einmal um die aktuellen Geschehnisse im Bereich der Energiespeicherung (s. Titelstory). Sie finden dazu in diesem ersten Heft des neuen Jahres zahlreiche interessante Beiträge über politische Fördervorhaben (S. 14-15), aktuelle Demonstrationsprojekte (S. 16-21), neue Maßnahmen zum Infrastrukturaufbau (S. 22-23) sowie H2-Speicher unter der Erde (S. 24-25), damit Sie bestens beim momentanen Hype mitreden können.

6 Gedanken zu “Hype-Hopping – Grund sind übersteigerte Erwartungen

  1. Interessante weiterführende Diskussion unserer Studie.

    Kleine Anmerkung, die Studie wurde vom AIT – Austrian Institute of Technology gemeinsam mit einem Schweizer Forschungsinstitut (EAWAG) durchgeführt.

    Oute mich als einer der Autoren der Studie. 😉
    Für nähere Infos zum Thema Hypes und Disappointments stehe ich gerne zur Verfügung.

  2. Ob H2 im Straßenverkehr eingesetzt werden wird, hängt vor allem von der Verfügbarkeit und dem Preis von Öl/Gas ab und der Speicherkapazität der bisher einzigen Alternative zum Wasserstoff – der Batterie.
    Batterien enthalten ca. 70% Inertmaterialien, so dass sich Verbesserungen bei den Aktivmaterialien nur sehr gedämpft widerspiegeln (Beispiel: eine Erhöhung der spezifischen Kapazität eines Kathodenmaterials um das Doppelte macht in der Gesamtbatterie nur 8% aus).
    Aus heutiger Sicht gibt es für Mittel- und Oberklassefahrzeuge oder gar LKW mit Reichweiten von mehreren 100 km nur die Option H2 – auch wenn das zugegebenermaßen schwierig ist.
    Immerhin gibt es Fortschritte bei der Brennstoffzelle. GM plant für 2015 die Kommerzialisierung eines Antriebsstrangs, der nur noch 15 TEUR kosten soll, mit einer BZ, die eine Lebensdauer von 200.000 km hat. Falls das gelingt, werden reine BEVs mit Li-Ionenbatterien bei den hohen Kosten, den Risiken und geringen Lebensdauern dieser Systeme Probleme bekommen.

  3. Hallo Herr Behrenwaldt,
    wenn man bedenkt, dass der größte Teil des mit viel Aufwand und hohen Verlusten erzeugten künstlichen Erdgases wieder nur im Wärmemarkt eingesetzt wird, dann ist es besser, lieber gleich den überschüssigen Strom direkt im Wärmemarkt unterzubringen. Dies ist billiger, effizienter und zudem noch sehr dynamisch regelbar. Wenn man auf diese Weise den Bedarf für Erdgas im Wärmemarkt reduzieren kann, so steht dieses eingesparte Ergas für andere Einsatzmöglichkeiten bzw. als Langzeitspeicher zur Verfügung – man spricht daher auch von „virtueller Methanisierung“.
    Gruß, Martin Kleimaier

  4. Hallo Herr Plagmann,
    Ihr Grundgedanke ist völlig korrekt, aber leider noch nicht realistisch, weil derzeit die Elektrolyseure noch zu teuer sind. Momentan wird an Geräten für industrielle Zwecke gearbeitet. Dass es auch welche für den Hausgebrauch geben wird, das dürfte noch etwas dauern. Das Problem wäre ohnehin, dass Sie den Wasserstoff zunächst komprimieren müssten, bevor Sie ihn in Gasflaschen speichern und transportieren können. Und da es bisher nur sehr wenige Besitzer von Brennstoffzellen gibt, würden Sie zur Zeit noch keine Abnehmer finden.
    Also noch ein bißchen Geduld. Wir halten Sie hier auf dem Laufenden.
    Gruß, Geitmann

    • Ich glaube nicht, dass sich Wasserstoff im Straßenverkehr durchsetzen wird, denn dafür braucht man nicht nur andere Autos, sondern auch eine andere Infrastruktur (Tankstellen, Tankwagen etc.). Zurzeit sehe ich niemanden, der bereit ist, das aufzubauen bevor es nicht wenigstens 1 MIo.H2-Autos gibt. Aber die gibt es nicht, solange es nicht genügend Tankstellen gibt – ein typisches „Huhn-oder-Ei-Problem“.
      Sinnvoller errscheint die Einspeisung ins Gasnetz – mit schrittweise steigendem Anteil. Allerdings wäre der Einsatz von Brennstoffzellen erst möglich, wenn 100% H2 aus der Röhre kommt. Das wird sich vorläfig nur in kleinen, abgschlossenen Netzen realisieren lassen. Das wird wohl erst kommen, wenn Erdgas unbezahlbar wird.
      Gruß, Achim Behrenwaldt

  5. wenn ich jetzt für 0,12 cent Grünen Strom produziere, was wird dann der Wasserstoff kosten
    und wie wird Wasserstoff gehandelt wenn ich Ihn als Kraftstoff verkaufe.
    Durch die Elektrolyse erzeuge ich Wasserstoff ,den fülle ich in mobile Tanks und
    verkaufe Ihn an Besitzer von Brennstoffzellen.
    Können Sie mir dies beantworten .
    Mit freundlichen Grüssen

    Andreas Plagmann

Schreibe einen Kommentar