Politik wie im Paradies

Für Henning Zoz war es, als käme er ins Paradies, als er am 19. Oktober 2011 die Berliner Landesvertretung von Baden-Württemberg anlässlich des parlamentarischen Abends betrat. Alles drehte sich dort um „Wasserstoff und Brennstoffzellen“, wobei die Protagonisten tatkräftig den Eindruck vermittelten, als läge eine goldene Zukunft mit einer nachhaltigen Energieversorgung basierend auf Wasserstoff vor Deutschland. Bei näherer Betrachtungsweise der aktuellen Lage wird jedoch klar, dass bei weitem noch nicht alle Herausforderungen gemeistert sind. Das Stimmungspendel schlägt zwar seit einigen Wochen wieder mehr in Richtung „Wasserstoff und Brennstoffzellen“, auf der Sachebene hat sich im letzten halben Jahr jedoch kaum wirklich etwas bewegt.

Bei dem Aufeinandertreffen der Lobbyisten mit den Parlamentariern, die erfreulicherweise dieses Mal in nennenswerter Anzahl erschienen waren, ging es zunächst vorrangig um eine Darstellung der Errungenschaften, die das Land Baden-Württemberg im Wasserstoffsektor vorzuweisen hat. Dementsprechend drängten sich insbesondere der Autokonzern Daimler sowie der Energieversorger EnBW mit ihren Erfolgen ganz nach vorne. Auch Dr. Johannes Töpler, Vorsitzender des mitveranstaltenden Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbands (DWV), malte ein durchweg positives Bild von der aktuellen Entwicklung, so dass Prof. Dr. Henning Zoz im Rahmen der Podiumsdiskussion aufstand und erklärte: „Ich fühle mich wie im Paradies, seit ich durch die Türen der Botschaft gekommen bin.“ Die prompte Antwort vom Podium lautete sehr zur Erheiterung der Gäste: „Ja, so ist Baden-Württemberg.“

Auch der Gastgeber des Abend, Landesumweltminister Franz Untersteller, sprach viel über die Vorzüge des süd-deutschen Bundeslandes, mahnte jedoch auch an, dass noch einiges in Sachen Effizienzsteigerung und Verbrauchssenkung unternommen werden müsse. Gleichzeitig appellierte er an die Mineralöl- und Gaswirtschaft, möglichst rasch ein akzeptables H2-Tankstellennetz aufzubauen, da die 20 von Daimler und Linde angekündigten zusätzlichen Betankungsstationen zwar richtig und wichtig seien, diese Maßnahme aber nur als Initialzündung verstanden werden dürfte für einen weiteren Ausbau.

Jan Mücke, der parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, beteuerte: „Elektroautos gehört eindeutig die Zukunft“, und kündigte für 2030 rund 6 Mio. E-Fahrzeuge auf bundesdeutschen Straßen an. Er stimmte gleichzeitig in den Chor der Befürworter erneuerbarer Energien mit ein und bekräftigte: „Wind-Wasserstoff-Systeme für saisonale Energiespeicherung können einen wesentlichen Beitrag zur Energieversorgung leisten.“ NOW-Geschäftsführer Dr. Klaus Bonhoff kündigte daraufhin auch an, dass die H2-Produktion aus erneuerbaren Energien im Nationalen Innovationsprogramm zukünftig mit eigenen Projekten vertreten sein werde.

Ein Knackpunkt ging in dieser „paradiesischen Stimmung“ mit den rund 120 geladenen Gästen fast unter und wurde von Bonhoff nur am Rande erwähnt: Die eigentliche Markteinführung von Brennstoffzellen. Er beteuerte zwar, dass bereits erste politische Gespräche über geeignete Förderinstrumente laufen würden, aber selbst ein Energiepolitik-Experte wie Hans-Josef Fell von der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen konnte gegenüber der HZwei-Redaktion nicht beantworten, wer denn da wo mit wem sprechen würde. Fell zweifelte vielmehr stark daran, dass „mit der aktuellen Bundesregierung“ in diesem Bereich überhaupt etwas zu bewegen sei, obwohl hier akuter Handlungsbedarf herrsche.

Wasserstoff aus Kläranlagen

Das Thema Wasserstoff ist inzwischen in vielen Köpfen. Der Wissensstand, den der Einzelne darüber hat, ist jedoch sehr unterschiedlich. Zwar kann man sich über das Internet selbst Informationen beschaffen, allerdings ist es gar nicht so einfach, diese zu filtrieren, damit man am Ende die wichtigsten Fakten über Energieversorgung und Energiespeicher sowie Stromnetze und Stromanbieter hat.

Forscher engagieren sich intensiv in den verschiedenen Betriebsfeldern der erneuerbaren Energie (Windenergie, Sonnenenergie, Biomasse, Geothermie und Wasserkraft). Aber auch am Wasserstoff als alternativer Stromspeicher wird intensiv gearbeitet. Das größte Manko, was der Wasserstoff bisher beinhaltete, konnte nun ausgeräumt werden: die teure und aufwendige Erzeugung. Vielleicht ist hier die Kläranlage eine Lösung. Denn Forscher haben ein Verfahren entwickelt, bei dem Bakterien ohne zusätzliche Stromzufuhr in nur einem Arbeitsschritt zu Wasserstoffgas werden. Die Zersetzung von organischem Material durch Bakterien ist hier ein wichtiger Bereich.

Im kleinen Modell hat es bereits gut funktioniert. Rechnet man die Ergebnisse dieses Labormodells maßstabsgetreu hoch, könnte ein Prototyp 1.000 Liter Wasserstoff pro Tag und Kubikmeter Zellgröße produzieren. Durch dieses Verfahren würde es möglich, reines Wasserstoffgas klimafreundlich und ohne weitre Stromzufuhr herzustellen, erklären Bruce Logan und Younggy Kim von der Penn State University. Setzt man nun die Anlage in einer Kläranlage ein, hat man gleich doppelten Nutzen: zum einen den Wasserstoff und zum anderen die Reinigung des Abwassers.

Eike Rossow

Neue HZwei mit frischem Design

Der aufmerksame HZwei-Leser wird bei der Lektüre des in kürze erscheinenden Oktober-Heftes feststellen, dass sich einiges geändert hat – nicht so sehr inhaltlich, sondern vorrangig graphisch. Wir haben uns erlaubt, nach fast fünf Jahren des Bestehens das Outfit der Zeitschrift etwas aufzupeppen. Allerdings handelt es sich bei den Veränderungen nur um Kleinigkeiten: Die Titel der Berichte sind jetzt farblich abgesetzt, die Auszeichnungsfarbe Blau ist etwas heller, die Fußzeile passt jetzt zur Kopfzeile und – das ist das Wesentliche – die Bilder sind insgesamt größer. Mit diesem frischeren Design wollen wir das Lesevergnügen weiter fördern. Unter der stärkeren Betonung der Abbildungen soll der Inhalt jedoch nicht leiden, deswegen haben wir die Seitenzahl heraufgesetzt. So erhalten Sie schönere visuelle Eindrücke bei gewohnt detaillierten Inhalten. Wir denken, dass die HZwei dadurch insgesamt noch freundlicher, zeitgemäßer und einfach besser geworden ist.
Das Oktober-Heft wird ab Ende nächster Woche erhältlich sein.

Optimismus beim bisher größten f-cell-Symposium

Die Stimmung im Stuttgarter Haus der Wirtschaft war gut. So viele Teilnehmer wie noch nie zuvor waren vom 26. bis 27. September 2011 zur 11. f-cell gekommen. Entsprechend locker gaben sich die Veranstalter, die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) und die Peter Sauber Agentur Messen und Kongresse. „Das war die beste f-cell, die wir je hatten“, freute sich Peter Sauber. Mit zu diesem Erfolg beigetragen haben dürfte die Anwesenheit des neuen Phileas-Busses, der auch den Shuttle-Service für die Gäste der Preisverleihung übernahm.

Es waren nochmals weitaus mehr Besucher als in dem bereits gut besuchten f-cell-Jubiläumsjahr 2010: Über 1.000 Branchenvertreter waren aus insgesamt 26 Ländern angereist. Auch bei der begleitenden Ausstellung waren mehr Institutionen als jemals zuvor vertreten (46). Diese Steigerungen bewirkten nicht nur ein regeres Treiben in den Gängen, sondern gleichzeitig auch eine wesentlich optimistischere Atmosphäre.

Was genau auf einmal zu dem verstärkten Interesse an der f-cell geführt haben könnte, lässt sich nur mutmaßen: War es das klare Bekenntnis von Daimler zu BZ-Fahrzeugen? War es die öffentliche Debatte über Kernenergie und potentielle Energiespeicher? War es die Erkenntnis in der Zulieferbranche, dass ein Weg aus der Krise über neue innovative Techniken führt? Oder war die Zeit jetzt einfach reif?

Vielleicht war es auch einfach die Referentenauswahl, immerhin wurde die Begrüßungsrede zum ersten Mal von einem Landesumweltminister der Grünen, Franz Untersteller, gehalten. Dieser nahm sich dann auch extra viel Zeit und ging ausführlich auf die Energiewende, die Atomkatastrophe von Fukushima, die Landespolitik und natürlich die Brennstoffzellentechnik ein. Er betonte dabei die Notwendigkeit, für den Fahrzeugantrieb „grünen“ Wasserstoff zu verwenden und erklärte: „Die Zukunft hat bereits begonnen.

Beim Ride&Drive-Angebot standen erstmals fünf verschiedene Pkw-Modelle (z.B. Honda FCX Clarity, Opel Ampera) sowie zwei Zweiräder zur Verfügung. Für Aufsehen sorgte HyCologne, das es möglich gemacht hatte, mit seinem 18 m langen Brennstoffzellen-Hybridbus nach Stuttgart zu kommen. Der Phileas hatte erst kurz zuvor seine viermonatige Testphase im Rhein-Erft-Kreis erfolgreich abgeschlossen (s. HZwei-Heft, Juli 2011), bevor er nun im Linienverkehr in Hürth und Brühl eingesetzt wird. Durch die erfolgreiche Fahrt vom Rhein in die baden-württembergische Hauptstadt kamen alle Gäste der f-cell award Preisverleihung in den Genuss einer kostenlosen, leisen und sauberen Probefahrt zu den Stuttgarter Wagenhallen. Boris Jermer und Karsten Krause von HyCologne zeigten sich dementsprechend erfreut über die gelungene Überraschung und berichteten voller Stolz über den niedrigen Verbrauch des Gelenkbusses. Allein die Stuttgarter Wasserstofftankstelle, die trotz des angekündigten Nachfüllstopps am Anreisetag nicht betriebsbereit war, sorgte zunächst für etwas Unruhe. Tags darauf war dann allerdings schon wieder alles voll funktionstüchtig. So konnte dann auch am 28. September die Technik-Tour zum Zentrum E-Mobilität, zu Nucellsys nach Kirchheim/Teck und zum Max-Planck-Institut erfolgreich mit dem Bus durchgeführt werden.

Bei der Verleihung der f-cell awards konnte sich wieder mal eine Abteilung des Hauptsponsors Daimler freuen. Minister Untersteller überreichte den ersten Platz an Dr. Thomas Poschmann, Dr. Steffen Doenitz und Adrian Wieser für die Entwicklung und Produktion des ersten unter Serienbedingungen hergestellten Brennstoffzellen-Pkw, die B-Klasse F-Cell, die erst kürzlich erfolgreich die Erde umrundet hatte. Der zweite Rang blieb ebenfalls in Baden-Württemberg: Die Robert Bosch GmbH erhielt die silberne Auszeichnung für die Entwicklung eines kompakten H2-Dosierventils für BZ-Fahrzeuge verschiedener Größenordnung und Leistungsklasse („Klein aber fein“). Den f-cell award in Bronze mussten sich dieses Mal zwei Unternehmen teil: Zuerst wurde SFC Energy für die neue Produktgeneration des portablen BZ-Systems efoy Comfort geehrt. Anschließend kam Lars Frahm von N2telligence nach vorn und erhielt seine Urkunde für die Entwicklung des Brandschutzsystems QuattroGeneration.

Clean Tech World gibt dem Nachwuchs eine Chance

Auch im zweiten Jahr konnte die Clean Tech World (CTW) trotz ihres überarbeiteten Konzepts noch nicht überzeugen. Obwohl das Wetter vom 30. September bis 2. Oktober 2011 perfekt war und zu einem Ausflug zum ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof einlud, erschienen wie schon im vergangenen Jahr nicht so viele Besucher wie erwartet – trotz freien Eintritts. Insbesondere für die Jugend war jedoch ein attraktives und informatives Programm organisiert worden.

Erste Komplikationen traten bereits im Vorfeld auf, weil der Sponsor für eine Plakataktion abgesprungen war. Auch die Anreise zur CTW gestaltete sich schwierig, da die Veranstaltung nicht wie beim eDay 2009 und im vergangenen Jahr über den Haupteingang des Flughafengebäudes zu erreichen war. Diese Location wäre zu teuer gewesen. Stattdessen musste man sich den Weg zum etwas abseits gelegenen Hangar 2 aufgrund der mangelhaften Beschilderung erfragen. Die dortige Ausstellungsfläche war groß, vielleicht zu groß, so dass sich die Besucher – und auch die E-Fahrzeuge – auf den rund 300.000 Quadratmetern verliefen.

Große Namen suchte man während der CTW vergeblich: Harald Wolf, der Berliner Wirtschaftssenator, hatte zwar die Schirmherrschaft übernommen, erschien aus gesundheitlichen Gründen aber nicht vor Ort. Der Bundesverkehrsminister a.D. Wolfgang Tiefensee, der auf der begleitenden und nur mäßig besuchten Konferenz Clean Tech Insights als Gastredner eingeladen war, sagte kurzfristig ab, und auch unter den Ausstellern war lediglich Mitsubishi Motors Deutschland als klassischer Autohersteller vertreten. Die großen Energieversorger blieben in diesem Jahr ganz der Messe fern. Dementsprechend sarkastisch äußerte sich ein Gast auf der CTW-Facebook-Seite: „Mehr Aussteller als Besucher??? Altes Problem in der Branche.“

Ursprünglich gedacht war die Clean Tech World als „einzigartige Plattform für Zukunftstechnologien verschiedenster Branchen“, so Schirmherr Harald Wolf, aber genau hier scheint das Problem zu liegen: Es wurden alle möglichen Umweltthemen angesprochen, aber keines konkret. Elektromobilität, das als Schwerpunktthema dienen könnte, war grad vor vier Monaten im Rahmen der Michelin Challenge Bibendum an gleicher Stelle sehr viel größer und pompöser von vorne bis hinten durchdekliniert worden.
Erfolgreiche Nachwuchsarbeit

Neu war in diesem Jahr der CTW Talent Day, der als „Drehkreuz für den Nachwuchs“ konzipiert war und durchaus als Erfolg bezeichnet werden kann. Zahlreiche Schüler, Studierende und Berufseinsteiger waren erschienen, um sich über Karrierechancen in der Clean-Tech-Branche zu informieren und an Solarfahrzeugen zu basteln. Insbesondere für die so genannten MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften & Technik) wurde Werbung gemacht, da es hier bereits heute 150.000 unbesetzte Stellen gibt.

Für das große Engagement erhielt Notker Schweikhardt, der Creative Director der CTW, gleich am ersten Messetag eine besondere Auszeichnung. Christian Dallwitz, Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank Berlin, zeichnete die Clean Tech World als „Ausgewählten Ort 2011“ im bundesweit ausgetragenen Innovationswettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“ aus. Dallwitz betonte: „Die Clean Tech World ist eine einzigartige Plattform für Umwelttechnologien. Sie gibt dem Thema Nachhaltigkeit ein breites öffentliches Forum, vernetzt Experten und fördert die Kooperation von Unternehmen aus der Umweltbranche. Die Clean Tech World integriert Ökonomie und Ökologie – auf bislang einmalige Weise.“

Im Vorfeld hatte Falk Schweikhardt, Geschäftsführer der CTW-Messe erklärt: „Wir bündeln die nationalen Kompetenzen im Bereich eMobility und zeigen schon heute, was morgen möglich ist.“ Wenn allerdings das Gezeigte tatsächlich die gesammelte nationale Kompetenz gewesen sein sollte, könnte Deutschland seine Ambitionen, Leitmarkt für Elektromobilität werden zu wollen, getrost vergessen. Die Gebrüder Schweikhardt wollen trotz alledem auch fürs nächste Jahr an ihrem Konzept festhalten.